Manchmal muss es eben Zwickau sein

Zum Fest der Familie hält es nicht jeder ununterbrochen in der Familie aus. Die "Freie Presse" ist mit den Feierwütigen durch die Clubs gezogen.

Zwickau.

Wir müssen mal raus, neue Gesichter sehen. Oder noch besser: altbekannte.

So oder ähnlich muss es über Weihnachten durch viele Köpfe geschossen sein. Denn die Clubs in Zwickau bersten vor lauter Gästen und Partylaune. Zu viel Besinnlichkeit scheint nicht jeder zu vertragen. Die Tanzbeine zucken und wollen auf ihre eigene Weise feiern. Wenn man sich dem Club Seilerstraße nähert, künden die nach draußen durchsickernden Bässe schon an, dass hier keine Glöckchen klingeln. Drinnen bewegen sich im blauen Licht die ersten Tänzer zu Technorhythmen. Es ist kurz vor Mitternacht - die Party nimmt erst an Fahrt auf.

Im Raucherabteil - soweit von der Musik entfernt, dass man sich nicht allzu laut anschreien muss - sitzen Lisa und Johannes , beide 21 und damit etwas jünger als der Durchschnitt an diesem Abend. Lisa sagt, sie habe den ganzen Heiligen Abend mit der Familie verbracht. "Am 25. kann man schon mal weggehen", fügt die Zwickauerin an. Diesen Club hat sie sich wegen des Technos ausgesucht. Und weil man hier nicht so sehr aufs Aussehen achtet, sondern wegen der Musik herkommt. Johannes, der aus Reichenbach stammt und als Student selbst in einem Freiberger Studentenclub arbeitet, weiß, wie es an solchen Tagen zugeht: Das Personal hat viel zu tun. Er hingegen wirkt so, als könne er hier gut entspannen. Trotz oder wegen des Trubels.

Lisas Worte über die Wichtigkeit von Klamotten noch im Ohr, wirkt die Diskothek "Nachtwerk" wie eine andere Welt. Hier treffen sich überwiegend sehr junge Leute, die sich für den Abend wirklich schick gemacht haben. Die Schuhe sind höher, die Hosen enger, und das After Shave ist großzügiger verteilt. Außerdem geht auf der Tanzfläche kein Lebkuchen mehr zu Boden, so eng ist es dort inzwischen. Chef Mike Parche erwartet noch mehr Gäste, 600 bis 700 sollen es am Ende der Nacht sein. Das Besondere an Weihnachten, sagt er, ist der Appetit. "Der Party-Kuchen wird auf sehr viele Esser aufgeteilt", sagt er mit Blick auf die zahlreichen Veranstaltungen in den kommenden Tagen. Aber offenbar reicht es für jeden zum Sattwerden. Parche verlässt sich an diesem Abend auf sein Stammpublikum - die seltenen Gäste, die tanzen um einen anderen Baum.

Und der steht in dieser Nacht in der "Mocc". Die Vorverkaufskarten für die Coming-Home-Party waren schnell vergriffen, der Rest an der Abendkasse begehrt. Es ist ein Fest für diejenigen, die Zwickau den Rücken gekehrt haben, die es aber zur Weihnachtszeit zur Familie zieht. So wie Frank Bochmann, den Familie und Beruf nach Norwegen gelockt haben. Der 41-Jährige hat seine Kinder mit nach Zwickau gebracht. "Sie lieben die Stadt", sagt er. Aber Norwegen ist eben auch schön - nur zu Weihnachten überwiegt das Heimweh. Er ist kein jährlicher Gast auf dieser Party, aber er kennt und schätzt sie. Man trifft die Wegbegleiter von früher, man hat sich was zu erzählen, man verbringt Zeit miteinander. Auch auf diese Weise wird Weihnachten zu einem Fest der Liebe und der Freundschaft. Dass es ausgerechnet zu dieser Zeit im Rathaus eine Heimkehrerbörse gibt, für Menschen, die gern wieder in Westsachsen leben und arbeiten wollen - davon hat Frank Bochmann noch nicht gehört. Aber er hört nicht uninteressiert zu. Anders als Maria. Die 36-Jährige lebt in der Schweiz, sie sagt, es ist überall schön. Und manchmal muss es dann eben wieder Zwickau sein.

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