"Viele glauben uns Politikern nicht mehr"

Sachsens Wirtschaftsminister und SPD-Landeschef Martin Dulig stellt sich heute den Fragen der Mittelsachsen

Freiberg.

Nachdem Martin Dulig seine Teilnahme am ersten Küchentischgespräch in Freiberg im März krankheitsbedingt absagen musste, kommt er heute wie angekündigt in die Kreisstadt. Kai Kollenberg unterhielt sich vorab mit dem SPD-Landeschef über die neue Dialogkampagne der sächsischen Sozialdemokraten.

Freie Presse: Herr Dulig, den letzten Termin in Freiberg mussten Sie absagen, weil Ihnen die Stimme versagt hatte. Deswegen zuerst die wichtigste Frage: Wie geht es Ihrer Stimme aktuell?

Martin Dulig: Sie ist wieder da.

Sie haben jetzt bereits einige Termine Ihrer Küchentisch-Tour hinter sich. Wie ist die Stimmung in Sachsen?

Die politische Stimmung ist nicht gut. Es geht ein Riss durch Sachsen - auch durch Familien und Freundeskreise. Es gibt nur noch ein Thema: die Asylpolitik. Die Diskussion ist zunehmend destruktiv, weil es zu viel Schwarz-Weiß-Denken gibt.

Kann man das an einem Abend kitten?

Das ist gar nicht der Anspruch. Das Wichtigste ist, dass wir Vertrauensarbeit leisten. Ich will mich stellen, eine klare Haltung zeigen, aber auch auf Augenhöhe mit den Leuten diskutieren. Denn viele glauben uns Politikern nicht mehr.

Wie hoch muss Ihre Frustrationstoleranz sein, um so einen Abend zu überstehen?

Ich habe gelernt, viele Vorwürfe nicht zu stark an mich herankommen zu lassen. Es geht am Tisch mitunter hart zur Sache. Ich bemühe mich aber, trotz aller Emotionen, immer das Argument meiner Gesprächspartner zu finden. Die Leute sollen nach der Veranstaltung mehr wissen als zuvor. Sie sollen unsere Haltung kennen.

Bei der ersten Veranstaltung in Freiberg haben selbst SPD-Mitglieder gesagt, so asylkritisch war es lange nicht mehr. Was erwarten Sie nun?

Zurzeit wird überall über die Asylpolitik gestritten, nicht nur in Freiberg. Ich bekomme in den Veranstaltungen die gesamte Bandbreite der Stimmungen mit. Spannend finde ich, dass die Leute am Küchentisch anders diskutieren als bei einer Bürgerversammlung.

Woran machen Sie das fest?

Mein Schlüsselerlebnis hatte ich in Zwickau. Wir diskutierten über das Thema Asyl, als jemand wutentbrannt aufstand und sich an den Tisch setzte. Er kam aber nicht sofort dran, musste erst einmal zuhören. Später war sein größter Ärger schon verraucht und wir konnten normal miteinander reden. Deswegen: Der Küchentisch hilft. Da redet man anders, als wenn man sich frontal im Saal gegenübersteht.

Freiberg hatte nicht immer positive Schlagzeilen in den vergangenen Monaten: Wie ausländerfeindlich ist Freiberg?

Freiberg ist eine sächsische Stadt.

Was heißt das?

Es gibt wohl keine Stadt in Sachsen, durch die der Riss über die Asylpolitik nicht genauso geht. Freiberg hat viele Flüchtlinge aufgenommen. Oberbürgermeister Sven Krüger ist nicht umsonst stolz darauf, welche Anstrengungen Freiberg in der Integration unternommen hat. Klar ist durch diese direkte Betroffenheit die Diskussion aber noch mal eine andere. Ich verstehe die Aufregung, die es in der Stadt gibt.

Der Freiberger OB ist SPD- Mitglied. Wird es deswegen ein Heimspiel?

Ich verstehe mich sehr gut mit Sven Krüger und schätze ihn sehr, auch wenn ich an der einen oder anderen Stelle eine andere Position habe. Aber er ist nicht Gastgeber meiner Veranstaltung. Für die Diskussion spielt es keine Rolle, welche Parteizugehörigkeit der Oberbürgermeister hat. Wichtig ist mir: Ich will nicht nur diejenigen hören, die die aktuelle Lage kritisch sehen, sondern auch denen danken, die sich für Flüchtlinge engagieren.

Sind Sie bei der Küchentisch-Tour vor allem als Seelsorger gefragt?

Mein Studium der Erziehungswissenschaften kommt mir zupass. Die Fähigkeit, zuhören zu können, ist bei der Tour besonders wichtig. Aber sicherlich: Anstrengend ist so ein Abend. Das soll es auch sein.

Wie viel Prozentpunkte bringt der Abstecher nach Freiberg bei der nächsten Landtagswahl?

Wir stehen kurz vor der absoluten Mehrheit im Freistaat, aber wir sagen es noch nicht. Im Ernst: Wir gehen bei der Tour nicht taktisch an die Sache heran. Wir wollen außerhalb des Wahlkampfes mit den Leuten ins Gespräch kommen und im Gespräch bleiben. Vertrauensarbeit ist eine langfristige Angelegenheit. Vertrauen geht schnell verloren - es dauert aber lange, es wieder aufzubauen. Das geht nicht an einem Abend. Aber es ist ein Anfang.

SPD-Küchentischtour heute, 19 Uhr im "Brauhof" Freiberg, Körnerstraße 2. Der Eintritt ist frei . Die Veranstaltung ist öffentlich.

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