Telefonforum zur Erwerbsminderungsrente: Zu krank für den Beruf

Wann und wie viel Erwerbsminderungsrente es gibt, das erklärten Rentenexperten beim Telefonforum

Lange Krankschreibung, mehrwöchige Reha - und trotzdem ist Arbeiten nicht möglich. Den Lohnausfall könnte eine Erwerbsminderungsrente ersetzen. Aber nicht jeder erfüllt die Voraussetzungen. Zum Telefonforum antworteten Katrin Schulze-Ansorge von der Deutschen Rentenversicherung, Anwältin Antje Witthauer und Rentenberater Christian Lindner auf die Fragen. Gabriele Fleischer hat sie zusammengefasst.

Ich bin seit Oktober 2016 arbeitsunfähig. Nach zwei Operationen ist keine Besserung in Sicht. Wie kann ich Erwerbsminderungsrente beantragen?

Den Antrag müssen Sie beim Rentenversicherungsträger stellen. Arztunterlagen sind nicht zwingend beizufügen, da diese von der Rentenversicherung bei den behandelnden Ärzten angefordert werden. Haben Sie aber aktuelle Befunde, können Sie diese mit einreichen. Bei welchen Ärzten Sie in Behandlung sind, geben Sie im Rentenantrag mit an.

Mein Antrag auf Erwerbsminderungsrente wurde abgelehnt. Was muss ich bei einem Widerspruch beachten?

Sie müssen spätestens einen Monat nach Zugang des Bescheides in Widerspruch gehen. Auch wenn eine Begründung dafür nicht vorgeschrieben ist, hilft sie bei einer beschleunigten Bearbeitung. Der Rentenversicherung kann so auch aufgezeigt werden, warum die Entscheidung falsch war.

2015 wurde ich zweimal an der Wirbelsäule operiert. Seitdem habe ich starke Schmerzen und musste meine Arbeitszeit auf sechs Stunden reduzieren. Kann ich die Einbuße durch Erwerbsminderungsrente ausgleichen?

Anspruch auf Erwerbsminderungsrente besteht nur, wenn die tägliche Leistungsfähigkeit auf weniger als sechs Stunden gesunken ist. Mit einem Arbeitsvertrag über genau sechs Stunden besteht kein Rentenanspruch. Sie sollten deshalb entsprechend Ihrer Fähigkeit eine geringfügige Arbeitszeitreduzierung prüfen und dann den Antrag auf Erwerbsminderungsrente stellen.

Ich habe einen vierfachen Splitterbruch erlitten. Der Rentenantrag auf volle Erwerbsminderung wurde abgelehnt, weil ich noch drei bis sechs Stunden arbeiten könne. Doch ich habe weitere gesundheitliche Probleme.

Bei vielen Leistungseinschränkungen könnte volle Erwerbsminderungsrente berechtigt sein. Deshalb sollten Sie in Widerspruch gehen und alle Ihre Leistungsminderungen detailliert beschreiben.

Ich (53) bin selbstständig und zahle freiwillige Beiträge zur Rentenversicherung. Seit zwei Jahren bin ich chronisch krank. Habe ich Anspruch auf Erwerbsminderungsrente?

Nein, Erwerbsminderungsrente könnten Sie nur erhalten, wenn Sie in den letzten fünf Jahren vor Eintritt der Erwerbsminderung mindestens drei Jahre Pflichtbeitragszeiten vorweisen können. Sie haben aber nur freiwillige Beiträge gezahlt.

Mein Partner bekommt eine Knochenmarktransplantation. Im Juni läuft sein Krankengeld aus. Er müsste Erwerbsminderungsrente beantragen. Er ist noch im Arbeitsverhältnis und wird im Juli 62. Was ist, wenn das Krankengeld ausläuft und sein Antrag nicht bearbeitet ist?

Er sollte den Antrag in den nächsten Wochen bei der Rentenversicherung stellen. Wenn über den Rentenantrag noch nicht entschieden ist, kann er sich auch an die Arbeitsagentur wenden, da er eventuell einen Arbeitslosengeldanspruch hat. Falls eine Schwerbehinderung vorliegt, ist eine Erwerbsminderungsrente nicht erforderlich. Ihr Partner könnte sofort in Altersrente gehen, wenn er mindestens 35 Versicherungsjahre zusammenbekommt.

Ich (58) kann meinen Beruf als Elektromonteur nicht mehr ausüben. Weil ich noch acht Stunden als Pförtner arbeiten könne, erhalte ich aber keine Erwerbsminderungsrente.

Da Sie vor dem 2. Januar 1961 geboren sind, kann für Sie eine Rente wegen teilweiser Erwerbsminderung bei Berufsunfähigkeit in Betracht kommen. Bei jüngeren Versicherten wird die konkrete berufliche Tätigkeit dagegen nicht berücksichtigt. Das heißt, wenn sie ihren Beruf nicht mehr ausüben können, aber eine andere Tätigkeit möglich ist, besteht kein Anspruch auf Erwerbsminderungsrente.

Ich bin schwerbehindert und beziehe Rente wegen voller Erwerbsminderung. Diesen Monat werde ich 63 Jahre. Muss ich wegen Regelaltersrente tätig werden? Die Erwerbsminderungsrente entfällt ab Dezember 2018.

