Heimspiel mit Kästner

Wolf Butter, Musiker, Komponist, Schauspieler und Hochschullehrer, wuchs in Hartenstein auf. Sein literarisches Programm auf Schloss Wildenfels wurde darum fast zu einem Klassentreffen.

Wildenfels.

Dieser Abend war ein Heimspiel für Wolf Butter, so viel steht fest. "Hallo, Wolf!" - "Ach, die Gitti. Schön, dass ihr hier seid!" Ganz entspannt pafft der Künstler im Hof von Schloss Wildenfels eine letzte Zigarette vor dem Auftritt, umarmt die Gitti, herzt die Ingrid, plaudert kurz mit Hans-Georg, dann geht es los mit Erich Kästner.

Der Schauspieler Wolf Butter ist, das muss man wissen, im benachbarten Hartenstein aufgewachsen. Seine 91-jährige Mutter wohnt noch immer dort und ein Großteil derer, die am Dienstagabend zu seinem Programm in den Schlosssaal von Wildenfels strömten, waren ehemalige Schulkameraden oder Freunde aus alter Zeit. "Ich muss kein Klassentreffen machen. Ich muss nur hier auftreten, dann ist die ganze Truppe zusammen", kommentiert Butter mit einem Augenzwinkern.

Geboren in Aue, hat der Sohn des Hartensteiner Ortschronisten dort seine prägenden Jahre verbracht, auch in künstlerischer Hinsicht. Schon als Sechsjähriger spielte er im "Altenburger Prinzenraub" mit. Das bedeutende Ereignis der sächsisch-thüringischen Geschichte wurde vom Arbeiter- und Bauerntheater regelmäßig auf der Burg Hartenstein aufgeführt. Daran erinnert sich auch Günther Backmann aus Hartenstein, der mit Butter zusammen die Schulbank gedrückt und im Theaterstück eine wichtige Rolle besetzt hat: Die des Scharfrichters - als welcher er auch von Wolf Butter euphorisch begrüßt wurde.

Während allerdings der Bühnen-Scharfrichter schon lange nicht mehr den Mimen gibt, zog es Wolf Butter auf die Bretter, die für viele die Welt bedeuten: Er lernte am Robert-Schumann-Konservatorium in Zwickau Klarinette zu spielen, arbeitete als Bühnenmusiker, Komponist, Dozent, Schauspieler und Regisseur. Engagements führten ihn an die Berliner Volksbühne, ans Berliner Ensemble und zu den "Stachelschweinen". An der renommierten Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" lehrte er und war Professor für Musikalisches Rollenspiel am Max-Reinhardt-Seminar in Wien. Butters kompositorisches Werk aufzuzählen, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, zu viele Kammer-, Bühne-, Film- oder Hörspielmusiken stammen aus seiner Feder. Und nun also so was wie ein Heimspiel mit Erich Kästner ...

Kästner und seine Zeitgenossen Kurt Tucholsky und Joachim Ringelnatz haben es dem 70-Jährigen, der heute in Grünheide bei Berlin und in Spanien lebt, schon lange angetan. Im Jahr des 120. Geburtstags Kästners erfahren die "Plaudereien über die Freuden und Tücken des Lebens" nun eine Renaissance. "Seine Gebrauchslyrik, so nannte Kästner es selbst, hat kein Verfallsdatum. Es ist immer wieder erstaunlich, wie aktuell das alles ist", beschreibt Butter, was ihn an den heiteren, ernsten, politischen oder erotischen Texten aus Kästners reichem Repertoire fasziniert.

Und spätestens jetzt muss man doch auf diese Redewendung kommen, die sich fast penetrant aufdrängt: Butter bei die Fische geben. So lässt sich das beschreiben, was Kästner ganz trefflich versteht. In seinen Texten, Gedichten und den einprägsamen Epigrammen redet er Klartext, spricht aus, was nicht jeder gerne hört, bringt die Dinge auf den Punkt: "Wer was zu sagen hat, hat keine Eile. Er lässt sich Zeit und sagt's in einer Zeile."

Ohne Frage, Wolf Butter liegt derKästner. In existentialistisches Schwarz gekleidet, versteht es der hagere Mime mit dem markanten Schnäuzer, sein Publikum mitzureißen. Sogar eine eigene Vertonung aus Kästners "Lyrischer Hausapotheke" gibt der Künstler zum Besten: "Raus mit die Gefühle oder rin mit die Gefühle oder nicht?", beschreibt er darin gewisse "Atmosphärische Konflikte".

Die gab es an diesem Abend nicht. Die alten Schulkameraden verlassen zufrieden das Schloss Wildenfels. Sie sind tief beeindruckt von der - für einen Schauspieler selbstverständlichen - Tatsache, dass sich Butter den Text für eine ganze Stunde merken kann.

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