Schlaflos in Zwickau

Zwei Allzweckwaffen des Musiktheaters haben Schäfchen gezählt und das Premierenpublikum im ausverkauften Malsaal nicht nur wach, sondern bei bester Laune gehalten.

Zwickau.

Nataliia Ulasevych wird gleich persönlich. "Dobryi Wetscher", begrüßt sie das Premierenpublikum am Freitagabend im Zwickauer Malsaal, "ich bin ukrainische Sopranistin, geboren und aufgewachsen in Kiew." Und sie ist die Hälfte des Zweipersonen-Stücks "Kind, ich schlafe so schlecht", in dem sich alles ums Bett dreht. Der Musiktheaterdirektor des Theaters Plauen-Zwickau, Jürgen Pöckel, der selbst auch Regie führt, hat es Koloratursopranistin Ulasevych und Tenor Marcus Sandmann fast auf den Leib "geschneidert".

Obwohl, geschneidert haben eigentlich die Damen der Theaterschneiderei, und zwar bezaubernde Kostüme nach den Entwürfen der Kostüm- und Bühnenbildnerin Charlotte Labenz. So wie der Autor sich bei der Auswahl der Musiktitel für seine "federleichte Revuette" zum Thema Schlaf(losigkeit) aus einem Repertoire aus vier Jahrhunderten "bediente", so schöpfte auch die Kostümbildnerin aus dem Vollen und kreierte vom Schlafrock bis zum gefiederten Revue-Tänzerin-Outfit, von den Gewändern der alten Griechen bis zur Reizwäsche der Madame Pompadour Stimmiges bis ins kleinste Detail. Sie fand auch eine kongeniale Lösung für das Bühnenbild, das aus einem einzigen Bett besteht. Das dreht sich und ist wie eine Revue-Bühnen-Treppe beleuchtet. Dazu baute sie noch rechts und links zwei kleine Nischen als "Badezimmer" ein - eine für Sandmann und eine für Ulasevych, die sich gleich zu Beginn der zweieinhalbstündigen Vorstellung beim Zähneputzen vor dem Zubettgehen zeigen.

Der Schlaf ist laut einem russischen Sprichwort, das die Protagonistin in zwei Sprachen wiedergibt: "der größte Dieb, weil er einem das halbe Leben raubt". Trotzdem lässt er manchmal stundenlang auf sich warten. Man kann beim Warten natürlich auf die bekannteste Methode - das Schafe zählen - zurückgreifen, oder aber auch "Koloraturen üben" - so wie die Ulasevych als schlafwandelnde Sopranistin in Vincenzo Bellinis "Ah! Non credea mirarti" aus "La sonnambula". Hier ist hohe Gesangskunst gepaart mit brillanter Clownerie am Werk - das Ergebnis zum Tränenlachen! "Das geht aber nur bei sehr toleranten oder schwerhörigen Nachbarn", wirft augenzwinkernd Ulasevych ein, die auf der Bühne sonst meistens als Soubrette zu erleben ist, beispielsweise als Papagena in der Zauberflöte. Sie und ihr ebenfalls brillanter Partner Marcus Sandmann überzeugen auf der ganzen Linie - beim Singen, Spielen und Tanzen, in einem Stück, das wunderbar selbstironisch auch den Theater-Alltag aufs Korn nimmt. Nicht umsonst legt Jürgen Pöckel aus eigener Erfahrung den beiden Sängern die Bezeichnung "Ich, die Allzweckwaffe des Theaters" in den Mund.

Ulasevych und Sandmann "springen" in den 31 Musiktiteln wirklich "federleicht" von einem Jahrhundert ins andere, wie auch von einem Fach ins andere - und das in fünf Sprachen. Das Publikum erlebt die klassischen Sänger so, wie es sie bis jetzt noch nicht erlebt hat, etwa im Pop-Genre. Das Dreamteam beweist neben sprühender Spiellust auch sein komisches und tänzerisches Talent. Choreografin Ekaterina Tumanova lässt Ulasevych sogar steppen und Marcus Sandmann anspruchsvolle Hebefiguren meistern. Das kleine Orchester unter der Leitung von Matthias Spindler am Klavier bringt Klarinette, Saxofon, Flöte, Tuba und Schlagzeug ins Spiel und wird wie die beiden Sänger, Regisseur, Ausstatterin und Choreografin mit minutenlangem Applaus honoriert.

Dafür bekommt das Publikum als Zugabe für den Nachhauseweg ein Wiegenlied, das die Ukrainerin Ulasevych A capella in ihrer Muttersprache singt. Himmlisch!

Die nächste Vorstellung von "Kind, ich schlafe so schlecht" gibt es am 9. Oktober um 19.30 Uhr im Malsaal Zwickau.

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