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Nach den Schüssen am 13. Juni in Unterföhring bei München: Polizisten sicherten den S-Bahnhof, in dem ein 37-Jähriger mehrere Menschen verletzte, darunter eine junge Polizistin. Sie schwebte danach über Wochen in Lebensgefahr.

Foto: Sven Hoppe/dpa/Archiv

Wenn nichts mehr ist, wie es war

Von Astrid Ring
erschienen am 07.10.2017

Brand-Erbisdorf. Nichts ist mehr wie vorher - seit dem 13. Juni. Dabei hatte sich für die Familie doch alles so gefügt, wie es sein sollte: Janet und Veiko Lohse verabschieden sich am Tag zuvor von ihrer Tochter Jessica - die seit 2014 mit ihrem Freund Tobias in einem kleinen Ort bei München lebt. Einige Tage verbrachten alle gemeinsam, bevor die Eltern zurück nach Brand-Erbisdorf fahren.

An jenem 13. Juni geht Jessica zum Dienst - die 26-jährige Polizeikommissarin arbeitet im Revier in Ismaning und wird zum Einsatz gerufen. Routine, wie es scheint: ein pöbelnder Fahrgast in der S-Bahn. Jessica und ein Kollege fahren zur Bahnstation. Als sie die Personalien des Mannes aufnehmen, rastet der 37-Jährige aus. Er will den Polizisten vor die S-Bahn stoßen und gerät dabei an dessen Waffe. Die Polizistin eilt ihrem Kollegen zu Hilfe - da schießt der Mann ihr in den Kopf. Schwer verletzt kommt die junge Frau in ein Münchner Krankenhaus. Alexander B., er soll laut Münchner Polizei geistige Einschränkungen haben, wird festgenommen.

Nur Stunden später sitzen Janet und Veiko Lohse - die Eltern von Jessica - am Bett ihrer einzigen Tochter. "Ich hatte zwar von der Schießerei in München gehört, aber mir überhaupt keine Gedanken gemacht", denkt die Mutter zurück. Als dann am Nachmittag fünf Polizisten vor der Haustür stehen, begreift die 48-Jährige, dass etwas Schreckliches passiert sein muss. Ein Polizeihubschrauber bringt die Eltern nach München. "Jessi lag auf der Intensivstation, den Kopf verbunden, von Geräten überwacht", sagt die Mutter - in den Augen heute noch die Frage: Warum? Eigentlich ist der 13. ihr Glückstag - ihr eigener Geburtstag.

Mit Leib und Seele wollte Jessica Polizistin werden. Nach dem Abitur in Brand-Erbisdorf gab es zunächst noch einen zweiten Wunsch: Krankenschwester. Der Lehrvertrag trug schon ihre Unterschrift. Schließlich aber entschied sie sich doch für die Ausbildung bei der Polizei, hängte ein zweijähriges Direktstudium an - der gehobene Dienst ist ihr Ziel.

"Jessica macht nichts, was sie nicht durchdacht hat", sagt ihre Mutter und beschreibt sie als bedacht und abwägend. "Ich habe sie streng erzogen."

Als Kind ging Jessica zum Reiten auf einen Hof nahe Brand-Erbisdorf, traf sich mit Freundinnen - wie andere Mädchen. Für ihren Weg nach München und für ihren Job nahm sie alles selbst in die Hand. Mit ihrem Freund Tobias - einem Freiberger - zog sie nach Bayern, dort bekam sie auch ihren ersten Job. "Ich wollte immer, dass sie zur Kripo geht. Doch das wollte sie nicht - nicht ins Büro", so Janet Lohse. Streifen- und Schichtdienst machen Jessica nichts aus. Sie mochte es, wollte Geld verdienen. Die Männer im Polizeirevier Ismaning nahmen die junge Frau gut auf, die als stellvertretende Gruppenleiterin arbeitete. Seit Mai ist sie verbeamtet.

