Neumarkt treibt die Zwickauer um

Lärm, Drogen und Müll verärgern viele Bürger. "Freie Presse" hat Anwohner und einen Streetworker befragt. Unterdessen macht die Stadtratsfraktion der Partei Die Linke Vorschläge für die Sicherheit in der Stadt.

Zwickau.

Sie waren in den schicken Neubau am Zwickauer Neumarkt gezogen, weil sie in einer guten Gegend in Zentrumsnähe wohnen wollten. Jetzt ist ein Teil von ihnen genervt, denn vor allem nachts ist ihnen der Platz zu belebt - und vor allem zu laut.

Die Kritik der Mieter, die ihre Namen aus Angst vor Ärger nicht öffentlich machen wollen, richtet sich gegen Jugendliche, die sich direkt unter ihren Fenstern treffen. "Fast jede Nacht haben wir laute Gespräche, Gegröle und Musik", beklagen sie. Oft gehe das bis zwei Uhr morgens. Ohne Ohropax oder Schlaftabletten sei kaum an Schlaf zu denken. Mehr noch: "Schlägereien sind an der Tagesordnung." Auch von Ordnung hielten die Gäste nicht viel: "Überall liegt Müll." Bierflaschen würden an den Wänden der Häuser zerschlagen, Marktbuden beschmiert. Ihre Notdurft verrichteten manche der Jugendlichen trotz öffentlicher Toilette an irgendeiner Wand, zählen die Anwohner weiter auf.

Bei all dem sehen sich die Mieter von Stadtverwaltung und Politik bisher im Stich gelassen. "Wir haben uns an verschiedene Fraktionen im Stadtrat gewandt." Bis auf wenige Ausnahmen sei das Thema bagatellisiert worden, man fühle sich als Nörgler hingestellt. "Wie kommt denn Herr Wöhl von den Linken dazu, zu behaupten, es beschwere sich nur eine einzige Familie", fragt einer der Mieter nach einem entsprechenden Zeitungsartikel.

Was er zu dem Zeitpunkt noch nicht wissen konnte: Wöhls Linke haben mittlerweile ein Sicherheitskonzept erarbeitet (siehe kleiner Beitrag). "Die darin enthaltenen Ideen sollen schnellstmöglich in den Stadtrat eingebracht und beschlossen werden", sagt Wöhl. Auch die Personalausstattung der Polizei spielt in dem Konzept eine Rolle. Die Anwohner des Neumarkts wünschen sich von den Ordnungshütern vor allem mehr Engagement. Sie hören nach eigenen Angaben Sätze wie: "Was wollen Sie schon wieder?" Oder: "Wir haben Wichtigeres zu tun." Die Polizei verharmlose zudem den Handel mit Drogen. "Die wollen das gar nicht wissen", glaubt ein Mieter. Dabei könne man den Handel täglich beobachten. Der Stoff, teilweise große Pakete, werde auf dem Neumarkt versteckt und anschließend verkauft.

"Wir sind auch auf die Jugendlichen zugegangen", erzählt eine Bewohnerin. Meist jedoch habe man unflätige Antworten bekommen. Eine ältere Dame sagt, dass sie schon verbal bedroht wurde. "Natürlich sind nicht alle so", schränken die Anwohner ein. "Es gibt auch nette Gespräche." Insgesamt jedoch sei die Situation "ein Beispiel für verfehlte Integration und die Schaffung von Parallelgesellschaften".

Dass Zwickaus Oberbürgermeisterin Pia Findeiß (SPD) in ihrer Antwort auf einen offenen Brief der AfD-Kreisvorsitzenden erklärte, die Lage habe sich schon etwas beruhigt, betrachten die Anwohner mit zwiespältigen Gefühlen. "Seit dem Stadtfest ist es tatsächlich ruhiger geworden, und wir können abends schlafen", sagt eine Frau. Fügt aber an, dass mit dem schöner werdenden Wetter auch wieder mehr junge Leute am Neumarkt ihre Zeit verbringen. Zudem sei die Einschätzung zu positiv, denn: "Die Polizei war häufig erst da, wenn sich die Lage schon wieder beruhigt hatte." Probleme würden verniedlicht. "Und wenn das so ist, dann braucht man sich nicht zu wundern, wenn die Menschen wütend werden - und so etwas wie in Chemnitz passiert."

Der Eigentümer der Immobilie, die Zwickauer Wohnungsbaugenossenschaft, verfolgt die Entwicklung ebenfalls aufmerksam. "Neben der Vielzahl an Polizeimeldungen sowie der Berichterstattung in den Medien und sozialen Netzwerken melden sich unsere Mieter", heißt es in einer Stellungnahme des Großvermieters. Vor diesem Hintergrund habe man das Gespräch mit Ordnungsamt und Polizei gesucht. "Unsere Einflussnahme ist allerdings beschränkt", heißt es. Da der Neumarkt ein öffentlicher Ort sei, seien die Ordnungskräfte in der Verantwortung.

