Viele gute Vorsätze und ein Appell

Versöhnliche Töne, Fest- und sogar ein bisschen Aufbruchstimmung verströmt der Zwickauer Neujahrsempfang am Donnerstagabend.

Die Maßgabe: OB Pia Findeiß (SPD) hält eine hochpolitische Neujahrsansprache, in der sie einen offenen und toleranten Lokalpatriotismus einfordert. "Stolz und Lokalpatriotismus haben nichts Ausgrenzendes und dürfen es nicht haben. Unsere Stadt profitierte in der Geschichte von Austausch und Offenheit", sagt sie und verweist auf die vielen Arbeiter, Studenten und Künstler aus unterschiedlichen Ländern, die in Zwickau leben. Man solle sich Bilder der Stadt von 1990 ins Gedächtnis rufen und sich bewusst werden, was aus der Muldestadt geworden ist, sagt Findeiß. Das sei "ein kleines Wunder". Unzufriedenheit mit der Politik könne einerseits zu Problemlösungen führen, andererseits aber eben auch Ausgangspunkt sein, um "Schuldige zu suchen, die dann denunziert und verunglimpft werden." Man müsse neben Identifikation auch für Offenheit, Toleranz und Haltung stehen, "und das Tag für Tag. Denn: Wir alle sind Zwickau."

Die Geehrten: Mit sieben Auszeichnungen ist der Neujahrsempfang 2020 ganz besonders medaillenlastig. Neben drei Martin-Römer-Medaillen für verdiente Ehrenamtler werden vier ehemalige Stadträte für ihre Wirken mit der Stephan-Roth-Bürgermedaille ausgezeichnet: Werner Fischer (SPD), Christian Dzierzon, Stefan Kramer und Reiner Seidel (alle CDU). Alle vier Ratsmitglieder sind nach der jüngsten Wahl im Mai 2019 aus dem Gremium ausgeschieden.

Die Aussöhnung: Nach dem öffentlich ausgetragenen Disput über die würdigste Form der Gewandhauseröffnung scheinen sich Theater und Stadtverwaltung wieder ausgesöhnt zu haben. Jedenfalls haben die Clara-Schumann-Philharmoniker demonstrativ ein Stück aus Richard Wagners "Lohengrin" gespielt, also der Oper, die zunächst für die Eröffnung des Gewandhauses am 2. Oktober 2020 vorgesehen war, bevor OB Findeiß verfügte, dass die Eröffnung stattdessen in einem formellen Festakt gefeiert werden müsse. Aber: Das Spiel der Philharmoniker wirkte nicht wie eine weitere Spitze im Streit, sondern wie eine Geste der Versöhnung. Immerhin werde "Lohengrin" in jedem Fall die erste Premiere im Gewandhaus sein, sagte Generalmusikdirektor Leo Siberski. Und auch die Oberbürgermeisterin beteuerte: Selbstverständlich werde der künstlerische Teil des Festakts am 2. Oktober vom Theater Plauen-Zwickau gestaltet. Anderslautende Gerüchte seien nichts weiter als Gerüchte.


Das sind die neuen Träger der Martin-Römer-Medaille für ehrenamtliches Engagement

Gabriel Püschmann (67): Über den Kirchenretter heißt es in der Laudatio: "Berufliches und ehrenamtliches Engagement scheinen bei Herrn Püschmann in positiver Weise Hand in Hand zu gehen." Was er beruflich als Kirchenbaurat der evangelisch-lutherischen Landeskirche angestoßen hat, setzte er im Förderverein der Katharinenkirche und als Fördervereinschef zur Rettung der Lukaskirche fort. "Ich fühle mich sehr geehrt", sagt Püschmann. Kirchliches Engagement begleitet ihn sein ganzes Leben, er war Organist und Mitglied des Bläserchors. Sein Wunsch für die Zukunft? "Dass sich noch einige Paten finden, die die Sanierung der Orgel in der Lukaskirche unterstützen." Dort kann man Patenschaften für Orgelpfeifen übernehmen.

Karl Remitz (76): Alt-Oberbürgermeister Dietmar Vettermann soll Karl Remitz einst als "positive Nervensäge" beschrieben haben, weil er nicht mehr locker lässt, wenn er sich für eine gute Sache einsetzt. Remitz hat sich nicht nur um den ESV Lokomotive Zwickau verdient gemacht, mit dem er zweimal Fußball-Oldie-Weltmeister war. Er ist auch derjenige, der den Kontakt zum Hüttenwirt der Zwickauer Hütte in den Südtiroler Alpen hält. "Den Zwickauern bin ich ewig dankbar", sagt der gebürtige Schlesier. "Als meine Familie 1945 aus Breslau geflohen ist, musste mein Vater, der Lokführer, den Zug in Dresden anhalten. Dann hat Zwickau erlaubt, dass wir Flüchtlinge kommen dürfen. Am Tag danach war die Bombardierung Dresdens."

Helga Roscher (89): Schon seit den 1950er-Jahren ist die leidenschaftliche Sportlerin Mitglied im größten Zwickauer Sportverein, dem ESV Lok. Sie brachte 1955 das Rhönrad in die Muldestadt und gilt im Verein entsprechend als "Mutter des Rhönrads" oder auch als Rhönradikone. Mehr als vier Jahrzehnte lang war sie Abteilungsleiterin, Trainerin und Kampfrichterin. Zu ihren Anfängen war Rhönradturnen noch exotisch, heute ist es eine fest etablierte Abteilung innerhalb des Traditionsvereins. Seit 1990 ist sie Ehrenmitglied beim ESV. Und was die Auszeichnung mit der Martin-Römer-Medaille am Donnerstagabend für sie noch bedeutsamer macht: Am Tag zuvor hatten sie und ihr Mann den 65. Hochzeitstag gefeiert. (ael)


Wünsche für Zwickau 2020

Volker Schneider, ZEV-Chef: Für Zwickau wünsche ich mir allgemein, dass die Stadt auf ihrem wirtschaftlich guten Weg weiterfährt und ein friedlicher Ort bleibt. Die Bürger und die Stadt sollen die Dinge, Ziele und Projekte erreichen können, die sie sich vorgenommen haben.

Leo Siberski, Generalmusikdirektor des Theaters Plauen-Zwickau: Ich hoffe auf eine gelungene Einweihung des Gewandhauses. Im Herbst freue ich mich auf eine tolle neue Akustik für das Theater. Zudem stellt unsere Premiere bei "Classics unter Sternen" ein Highlight 2020 dar. Und Zwickau soll sich zu Frieden bekennen.

Tobias Leege, Vereinsvorstand beim FSV Zwickau: Die Stadt soll ihre verborgenen Talente entdecken und mehr aus dem machen, was sie hat. Für den Fußball wünsche ich mir, dass die Menschen in einem Spiel mehr als ein sportliches Ereignis, sondern auch eine Identitätsfindung im Sinne der Stadt Zwickau sehen.

Dirk Coers, Geschäftsführer Personal bei VW: Ein erfolgreicher Start für die E-Mobilität wäre wünschenswert. Digitalisierung und neue Techniken sollen bei den Zwickauern ankommen. Zwickau muss attraktiver gestaltet werden, um lebenswerte Räume für junge Menschen zu schaffen. (trhe)

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