Mit dem Leben davongekommen

30 Jahre Wende: Wie erlebten Menschen in unserer Region diese Zeit? Darüber berichten wir in einer Serie. Heute: Heinz Schlenker, der wegen der Mangelwirtschaft im Herbst 1989 beinahe gestorben wäre.

Lichtentanne.

Für den heute 80-jährigen Heinz Schlenker aus Lichtentanne war der Mauerfall mehr als nur ein epochales Ereignis. Er ist damals dem Tod möglicherweise noch einmal von der sprichwörtlichen Schippe gesprungen.

"Wir sind Ende August 1989 mit dem Auto nach Ungarn gefahren. Dabei hatten wir den Gedanken im Hinterkopf, vielleicht über Österreich in den Westen abzuhauen. In Ungarn hat es mich dann aber gesundheitlich aus dem Rennen genommen. Fieber, Übelkeit, Durchfall - mir ging es richtig dreckig", erinnert er sich. Trotzdem wollte sich Schlenker keinesfalls im Ausland in ärztliche Behandlung begeben. Als einziger Ausweg blieb schweren Herzens nur die Rückfahrt in die DDR. Aber auch die verlief nicht glatt. In Prag riss die Lichtmaschine des Trabis ab. "Ich bin sowieso schon im Fieberwahn gefahren, und dann auch noch ohne Licht. Es war eine Katastrophe. Als wir in Reitzenhain über die Grenze wollten, hat man sich überhaupt nicht um meine angeschlagene Gesundheit geschert, sondern das ganze Kontrollprogramm abgezogen. Denen hat wohl nicht gefallen, dass wir ein Poster der Tennisspielerin Steffi Graf im Gepäck hatten."

Die Schlenkers überstanden auch diese Schikane und durften die Reise fortsetzen. Zumindest bis nach Marienberg. Dort ging es Heinz Schlenker derart schlecht, dass der Trabi abgestellt und die Fahrt nach Zwickau in einem Taxi fortgesetzt wurde. Im Heinrich-Braun-Krankenhaus (HBK) angekommen, wartete das nächste Desaster. "Es waren kaum noch Ärzte da. Und auch mit dem Bestand an Medikamenten war es nicht weit her. Man hat mich zwar untersucht, aber wieder entlassen, weil trotz starker Schmerzen keine eindeutigen Symptome erkennbar waren", berichtet der 80-Jährige. Er ging wieder auf Arbeit. Erst als sich sein Zustand weiter verschlimmerte, suchte er erneut die Klinik auf. Stationäre Aufnahme? Fehlanzeige. "Angeblich war kein Bett frei, und auch die erforderlichen Antibiotika stünden nur noch in wenigen Dosen zur Verfügung. Ich bekam gesagt, man könne nur Leute nehmen, die quasi auf der Straße zusammenbrechen."

In seiner Verzweiflung setzte sich Heinz Schlenker schließlich mit seinem in Kiel lebenden Bruder in Verbindung, um sich im Westen operieren zu lassen. Wenige Stunden später erhielt er einen Anruf aus dem HBK, dass für ihn ein Bett frei sei. "Aber ich wollte nicht mehr. In Anbetracht des Mangels an Ärzten und Medikamenten scheute ich das Risiko." Heinz Schlenker ahnte den Grund für das Einlenken der Klinik. Ein Abkommen zwischen der DDR und der BRD sah vor, dass Operationen im jeweils anderen Teil Deutschlands von dem Staat zu bezahlen waren, aus dem der Patient stammte. Die DDR, chronisch devisenklamm, wollte diese finanzielle Belastung natürlich umgehen.

Am 14. November, fünf Tage nach dem Mauerfall, setzte sich der Lichtentanner in sein Auto und fuhr nach Kiel. Hausarzt, Überweisung in die Klinik, einen Tag später die Operation am Blinddarm. Heinz Schlenker: "Auch die Westkollegen waren sich bei den Symptomen nicht sicher, was mir fehlt. Aber ich kam zumindest unverzüglich unters Messer." Wie dringend der operative Eingriff war, förderte der OP-Bericht zutage, den Heinz Schlenker den HBK-Ärzten übergab. "Es war eine ganz schwierige Operation, bei der Entzündungen und lange vorhandene Verhärtungen festgestellt wurden. Die Zwickauer Ärzte haben nicht nur die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, sondern auch über den medizinischen Fortschritt ihrer Westkollegen gestaunt. Das hoch gelobte DDR-Gesundheitssystem hinkte zumindest in dieser Hinsicht den aktuellen Standards hinterher."

Noch heute hält Schlenker seine Entscheidung für richtig, sich im Westen operieren zu lassen. Das habe möglicherweise sein Leben gerettet. "Bedingt durch den medizinischen Notstand und die Mangelwirtschaft im Osten - die speziell während der Wendezeit sehr deutlich zu Tage trat - bin ich mir nicht sicher, wie die Sache ausgegangen wäre, hätte ich das nicht gemacht."

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