In der Verantwortung sieht sich auch Streetworker Elfried Börner. Er ist nach eigenen Angaben mehrfach in der Woche vor Ort auf dem Neumarkt. "Ja, es ist gelegentlich zu laut, es liegt Müll rum, und es gibt Abende, an denen der Lärm einfach nur stört." Von einer regelrechten "No-go-Area" will Börner, der seit 1999 mit Jugendlichen in Zwickau arbeitet, jedoch nicht sprechen. Insgesamt rät er zu weniger Aufgeregtheit. Es habe immer wieder Plätze gegeben, an denen ähnliche Probleme aufgetreten waren, auch ohne Ausländer. Börners Rat: Die Politik sollte sich zurückhalten und die Lösung des Problems Fachleuten überlassen. "Dazu brauchen wir jedoch Zeit." Elfried Börner und seine Kollegin sind gerade dabei, einen Zugang zu den Jugendlichen zu finden. "Wir müssen erst Vertrauen zueinander aufbauen." Vor allem aber müsse mehr miteinander geredet werden statt übereinander. "Schwarzseher, die schon immer alles besser wussten und aus der derzeitigen Situation nur ihren eigenen Nutzen ziehen wollen, brauchen wir gar nicht."

Börner schlägt, unterstützt vom CDU-Stadtrat Friedrich Hähner-Springmühl, ein Gremium vor, in dem alle Zuständigkeiten gebündelt werden. Das ist auch im Sinne der Mieter. "Wir brauchen einen kompetenten Ansprechpartner", sagen sie. Der frühere Ordnungsamtsleiter, CDU-Stadtrat Karl-Ernst Müller, spricht sich für einen Runden Tisch zum Thema Sicherheit aus. Der könne Probleme benennen und abzustellen versuchen.


Linke fordern kriminalpräventiven Rat, Bürgermithilfe, mehr Sozialarbeiter und Stadtpolizisten

Die Stadtratsfraktion der Linkenhat ein Sicherheitskonzept beschlossen, das sie in den Stadtrat einbringen will. Darüber informierte am Mittwochnachmittag Geschäftsführer Sven Wöhl. Die Fraktion erkenne an, dass es zu einem Rückgang der objektiven wie auch der subjektiv empfundenen Sicherheit in der Stadt gekommen ist, heißt es in dem Schreiben. Aber auch ein allgemeiner Werteverlust, der sich beispielhaft in einer Zunahme von Egoismus, Gleichgültigkeit anderen gegenüber und Missachtung fremden und öffentlichen Eigentums ausdrückt, sei zu verzeichnen. Nicht zuletzt verlange der Zuzug zahlreicher Menschen, die andere kulturelle Wurzeln haben, verstärkte Anstrengungen zur Integration. Die Linken regen an, den kriminalpräventiven Rat wiederzubeleben. Darin sollen Stadtverwaltung, Stadträte, Polizei, Justiz und Vertreter von Projekten, Bündnissen und Organisationen gemeinsam die Sicherheitslage analysieren und Folgerungen ableiten. "Kurzsichtig und populistisch angelegte Vorschläge (zum Beispiel Alkoholverbote oder Videoüberwachung im öffentlichen Raum)" lehne die Fraktion dagegen ab.

Wer aus fremden Kulturen kommend neu hier lebe, benötige Hilfe bei der Integration, heißt es weiter. Eine große Bedeutung komme dabei Sozialarbeitern bzw. Streetworkern zu. Deshalb fordere man den Landkreis als Träger auf, die Zahl der Stellen für die Stadt deutlich zu erhöhen.

Vorgeschlagen wird auch, neben dem Portal "Wo zwickt's" auf der Internetseite der Stadt eine ständige telefonische Erreichbarkeit des Ordnungsamtes unter einer einprägsamen Rufnummer zu gewährleisten, damit Menschen jederzeit Probleme mitteilen können.

Von der sächsischen Staatsregierung fordern die Zwickauer Linken, für eine angemessene Personalausstattung der Polizei und der Justiz Sorge zu tragen. Wer das Recht breche, müsse dafür zur Verantwortung gezogen werden. Dabei solle die Strafe der Tat möglichst schnell folgen. Insbesondere die Zahl der Bürgerpolizisten als direkte Ansprechpartner für Bevölkerung und Gewerbetreibende sei zu erhöhen. Im Stadtrat wollen die Linken eine personelle Stärkung des Stadtordnungsdienstes vorschlagen. Vor allem in Schwerpunktzeiten müssten mehr Stadtpolizisten verfügbar sein, so das Konzept. Deshalb werde man im Stadtrat die Ausweisung von mindestens vier zusätzlichen Stellen und die entsprechende materielle Ausstattung beantragen.

Bewertung des Artikels: Ø 1 Sterne bei 1 Bewertung
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...