Organspende: Reden entlastet

Rund um ein sensibles Thema haben das Heinrich-Braun-Klinikum und der Alte Gasometer einen Abend gestaltet. Es wurde über den Tod gesprochen. Und über die Hoffnung.

Zwickau.

Seien wir ehrlich: Die Veranstalter hatten sich mehr Zuspruch erhofft. Mit viel Mühe haben sie in dieser Woche einen Abend rund um die Organspende vorbereitet: mit Vorträgen, Infoständen, guten Gesprächspartnern und einem Spielfilm. Doch nur reichlich 30 Zuhörer sitzen im Saal des Alten Gasometer, als die Vorträge beginnen.

Allerdings - so ehrlich müssen wir auch sein - ist das Thema Organspende eines, das viele Menschen zwar als wichtig einschätzen. Es aber meiden, weil es unangenehm ist, weil es an tiefe Ängste rührt. Wohl genau aus diesem Grund hat sich das Zwickauer Heinrich-Braun-Klinikum (HBK) entschieden, diesen Abend zu organisieren. Denn man muss drüber reden. Das wird deutlich, als Katrin Zielmann über ihre Arbeit berichtet. Sie ist Oberärztin und eine von mehreren Organspendebeauftragten am HBK und klärt auf, dass 9500 bis 12.000 Menschen in Deutschland auf ein Spenderorgan warten - und das im Durchschnitt acht bis zehn Jahre lang. Bei weitem nicht jeder erlebt die rettende Operation, denn Spenderorgane sind rar. Zum einen ist die Spendenbereitschaft in Deutschland vergleichsweise niedrig. Zum anderen gibt es strenge Kriterien, um einen irreversiblen Hirnfunktionsausfall - früher kurz Hirntod genannt - festzustellen. Im HBK gibt es jährlich im Schnitt zwei Patienten, die für eine Spende in Frage kommen. "2010 waren es sechs, das war eine Ausnahme", sagt die Oberärztin von der Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin.

Den Medizinern ist klar, dass Organspende abseits der nüchternen Zahlen ein hochemotionales Thema ist. Denn sie erleben es am eigenen Leib. Die zwei Operationen jährlich, bei denen im HBK Organe entnommen werden, gehen auch ihnen sprichwörtlich an die Nieren. Die Ärzte versichern, dies sind alles andere als Routineeingriffe. Vor allem, weil sie vorher die Angehörigen, die eben meist völlig unerwartet einen nahen Menschen verloren haben, um die Freigabe der Organe bitten müssen.

In vielen Familien, das weiß die Ärztin aus Erfahrung, wird über dieses Thema nicht geredet. Deswegen wird für Ärzte und Angehörige ein furchtbares Gespräch oft noch schwieriger. Denn es bleibt nicht allzu viel Zeit, um Zustimmung oder Verweigerung auszusprechen. Hingegen ist es leichter, wenn es einen Organspendeausweis gibt. In dem wird festgehalten, ob ein Mensch spenden möchte oder dies ablehnt. Beides akzeptieren die Ärzte - dann bleibt den Beteiligten eine Abwägung erspart. Denn wer rechtzeitig darüber redet, nimmt seinen Angehörigen eine zusätzliche Last in einer belastenden Situation.

Im Laufe des Abends füllt sich der Saal zusehends, ehe der Film beginnt. Am Ende gibt es doch mehr Menschen, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen möchten. Denn die Seite des Spenders, die mit Tod und Verlust verbunden ist, ist ja nur die Hälfte der Wahrheit. Die Mediziner wissen auch, dass mit den gespendeten Organen in Transplantationskliniken wie Leipzig oder Jena Leben gerettet wird. Das ist die andere Seite der Medaille. Die Spenden eines Verstorbenen können bis zu sieben Menschen Hoffnung geben.

Menschen wie Annett Kießling, die im Gasometer einen der Stände betreut. Sie lebt mit einer gespendeten Leber, nachdem ein falsches Medikament sie förmlich von einem Tag auf den anderen aus dem Leben gerissen hatte. Sie sagt, dass sie ihr Leben mit neuen Augen sieht, dass sie blind geworden ist für so manches kleine Problem. Die junge Frau ist keine Missionarin. Aber sie möchte das Thema in den Vordergrund rücken. "Wer eine Spende für sich selbst ausschließt - das ist in Ordnung. Aber man muss sich auch fragen, wie man entscheiden würde, wenn ein enger Verwandter eine Spende bräuchte."

Dieser Fall, so sagt des Oberärztin Katrin Zielmann, ist wahrscheinlicher: Man kommt eher in die Situation, ein Organ zu benötigen, als dass man als Spender in Frage kommt. So wie es Annett Kießling erging. Sie lebt, weil ein anderer Mensch sterben musste. Er starb nicht für sie, das weiß sie. Doch nur, weil die Entscheidung für eine Spende getroffen wurde, lebt die junge Frau. Und sie ist ehrlich: Der Gedanke daran ist ein Päckchen, das sie erst auspacken musste.

Insofern: Ja, es ist ein Thema, das Mut braucht und Ehrlichkeit. Es ist keines, das man ignorieren kann.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...