SVZ: Elektromobil seit 1894 und mit spannenden Zukunftsplänen

Verkehrsminister Martin Dulig hat am Mittwoch Zwickau besucht. Anett Glöckner zeigte ihm, wie ein 125 Jahre altes städtisches Nahverkehrsunternehmen nach vorne denkt.

Zwickau.

Die Klingel in der hölzernen Traditionsbahn hat es Martin Dulig angetan. Sie läutet, wenn man am Strick zieht. Sachsens Verkehrsminister (SPD) zieht dreimal daran und ist so fasziniert, dass er - von Fotografen umringt - selbst zum Handy greift und ein Foto schießt. Dulig ist am Mittwoch auf Innovationstour in Südwestsachsen unterwegs. Nach einem Besuch des Fahrradausrüsters Pendix, der einen Elektro-Nachrüstsatz für nahezu jedes Fahrrad entwickelt hat, überzeugt ihn Anett Glöckner, Geschäftsführerin der Städtischen Verkehrsbetriebe Zwickau (SVZ), bei einem Rundgang durch den Betriebshof, dass Innovation aus Tradition geschehen kann.

Oberbürgermeisterin Pia Findeiß (SPD) erinnert angesichts der vielen Reden über Elektromobilität: "Die Straßenbahn ist das älteste Elektromobil." Sie freut sich, dass der Stadtrat zugestimmt hat, weiter auf dieses Pferd zu setzen, dass die Räte mehrheitlich den Bahnhofsvorplatz umbauen, die Straßenbahn näher an den Bahnhof bringen, das Netz durch eine Querverbindung neu stricken wollen. Ende 2019, Anfang 2020 sollen die Planungen für die Route vom Bahnhof zur Werdauer Straße vorliegen.


SVZ-Geschäftsführerin Glöckner zufolge sind fast alle Strecken seit der Wende saniert worden, nur das Stück am Bahnhof fehle. "Wir kommen aber mit einer Linie nicht vom Bahnhof zum Neumarkt", begründet sie die Pläne für ein neues Gleis. Damit ließe sich ein Zweiliniennetz mit insgesamt vier Endpunkten und dem Neumarkt als zentraler Haltestelle bauen. Bisher habe das Netz fünf Äste. Dulig hält das für sehr sinnvoll. "Das leuchtet ein", sagt er und verweist auf das Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz und einen mit 50 Millionen Euro gefüllten Fördertopf.

Glöckner zeigt dem Minister, wo die Straßenbahnen gereinigt und gewartet werden. Alle acht Jahre ist eine größere Inspektion fällig. Die Straßenbahnen legen im Jahr immerhin 1,1 Millionen Kilometer zurück, die Busse 1,6 Millionen. An die 70 Prozent der Fahrgäste der SVZ nutzten aber die Straßenbahn, weil sie die bevölkerungsreichen Stadtteile bediene. Bis 2021 sollen drei der acht Gleichrichterunterwerke für das Bahnstromnetz erneuert werden. Die Bahnen, derzeit noch mit 600 Volt unterwegs , sollen dann auf 750 umgeschaltet werden. "Das hat Effekte, die den Verbrauch reduzieren", so Glöckner. Die sechs neuen Fahrzeuge, die demnächst kommen, wurden schon derart ausgerüstet. Die Niederflurbahnen sind es auch. "Bei den Tatras müssen wir uns das noch anschauen", sagt sie.

Einen Wunsch hat die Geschäftsführerin noch in Richtung Mario Bause, Referatsleiter für den Öffentlichen Personennahverkehr im Ministerium. "Unsere Fahrzeuge stehen im Sommer wie im Winter draußen. Da immer mehr Elektronik in den Fahrzeugen verbaut ist, wäre es schön, wenn wir mit Fördermitteln eine Halle bauen könnten." Der Referatsleiter macht der Geschäftsführerin Mut, einen Antrag zu stellen. Zum einen seien die Zwickauer in den vergangenen Jahren recht bescheiden gewesen. Zum anderen sei in den vergangenen zehn Jahren nahezu jeder Fördermittelantrag positiv beschieden worden. Rund 150 Millionen Euro stehen in diesem Jahr für Infrastruktur und Fahrzeuge zur Verfügung. "Wenn der Freistaat das beibehält, hat Zwickau gute Chancen", sagt er.

Die historische MAN-Bahn mit der faszinierenden Klingel ist übrigens ein Schönwetterfahrzeug. Der Triebwagen von 1912 aus der Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg (heute MAN) wird nur bei über 15Grad Celsius aus dem Depot gelassen, sagt Martin Kubala, Vorsitzender der Freunde des Nahverkehrs Zwickau. 1912 gebaut, war er bis 1968 im Einsatz. Innovationstourer Dulighat sich ganz offensichtlich in die alte "Nummer 7" verliebt. Vielleicht klappt es bei seinem nächsten Besuch mit einer Fahrt. "Hätten wir das eher gewusst ...", sagt Peter Seidel, Technik-Chef bei den SVZ, fast entschuldigend. Doch der Terminplan ist straff. Drei Chemnitzer Softwareunternehmen stehen am Nachmittag noch auf Duligs Programm.


W-Lan in der Straßenbahn für 125-jähriges Unternehmen derzeit noch kein Thema

Die Städtischen Verkehrsbetriebe Zwickau (SVZ) sind in diesem Jahr 125Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass hatte das Unternehmen eine große Feier ausgerichtet.

In Sachen W-Lan in der Straßenbahn gibt SVZ-Chefin Anett Glöckner zu, nicht so der große Fan zu sein. Noch sei die Nachfrage eher gering. "Wir haben ja nur kurze Beförderungszeiten", sagt sie. SVZ-Technik-Chef Peter Seidel zufolge könne man sich auf Dauer der Entwicklung aber nicht verschließen.

Martin Duligs Idee, in Sachsen einen einheitlichen Tarifverbund zu schaffen, hält die SVZ-Chefin vom Grundsatz her für richtig. "Nur wird die Umsetzung wohl schwierig", sagt sie. Aus Sicht des Fahrgastes sei ein Tarif absolut praktisch: "Je einfacher das System wird, desto besser."

Am 15. August setzt Verkehrsminister Dulig seine Innovationstour durch Südwestsachsen fort. Geplant sind Unternehmensbesuche in Stützengrün, Plauen und bei VW in Mosel. (upa)

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