",Mutti, hier in Ismaning ist doch nichts los‘, hat sie immer gesagt", erzählt die Mutter und erinnert sich daran, wie aufgeregt Jessica einmal von der Rettung eines Rehs aus dem Wasser berichtete. "Sie hat sich gefreut, dass sie helfen konnte." Dass Jessica nicht direkt im hektischen München arbeitete - froh war die Mutter darüber. Das Polizeirevier in Ismaning sollte geschlossen werden, hatte Jessica einmal erzählt. Nach Bürgerprotesten blieb es.

Die junge Frau denkt schon über Hochzeit und Kinder nach, aber zunächst kommt ein Hund. Schließlich findet sich die ganze Familie - einschließlich der beiden Großmütter - damit ab, dass die junge Polizistin nicht nach Sachsen zurück will. Job, Wohnung, Freundeskreis - alles in Bayern, obwohl "sie und ihr Freund nach Hause kamen, sooft sie konnten." Bis zum 13. Juni.

Jessicas Eltern richten sich in der Wohnung ihrer Tochter und deren Freund bei München ein. Morgens fahren sie ins Krankenhaus, abends zurück - tagsüber die gemeinsamen Stunden am Krankenbett. Abgeschirmt durch Polizei - kaum etwas über den Zustand der jungen Frau dringt an die Öffentlichkeit. Nur so viel: Mehrere Operationen übersteht die schwer verletzte Polizistin nach dem Steckschuss. Ansprechbar ist sie nicht- liegt im künstlichen Koma. "Zwei Wochen lang haben wir gebangt - hatten kaum noch Hoffnung, dass sie überlebt", sagt die Mutter, die bei der Erinnerung um Fassung ringt. Die Ärzte beschönigen nichts.

Doch: "Eines Tages legte meine Tochter den Hebel um - sie wollte weiterleben." Jessica beginnt wieder selbst zu atmen, bewegt sich leicht. Als sich ihr Körper stabilisiert, startet am Mittag des 7. September ein Helikopter Richtung Sachsen. An Bord Jessica und ein Ärzteteam. In einer Reha-Klinik in Sachsen kümmern sich von diesem Tag an Physio- und Ergotherapeuten, Pfleger und Ärzte um die junge Frau. "Die Münchner haben alles gut ausgesucht", findet die Mutter. Abwechselnd fährt die Familie zu Jessica, spricht, singt, lacht mit der jungen Frau - die im Wachkoma liegt.

In einem öffentlichen Brief bedanken sich Familie und ihr Freund. "Viele Unbekannte haben uns Mut zugesprochen, Arbeitskollegen und Freunde stehen an unserer Seite", sagt Janet Lohse. Auch die Münchner Polizei half, wo sie konnte. "Die Kollegen stehen auch aktuell mit der Familie in Kontakt", sagt gestern der Münchner Polizeisprecher Benjamin Castro-Tellez. Am 11. November will die Eishockey-Nationalmannschaft der Polizei im Olympia-Eisstadion München ein Benefizspiel für Jessica veranstalten. Laut Trainer Thomas Keller sind im Team des Gegners - dem Sternstunden-Verein des Bayerischen Rundfunks - auch ehemalige Nationalspieler.

Der Täter? "Die Ermittlungen dauern an. Es ist mit Abschluss bis Dezember zu rechnen. Der vorläufig Untergebrachte wird im Isar-Amper-Klinikum begutachtet", sagt gestern Anne Leiding, Sprecherin der Staatsanwaltschaft München.

Familie Lohse sitzt in diesen Tagen wieder am Bett ihrer Tochter - in der Uniklinik Dresden. Jessica musste erneut operiert werden. Es braucht Zeit - ungewiss, wie viel. Mutter Janet Lohse hat einen Wunsch: "Dass Jessi ins Leben zurückkommt und uns anlächelt. Alles andere wäre ein zusätzlicher Bonus."

 
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