Coronavirus als Risikofaktor

Innerhalb weniger Tage hat das wichtigste deutsche Börsenbarometer, der Dax, rund 1400 Punkte verloren. Nachdem es monatelang stetig bergauf ging, mussten Aktienanleger jetzt einen Einbruch um mehr als zehn Prozent verkraften. Schuld an dem abrupten Stimmungsumschwung ist das Coronavirus. Die Angst vor den wirtschaftlichen Folgen einer weltweiten Pandemie sorgt dafür, dass Finanzmarktinvestoren ihre Risiken reduzieren. Es lässt sich zwar nicht einigermaßen seriös beziffern, wie stark das Coronavirus die Weltwirtschaft belasten wird, doch ganz irrational ist die vorsichtige Haltung der Kapitalanleger auch nicht.

Längst werden erste ökonomische Folgen der Krankheitswelle sichtbar. Der US-Technologiekonzern Apple hatte bereits in der vergangenen Woche seine Umsatzerwartungen zurückgeschraubt. Die Deutsche Lufthansa hat einen Einstellungsstopp verkündet, viele Unternehmen streichen ihre Reisepläne zusammen. Mit der stärkeren Verbreitung des Coronavirus in Italien und in Südkorea ist die Gefahr einer weltweiten Ausbreitung deutlich gestiegen. Eine länger anhaltende und stärkere Belastung des globalen Wirtschaftswachstums ist wahrscheinlicher geworden.

Der entscheidende Risikofaktor ist allerdings die wirtschaftliche Entwicklung in China. Viele internationale Lieferketten sind mit der chinesischen Wirtschaft verbunden. Lieferschwierigkeiten mit Vorprodukten aus der Volksrepublik können nur schwer ausgeglichen werden. Gleichzeitig ist China für viele Unternehmen längst zum wichtigsten Markt geworden. Der Volkswagenkonzern verkauft dort fast 40 Prozent seiner Fahrzeuge. Wenn die Nachfrage in China nachlässt, wirkt sich das direkt auf die Produktion aus.

Auch für die Wirtschaft in Sachsen ist China seit zehn Jahren das wichtigste Exportland und die Coronakrise damit ein Risiko für die Konjunktur im Freistaat. Im vergangenen Jahr wurden insgesamt Waren im Wert von rund 7,2 Milliarden Euro ins Reich der Mitte geliefert. Das waren 6,7 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Mehr als die Hälfte des Exportvolumens entfällt auf Erzeugnisse aus dem Bereich Kraftfahrzeugbau. Aber auch für die sächsischen Maschinenbauer ist China der Hauptabnehmer. In der Vergangenheit konnten konjunkturelle Rückschläge wie beispielsweise bei der Sars-Pandemie in den Jahren 2002 und 2003 meist schnell wieder ausgebügelt werden. Niemand kann allerdings derzeit sagen, ob das diesmal auch beim Coronavirus so sein wird.

In den global aufgestellten Unternehmen wird das Coronavirus noch lange Folgen haben und möglicherweise auch die Geschäftspolitik verändern. Die Rolle Chinas als Produktionswerkstatt der Welt könnte zunehmend in Frage gestellt werden, weil sich die Unternehmen schon aus Sicherheitsgründen einen zweiten Lieferanten aufbauen müssen. Die Gesundheitskrise in der Region um Wuhan hat deutlich gemacht, wie gefährlich es sein kann, sich auf Vorlieferanten aus einer Quelle zu stützen. Den Unternehmen wird nichts anderes übrig bleiben, als ihre Zulieferer stärker zu diversifizieren. Das könnte neue Entwicklungschancen für weitere Schwellenländer bieten. Dann hätte die Coronakrise doch noch einen positiven wirtschaftlichen Effekt gehabt.


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