Vermutung: Ein Mann namens Hertewig war für den Ort wichtig

Kreisgeschichte(n): Woher Westsachsens Städte und Dörfer ihre Namen haben. Teil 76: Härtensdorf.

Härtensdorf.

Hertwigezdorf, später auch Hertmannsdorf: So nannten die Ur-Härtensdorfer ihren Ort. Erst ab 1696 taucht in Unterlagen der Name Härttensdorff auf. Es waren deutsche Siedler, die im 12. Jahrhundert das heutige Dorf gründeten. Wie seinerzeit oftmals üblich, spielte bei der Ortsbezeichnung der Name des Erstbesiedlers oder Grundstücksverpächters eine maßgebliche Rolle. Wahrscheinlich hatte also ein Mann namens Hertewig seine Hand im Spiel. Die Abwandlung von "wig" oder "win" im personalisierten Namensteil in das ein- fachere "mann" war in frühen Jahrhunderten nicht unüblich. So entstand zum Beispiel auch aus Ortwinsdorf das heutige Ortmanns- dorf.

Aber die deutschen Siedler waren nicht die ersten, die sich auf Härtensdorfer Flur häuslich niederließen. Der heimatgeschichtlich interessierte Frank Mempel weiß mehr zur Geschichte des Ortes zu berichten. "Vor den Deutschen waren schon die Slawen hier ansässig. Während sie ihre Siedlungen oft rund um einen Teich angelegt haben, erfolgte die Anordnung deutscher Waldhufendörfer in aller Regel entlang eines Baches. Härtensdorf wurde damals schlichtweg über dem slawischen Siedlungskern errichtet", sagt er. Interessant sind aus seiner Sicht auch die frühen Jahre der Ortsgeschichte. Von ihr lassen sich bei genauem Hinsehen und einschlägigem Wissen sogar heute noch Spuren entdecken. Das beste Beispiel hierfür ist der Charlottenhof. Auf dem Areal des Anwesens befand sich früher wahrscheinlich eine Wasserburg. Zusammen mit dem befestigten Kirchhof bildete sie im Mittelalter das alte Dorfzentrum. "Der heute noch vorhandene Teich gehörte früher zum Wassergraben, der die Burg schützte. Ein Großteil des Grabens wurde später verfüllt. Auf Grundlage der noch vorhandenen Grabenreste kann man auf dessen ursprüngliche Größe schließen", sagt Memple. Der Durchmesser dürfte schätzungsweise 70 Meter betragen haben. Das machte die einstige Wasserburg zu einer der größten ihrer Art. Den Namen Charlottenhof gibt es übrigens erst seit Mitte des 18. Jahrhunderts. Benannt wurde das Anwesen nach Albertine Charlotte, Gattin des Grafen Heinrich Carl von Sloms-Wildenfels.

Ebenso geschichtsträchtig wie der Charlottenhof ist auch die Dorfkirche "Zu den drei Marien". Sie wurde um 1150 als Wegekapelle am Böhmischen Steig geweiht. Als sich im Verlauf des 14. Jahrhunderts sogenannte Nahwallfahrten als Konkurrenz zu den großen Wallfahrtsstätten entwickelten, gehörte Härtensdorf zu den 73 in Sachsen nachgewiesenen Pilgerorten. Der Vorteil dieser kleinen Wallfahrten: Ohne große Distanzen zurücklegen zu müssen, konnte der himmlische Patron des jeweiligen Gnaden- und Wallfahrtsortes jederzeit und beliebig oft um Hilfe und Beistand gebeten werden. Nachdem es an der Kirche während der Hussitenkriege zu erheblichen Zerstörungen gekommen war, standen 1450 umfangreiche Bauarbeiten auf dem Programm. 1529 wurde in Härtensdorf die Reformation eingeführt, und zwei Jahre später nahm dort der erste evangelisch-lutherische Pfarrer für die Herrschaft Wildenfels seinen Dienst auf. Seinen Sitz hatte er übrigens in Härtensdorf, weil Wildenfels damals nur als Filialkirche von Härtensdorf galt.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...