Integration mit Sieben-Meilen-Stiefeln

Das Mehrgenerationenhaus im SOS-Kinderdorf Zwickau ist einer der Sieger des Preises "Demografiegestalter 2019". Für sein Magazin "grenzenlos" erhielt es 2000 Euro - am Dienstag war Übergabe.

Zwickau.

Es soll viermal im Jahr mit einer Auflage von 1500 Exemplaren erscheinen, und hat schon nach den ersten Ausgaben einen Preis gewonnen. Für das Zwickauer Magazin "grenzenlos" gab es den Preis "Demografie-Gestalter 2019" in der Kategorie Integrationsarbeit. Das besondere des erstmals Ende September 2018 erschienenen Heftes - es wird von Geflüchteten für Geflüchtete und ihre Nachbarn herausgegeben.

Zu den Mitarbeitern gehört Hani Fard - blauäugig und blond und damit nicht wie ein typischer Iraner aussehend. Womit wir schon bei dem Punkt angekommen wären, gegen den die Macher des Magazins ankämpfen. "Gegen die Pauschalisierung" - so fasste es im Gespräch mit dem Redaktionsteam Stefan Zierke zusammen. Der parlamentarische Staatssekretär des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ehrte das Mehrgenerationenhaus des SOS-Kinderdorfs am Dienstag für das Projekt.


Der 32-jährige Hani Fard flüchtete vor 15 Monaten aus dem Iran. Der Bauingenieur entkam so einer Haftstrafe für ein von ihm selbst gedrehtes und ins Internet gestelltes regimekritisches Video. Die 80 Peitschenhiebe blieben ihm aber nicht erspart. Mit einer Bürgschaft durfte er wegen Erkrankung seiner Mutter die Untersuchungshaft für drei Tage verlassen. Er nutzte die Zeit, um zusammen mit seiner Frau Pegah Khazalipoul die Heimat zu verlassen.

"Heimat" war das Thema der jüngsten Ausgabe des Magazins. Da schrieb er: "Die Heimat ist dort, wo du jeden Tag deine Nachbarn triffst; wo es einen guten Laden zum Einkaufen gibt, ein Restaurant, in das du hin und wieder essen gehst; wo es Wege und Straßen gibt, die du gern entlang spazierst, zusammen mit dem Menschen, den du liebst. Möglicherweise wurdest du dort geboren, vielleicht auch nicht."

"Wenn man sich überlegt, dass Hani und Pegah erst seit etwas mehr als einem Jahr in Deutschland sind, ist es unglaublich, welche Sprachfortschritte sie gemacht haben", sagte Projektleiterin Susanne Hartzsch-Trauer. Mit Sieben-Meilen-Stiefeln erobern alle, die am Projekt mitarbeiten, die deutsche Sprache, die enorm wichtig für ihre berufliche Integration ist. "Wir haben die B1-Sprachprüfung geschafft", berichtete Hani. Nun beginnt er eine Ausbildung im Beton- und Stahlbau. Die theoretische Fahrprüfung hat er ebenfalls bereits bestanden. Seine Frau bereitet sich derweil auf die nächste Deutschprüfung vor. Sie hofft auf eine Ausbildung als Bankkauffrau. "Ich habe in Teheran in der Bank gearbeitet."

Die 30-jährige Designerin Iman Khandash hat in ihrer syrischen Heimatstadt Aleppo als Dozentin an der Uni unterrichtet. "Ohne sie geht nichts, weil sie für das gesamte Layout verantwortlich ist", sagte Hartzsch-Trauer. Die Syrerin macht ab August ein Praktikum bei einer Designagentur. Ihr dreijähriger Sohn Tim ist echter Zwickauer. "Mein Mann, der auch am Projekt mitarbeitet, und ich fühlen uns sehr wohl in Zwickau. Ich finde, dass es leichter ist, in einer kleinen Stadt Kontakt zu Menschen aufzubauen. Und ich bin Susanne sehr dankbar dafür, dass sie zu uns ins Heim kam und uns so die Türen in das Mehrgenerationshaus eröffnet hat."

Nichts geht bei "grenzenlos" auch ohne Khandashs Landsmann, den Fotografen Abdul Rahman Takleh. "In Bildern will ich die schönen Momente des Lebens festhalten", sagte der 27-Jährige, der aus Damaskus stammt und seit 2015 in Zwickau lebt. Zurzeit absolviert er eine Ausbildung und pendelt dafür nach Plauen und Leipzig. Die Mitarbeit an "grenzenlos" deswegen an den Nagel zu hängen, kommt für ihn aber nicht infrage. Dafür mache sie viel zu viel Spaß, sagte der Gewinner des Sächsischen Jugendkunstpreises 2017 in der Kategorie "Fotografie".

Die 2000 Euro Preisgeld für "grenzenlos" sollen für einen Erfahrungsaustausch mit einem Schreibprojekt für Geflüchtete und Einheimische in Berlin genutzt werden.

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