"Opfern zu helfen, ist mir wichtig"

Utz Rachowski über die Arbeit mit Leuten, die unter der SED-Diktatur gelitten haben, und sein Wirken als Wegweiser im Behördendschungel

Zwickau.

Utz Rachowski, Bürger- und Rechtsberater in der Behörde des Landesbeauftragten zur Auf- arbeitung der SED-Diktatur, hat in dieser Woche eine Bürgersprechstunde im Zwickauer Rathaus angeboten. Viola Martin hat sich anschließend mit dem Reichen- bacher unterhalten.

"Freie Presse": Wie viele Menschen sind denn zu Ihnen ins Rathaus gekommen?

Utz Rachowski: Insgesamt waren 15 Leute da.

Und wie viele haben Sie insgesamt in den 15 Jahren, in denen Sie diesen Job machen, beraten?

Etwa 12.000. Manchmal in Zusammenarbeit mit der Stasi-Unterlagen-Behörde. Dabei ging es vor allem um die berufliche, straf- und verwaltungsrechtliche Rehabilitierung von Opfern der SED-Diktatur. Aber es waren auch Frauen und Männer darunter, die Einsicht in ihre Stasi-Akten beantragen wollten.

Was ist denn eine verwaltungsrechtliche Rehabilitierung?

Dabei geht es um Menschen, die in der DDR politische Verfolgung oder durch Zuweisung von bestimmten Arbeiten gesundheitliche Schäden erlitten haben. Aber auch Enteignungen fallen darunter und Zwangsumsiedlungen.

Die Wende ist 28 Jahre her, viel erlittenes Unrecht hat vor 40 und mehr Jahren stattgefunden. Was bewegt jemanden, nach so langer Zeit wegen des erlittenen Unrechts zu Ihnen zu kommen?

Da gibt es ganz unterschiedliche Gründe. Mancher ringt lange mit der Frage, ob er sich erneut mit den teilweise schlimmen Sachen, die ihm zu DDR-Zeiten widerfahren sind, beschäftigen oder ob er sie ruhen lassen soll. Denn: Sich mit seiner eigenen Vergangenheit zu beschäftigen, das reißt oft alte Wunden auf. Andere wollten schon lange mal ihre Stasi-Akte einsehen. Und dann sehen sie im Rathaus den Wegweiser zu meiner Sprechstunde und kommen ganz kurz entschlossen her. Ein Mann aus dem Landkreis Zwickau hatte in Ihrer Zeitung die Ankündigung für meine Sprechstunde gelesen und sich daraufhin entschieden, jetzt doch einen Antrag auf Entschädigung zu stellen, weil er aus Thüringen hierher zwangsumgesiedelt worden war. Manche wollen auch die Stasi-Unterlagen ihrer verstorbenen Eltern einsehen, weil diese unter der SED-Diktatur gelitten haben.

Welche Hilfe wird von Ihnen erwartet? Und: Was können Sie leisten?

Vielen Betroffene scheuen sich, Anträge auf Rehabilitierung zu stellen, weil sie sich vom riesigen Papierwust überfordert fühlen. Sie erwarten von mir, dass ich für sie ein Wegweiser im Behördendschungel bin. Und diese Funktion nehme ich auch wahr. Es ist für den Laien gar nicht so einfach, sich zurechtzufinden. So hatte die Rehabilitierungsbehörde in 20 Jahren drei verschiedene Namen. Außerdem muss man bedenken, dass viele Menschen, denen Schlimmes Unrecht widerfahren ist, inzwischen im Rentenalter sind. Da fällt es vielen schwer, Formulare auszufüllen. Deswegen gebe ich auf Wunsch noch eine Rufnummer mit, die sie wählen können, wenn sie weiter fachkundige Hilfe brauchen.

Sie beraten auch zur SED-Opferpension. Kann man mit 300 Euro pro Monat begangenes Unrecht an Menschen gutmachen?

Überhaupt nicht. Das Geld ist ein Tropfen nur auf den heißen Stein. Und es wird auch erst seit 2007 an Menschen gezahlt, die mindestens 180 Tage in politischer Haft waren. Dadurch haben viele Haftopfer des Regimes die Opferpension gar nicht mehr erlebt. Allerdings bekommen etliche Menschen dadurch, dass sie in der DDR keine Karriere machen konnten, heute nur geringe Renten. Da helfen 300 Euro schon, aber die Summe genügt meiner Ansicht nach nicht.

Ihnen selbst ist ebenfalls in der DDR viel Unrecht widerfahren. Senkt das die Hemmschwelle von anderen Betroffenen, sich an Sie zu wenden?

Ich denke schon. Jemand, der selbst politischer Häftling in der DDR war und beruflich stark behindert wurde, kann sich auch besser in Menschen hinein versetzen, denen Ähnliches widerfahren ist.

Was glauben Sie: Wie lange werden solche Bürgersprechstunden noch gebraucht?

Das kann ich schlecht sagen. Aber: Ich würde sie nicht anbieten, wenn sie nicht mehr gebraucht würden. In Freiberg sind dieses Jahr mehr als 100 Leute gekommen, oft sind es mehr als 50. Das zeigt: Nach wie vor wollen Menschen in ihre Stasi-Unterlagen gucken, nach wie vor wollen Leute strafrechtlich oder beruflich rehabilitiert werden, weil sie politisch verfolgt wurden. Ihnen dabei zu helfen, ist wichtig.


Seit 2003 Bürgerberater

Utz Rachowski wurde 1954 in Plauen geboren und 1971 wegen der Gründung eines Philosophieklubs von der erweiterten Oberschule verwiesen. 1977 holte er nach Lehre als Elektromonteur und NVA-Grundwehrdienst sein Abitur nach und begann ein Medizinstudium. Nach zwei Semestern wurde er exmatrikuliert und arbeitete als Heizer. 1979 wurde Rachowski wegen Verbreitung eigener Gedichte sowie Literatur von Autoren wie Wolf Biermann wegen staatsfeindlichen Hetze zu 27Monaten Haft verurteilt. 14 davon saß er ab, ehe er in die Bundesrepublik entlassen wurde. Dort studierte er Kunstgeschichte und Philosophie, wurde Schriftsteller. Nach dem Fall der Mauer kehrte Rachowski ins Vogtland zurück. Er wohnt in Reichenbach und arbeitet seit 2003 als Bürgerberater für die Behörde des sächsischen Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Sein neuestes Buch heißt "Die Dinge, die ich vergaß".

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