Die Regelaltersrente müssen Sie noch nicht beantragen, da Sie bei Ihnen bei 65 Jahren und neun Monaten liegt. Es ist aber sinnvoll, den Anspruch auf Altersrente für Schwerbehinderte prüfen zu lassen. Die wird für Ihren Jahrgang bereits ab 60 Jahren und neun Monaten gezahlt, wenn Sie mindestens 35 Versicherungsjahre zusammenbekommen. Ob die Altersrente höher ist als die Erwerbsminderungsrente, sollten Sie anhand einer Rentenauskunft der Rentenversicherung prüfen.

Nach einer Bandscheiben-OP wurde ich aus der Reha als arbeitsunfähig entlassen, aber für drei bis unter sechs Stunden als erwerbsfähig ohne große körperliche Belastung eingestuft. Seit drei Jahren arbeite ich vier Stunden als Reinigungskraft. Jetzt bin ich wegen der Schmerzen nicht mehr arbeitsfähig.

Falls Sie noch keine Erwerbsminderungsrente beziehen, sollten Sie einen Antrag stellen. Bescheinigt Ihnen der Arztbefund bei der Entlassung aus der Reha eine Erwerbsminderung, kann die Rentenversicherung prüfen, ob der Reha-Antrag nachträglich in einen Rentenantrag umgewandelt werden kann. Damit würden Sie bereits rückwirkend Leistungen bekommen.

Wird die Erwerbsminderungsrente nur aus den Berufsjahren bis zum Beginn der Erwerbsminderung berechnet?

Zunächst sind Versicherungsjahre, vorheriges Bruttoeinkommen und Restarbeitsfähigkeit entscheidend. Für die Berechnung werden Versicherungsjahre so anerkannt, als hätte der Betroffene zwischen dem Eintritt der Erwerbsminderung und der Vollendung von 62. Lebensjahren und drei Monaten im Beruf gearbeitet. Zugrunde gelegt wird ein Durchschnitt aus den Beitragszeiten. Das gilt für alle, die ab 2018 Erwerbsminderung erhalten. Danach verlängern sich die Zurechnungszeiten.

Ich habe eine teilweise Erwerbsminderung, finde aber keinen Teilzeitarbeitsplatz.

So lange Sie keinen Teilzeitarbeitsplatz haben, der Ihrem Vermögen entspricht, gibt es befristet Rente wegen voller Erwerbsminderung.

Was ist Erwerbsminderungsrente?

Die Erwerbsminderungsrente hat im Jahr 2001 die Erwerbs- und Berufsunfähigkeitsrente abgelöst. Sie wird für Berufstätige gezahlt, die gesetzlich rentenversichert sind und vom Arzt bescheinigt bekommen, dass sie nicht mehr oder nur noch für einige Stunden erwerbsfähig sind. Laut Rentenversicherung sind psychische-, orthopädische- und Krebserkrankungen häufigste Ursachen. Nach einem Arztgutachten entscheidet der Versicherungsträger, ob Rente gezahlt wird.

Die Höhe der Erwerbsminderungsrente hängt von den Versicherungsjahren, vom vorherigen Einkommen und von der Restarbeitsfähigkeit ab. Wer maximal noch unter drei Stunden arbeiten gehen kann, erhält volle Erwerbsminderungsrente, bei drei bis unter sechs Stunden teilweise. Unterm Strich wird für Durchschnittsverdiener etwa die Hälfte des Nettoeinkommens als volle Erwerbsminderungsrente und ein Viertel als teilweise Rente ausgezahlt. Eine private Berufsunfähigkeitsversicherung hat auf die gesetzliche Erwerbsminderungsrente keine Auswirkung.

Voraussetzung für die Zahlung der Erwerbsminderungsrente ist, dass der Versicherte in den letzten fünf Jahren vor Eintritt der Erwerbsminderung mindestens drei Jahre Pflichtbeiträge gezahlt hat. Bei allen, die ab 2018 Erwerbsminderungsrente bekommen, werden diese Beitragszeiten für die Rentenversicherung so bewertet, als hätte der Versicherte bis 62 Jahre und drei Monate gearbeitet. Diese Zurechnungszeit erhöht sich bis 2024 stufenweise bis zur Vollendung des 65. Lebensjahres. Sie soll Nachteile bei der Rentenberechnung ausgleichen. Das ist laut Rentenberater Christian Lindner wichtig, wenn die Erwerbsminderung bereits nach kurzer Versicherungsdauer eintritt.

Ein Beispiel: Der Versicherte ist am 15. April 1981 geboren. Seine Beitragszeiten beginnen am 1. September 1997, die Erwerbsminderung am 25. Januar 2018. Die gesetzlich geregelte Berechnungszeit gilt für ihn bis zum 62. Lebensjahr und drei Monaten. Beiträge für die Rentenversicherung hat er von September 1997 bis Januar 2018 für 245 Kalendermonate gezahlt. Angerechnet für die Rente werden ihm zusätzlich noch 306 Kalendermonate von Februar 2018 bis Juli 2043. War der Versicherte Durchschnittsverdiener und ist voll erwerbsgemindert, erhält er 1216 Euro monatliche Rente, abzüglich Kranken- und Pflegeversicherung. (gfl)

www.freiepresse.de/renten18

www.rentenberater.de

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