Keine Raketenforscher, aber glücklich

Von Kindern mit Down-Syndrom können wir viel lernen, meint ein Professor. Eltern aus Westsachsen bestätigen das: Noah entschleunigt unser Leben, sagt eine Mülsenerin. Eine Familie aus Glauchau kümmert sich gleich um zwei Trisomie-21-Kinder.

Zwickau.

Bruno Martens (12) sitzt an diesem warmen Tag ein wenig abseits von den anderen Kindern. Scheinbar genießt der Meeraner, der noch zwei Brüder hat, die Ruhe am Rande des Spielplatzes. Er sagt nichts, beobachtet aber. Auf seinem Schoß hält er einen kleinen roten Kasten, aus dem Weihnachtsmusik klingt.

Bruno ist ein Trisomie-21-Kind und hat zudem autistische Züge. Nach den Worten seiner Mutter Sabine kann er richtig quirlig sein. "Verhaltensoriginell", nennt sie das lachend. Bruno mag keine großen Feste. Die Eltern akzeptieren das, ohne dass sie etwas vermissen. "Unser Leben ist so schon aufregend genug. Da ziehen wir Ausflüge in der Natur vor", sagt die Mutter. Ihr Sohn liebt es, mit dem Vater Fahrrad zu fahren - auf dem Tandem. Gelegentlich stopft er aber auch eine Socke in eine Kaffeetasse. "Bruno bringt immer neue Aspekte in unser Leben", sagt die Mutter schmunzelnd.


Leben - in Deutschland dürfen das viele Kinder mit dem sogenannten Down-Syndrom gar nicht erst probieren. Beinahe neun von zehn Embryos mit Trisomie 21 werden nach Angaben der Stadtmission Zwickau vorgeburtlich abgetrieben. Grund genug für den Wohlfahrtsverband, das Thema im Jahr seines 150. Geburtages zu vertiefen.

Andre Frank Zimpel, Professor für Erziehungswissenschaft an der Uni Hamburg, räumte jetzt in einem proppevollen Hörsaal der Westsächsischen Hochschule vor mehr als 120 Besuchern mit alten Vorurteilen auf, beteuerte, dass man von Menschen mit Down-Syndrom Etliches lernen kann. Zimpel zufolge gehört dazu, dass Sinn und Freude wichtiger sind als Leistung. Überhaupt lebten wir gar nicht in einer Leistungs-, sondern in einer Erfolgsgesellschaft, denn Leistung werde oft genug gar nicht anerkannt. Intelligenz sei zudem häufig da, wo sie keiner erwartet. "Es ist das, was wir einsetzen, wenn es keine vorgegebene Lösung gibt", so Zimpel. Und Selbstgespräche, wie sie Kinder mit Down-Syndrom führen, seien eine gute Strategie, um Probleme, die uns überfordern, zu reflektieren und so rationalere Lösungen zu finden.

Noah Fresemann (10) weiß genau, was er will und wie er unter Umständen bekommt, was er will, verrät seine Mutter Jana. Mit seinem Charme schafft er es schnell, mit Fremden ins Gespräch zu kommen, und er versteht es, sich in Dingen, die er nicht sonderlich mag, von ihnen helfen zu lassen. Die Mülsenerin, die noch zwei jüngere Mädchen hat, sagt, dass sie durch ihren Sohn andere Sichtweisen auf das Leben bekommen hat. "Durch ihn habe ich gelernt, was wirklich wichtig ist. Noah entschleunigt unser Leben."

Katrin Drescher erfuhr in der 20. Schwangerschaftswoche, dass ihr drittes Kind mit einem Chromosom zu viel auf die Welt kommen wird. "Da entstehen sofort Bilder im Kopf, und man bekommt Angst. Aber ich habe den Herzschlag gehört und wusste, dass ich das Kind liebe", sagt die Mutter. Sie traf sich mit Menschen, die Kinder mit Down-Syndrom haben, und sah trotz vieler Mühen Glück. "Da wussten wir, wir schaffen das auch." Bis zur Geburt hätten Zweifel sie geplagt. Dann kam Tim. Von der ersten Sekunde an wusste die Zwickauerin: Den kannst du nur lieb haben. Heute ist Tim 14 Monate alt, hat wegen eines Darmverschlusses einen längeren Krankenhausaufenthalt hinter sich und ist doch ein Sonnenschein: ruhig, geduldig und freundlich.

Salome Faller (10) aus Neukirchen besucht die dritte Klasse einer Regelschule. Die Eltern, die noch einen Sohn haben, sind sehr zufrieden mit dieser Entscheidung. "Das Lesen klappt, nur Mathe mag sie nicht", sagt die Mutter. Salome sei ein quirliges Mädchen, immer in Bewegung und sehr harmoniesüchtig. Und sie will immer, dass es allen gut geht. "Als ich mal krank war, ist sie gleich mit krank geworden", erzählt die Mutter.

14 Tage vor der Geburt haben die Eltern erfahren, dass die Tochter Trisomie 21 haben wird. Fallers haben nie auch nur darüber nachgedacht, das Kind wegzugeben.


Uni-Abschluss möglich

Wieso bedeutet die Erwartung einer "geistigen Behinderung" für Menschen mit 47 Chromosomen oft den Tod - und das schon vor der Geburt? fragt André Frank Zimpel (Foto), Professor an der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg, in seinem Buch "Trisomie 21 - Was wir von Menschen mit Down-Syndrom lernen können" (Verlag Vandenhoeck & Ruprecht). Er hat eine Studie mit 1294Menschen mit Trisomie 21 geleitet und ist dabei auf erstaunliche Dinge gestoßen.

Zimpel erinnert, dass die Geschichte voller Beispiele ist, in denen man Menschengruppen die Intelligenz absprach. Doch mittlerweile machen Menschen mit Trisomie 21 Universitätsabschlüsse - zumindest in Japan, Spanien, Italien, Israel, den USA. Als erste Akademikerin der Welt studierte 1998 die Japanerin Aya Iwamoto mit Trisomie 21 Englische Literatur und übersetzt heute Bücher. Im spanischen Malaga absolvierte 1999 der Autor und Filmstar Pablo Pineda erfolgreich ein Studium in Erziehungswissenschaften. Karen Gaffney erhielt 2013 die Doktorwürde an der Columbia University in Portland.

Intelligenz ist keine Eigenschaft sondern ein soziales Konstrukt, sagt der Erziehungswissenschaftler. Menschen mit Down-Syndrom sind weder dumm noch behindert, es sind Menschen mit Lernschwierigkeiten. Zwar können sie sich lange auf einen Lerngegenstand konzentrieren, doch ist ihr Aufmerksamkeitsumfang geringer. Sie eignen sich Dinge anders an als Menschen ohne diese genetische Abweichung, neigen dazu, von Einzelheiten abzusehen, und sind deshalb mehr auf Abstraktionen angewiesen.

Viel mehr Begegnung und Aufklärung sind in den Augen Zimpels nötig, um Frauen in der Zeit der Schwangerschaft mit ihrer Verantwortung nicht allein zu lassen. Und ja: Für die Erziehung dieses Kindes brauchen selbst die besten Eltern der Welt mindestens ein ganzes "Dorf" an Unterstützern. (upa)

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 1 Bewertung
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...