Mrs. Schumann wird emotional

Peggy Schumann Pahoulis (72) ist die Ururenkelin von Clara Schumann. Bei ihrem ersten Deutschland-Besuch kommt die NewYorkerin nicht mehr aus dem Staunen heraus.

Zwickau.

Wer weiß schon etwas über seine Ururgroßeltern? Über Menschen, die vor 200 Jahren zur Welt gekommen sind, vielleicht sogar in einem Land, vielleicht auf einem anderen Kontinent? Wer kennt ihre Vornamen? Peggy Schumann Pahoulis ist so jemand. Ihre Ururgroßmutter ist Clara Schumann. Jene Clara Schumann, die am Freitag anlässlich ihres 200. Geburtstags von der Titelseite der "Freien Presse" lächelt. "How wonderful", sagt Ururenkelin Peggy im Foyer des Zwickauer Schumann-Hauses und beäugt entzückt das Titelbild. Jetzt müsste man nur noch deutsch lesen können, sagt sie auf Englisch und lacht ein herzhaftes amerikanisches Lachen.

Freitagmittag beginnt im Zwickauer Robert-Schumann-Haus ein Geburtstagskonzert zu Claras 200. Wiegenfest. Der Konzertsaal ist schon ganz gut gefüllt, als 25 Minuten vor dem Beginn die 72-jährige Ururenkelin das Foyer betritt und sofort von Thomas Synofzik begrüßt wird, dem Leiter des Hauses. Peggy Schumann Pahoulis stammt aus New York, lebt dort und zeitweise in Virginia, wie sie sagt. Sie hat den größten Teil ihres Lebens in der US-Ostküstenmetropole verbracht. Weder spricht sie deutsch, noch hat sie das Land ihrer Vorfahren je vorher besucht, erzählt sie. Sie ist eine äußerst freundliche ältere Dame, die sich beim Gehen auf einen Stock stützen muss. Sie posiert ein wenig für die Fotografen, die sie im Vorraum umschwirren. Ihre Tochter, Clara Schumanns Urururenkelin, hält sich währenddessen abseits. Sie will kein Foto, sagt sie. Stattdessen zückt sie selbst einen Apparat und macht ein Bild, auf dem zu sehen ist, wie ihre Mutter von Fotografen fotografiert wird. Es ist alles etwas unwirklich.


Der 200. Geburtstag von Clara Schumann ist ein Glücksfall für das Robert-Schumann-Haus. Selten stand die Zwickauer Einrichtung mit der weltweit größten Clara-Schumann-Sammlung so im Fokus, allein in dieser Woche war Leiter Synofzik als Interviewpartner im WDR, im MDR und sogar in der "New York Times" vertreten. Am Freitag plaudert er nun in flüssigem Englisch mit der New Yorkerin Peggy Schumann. Irgendwann kommen die Beiden in der neuen Sonderausstellung, die eigentlich erst am Samstag eröffnet wird, vor einer Büste Claras zum Stehen, um deren Schultern ein originaler Hermelinpelz hängt. Die 72-Jährige lächelt und staunt. Sie staunt viel in diesen Tagen.

Wer den Namen Schumann trägt, kommt ohne Musik nicht durchs Leben. Der Urgroßvater von Peggy Schumann Pahoulis wanderte nach New York aus, lernte dort eine Amerikanerin kennen und blieb in den Vereinigten Staaten. Ihr Vater wurde Berufsmusiker. Ausgebildet in klassischer Musik gründete er in den 1940er-Jahren in New York eine Tanzband. Ihre Cousins sind Musiker. Sie selbst wollte das nie, sagt die 72-Jährige. "Ich konnte als Kind den Musiklehrer nicht leiden", sagt sie und kichert. Musik, das sei ihr zu viel Disziplin, Wiederholung, Konzentration und Anstrengung gewesen. "Ich liebe es, zuzuhören", sagt sie. Sie besitzt auch ein Klavier, an dem sie manchmal spielt. Das sei eine Leidenschaft, sagt sie. Ihre Brötchen verdiente sie dann aber lieber als Büroangestellte.

Vor mehr als 25 Jahren bekam sie von ihrem Vater einen fremden Geldschein geschenkt, eingeschweißt in Plastik, erzählt sie. Den 100-D-Mark-Schein mit dem Porträt Clara Schumanns. Wer hat schon Vorfahren, die auf Geldscheinen fremder Länder abgedruckt sind?

Zum Beispiel auch die Urenkelinnen von Clara Schumanns Bruder Woldemar Bargiel. Eine von ihnen war auch schon am Freitag zum Geburtstagskonzert in Zwickau, sie wollen sich aber vor allem am Samstag in Zwickau das historische Markttreiben ansehen und abends die Schumann-Gala in der Lukaskirche besuchen.

Dieses Konzert am Samstagabend schafft Schumann Pahoulis nicht. Sie wird in Leipzig erwartet, zur Eröffnung des neuen Schumann-Museums. Der ganze Rummel ist ihr einerseits etwas unheimlich, andererseits genießt sie ihn sichtlich. "I am very emotional", sie sei gerade emotional sehr berührt, sagt sie kurz vor dem Geburtstagskonzert. Sie habe einen Kloß im Hals. Sie kann nicht genau sagen, wie sie sich fühlt. In einem ruhigen Moment nimmt ihre Tochter sie beiseite und sagt: "Sie behandeln dich wie eine Berühmtheit." Und Peggy Schumann Pahoulis strahlt.

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