Die Herkulesaufgabe der Linken

Sachsens Linke wählt Rico Gebhardt erneut zum Spitzenkandidaten. Der Fraktionschef erhielt ein deutlich besseres Ergebnis als 2014. Auf der Landesliste landeten einige Fachpolitiker nur auf hinteren Plätzen.

Die Versammlung der knapp 250 sächsischen Linken in Leipzig begann musikalisch. "Keine Atempause/Geschichte wird gemacht/Es geht voran", schallte es am Samstagmorgen aus den Boxen. Ein Klassiker der Band "Fehlfarben". Dass es davon auch eine Fassung aus seiner Heimat gebe - vom DJ-Duo "Stereoact" aus dem Erzgebirge - habe er bis vor kurzem noch nicht gewusst, sagte Rico Gebhardt. Er setzte hinzu: "Coole Sache."

Ob es auch mit der Linken im Freistaat vorangeht, wenn sie erneut mit Gebhardt als Spitzenkandidat zur Landtagswahl antritt? Daran dürfte so mancher Genosse auch jetzt noch zweifeln. Mit Gebhardt als Nummer 1 sackte die größte Oppositionspartei bereits vor fünf Jahren erstmals seit 1994 unter die 20-Prozent-Marke. Seine rhetorischen Fähigkeiten sind nach wie vor ausbaufähig. Und seine offene Fürsprache ist keine Gewähr, dass die von ihm favorisierten Kandidaten dann auch tatsächlich gewählt werden. Diese Erfahrung musste Innenpolitiker Enrico Stange machen, der nach der auch von Gebhardt zu verantwortenden Nicht-Berücksichtigung unter den ersten 20 Plätzen letztlich nur auf Platz 26 einkam.

Aber: Dennoch muss Gebhardt bei dieser Wahl nicht der falsche Mann sein. Davon abgesehen, dass sich beim eigens durchgeführten Mitgliederentscheid über die Spitzenkandidatur kein einziger Herausforderer fand, kann er nun - das zeigt sein im Vergleich zu 2014 deutlich besseres Wahlergebnis - auf einen viel größeren Rückhalt unter den eigenen Genossen bauen.

Dies dürfte auch mit der äußeren Bedrohung zusammenhängen. Am 1. September hat Sachsens Linke durchaus etwas zu verlieren: Seit fast 20 Jahren ist die Partei - und das mit Abstand - nach der CDU die zweitstärkste Kraft im Landtag. Dies angesichts der in Umfragen längst vorbeigezogenen AfD auch nach der Landtagswahl am 1. September zu bleiben, ist eine Herkulesaufgabe. Sie ist neu für die Genossen, anders als die bereits seit 1990 fehlende Machtoption in Sachsen. Die unterscheidet sie nicht nur von der schon jetzt mitregierenden SPD, sondern zugleich von den im bundesweiten Umfragehoch befindlichen Grünen.

Da die Linke mit beiden Parteien auch in Sachsen programmatisch weit mehr als nur das Ja zur Einführung von Gemeinschaftsschulen verbindet, kann so ein Alleinstellungsmerkmal nicht schaden. Andererseits: Warum eine Partei wählen, deren Gang in die Regierung nahezu ausgeschlossen ist?

Umso wichtiger gerade für die Linke werden im Wahlkampf überzeugende inhaltliche Forderungen sein. Dafür, dass diese im Landtag künftig nicht mehr durch die Bank abgelehnt werden, sorgt auch das Ausscheiden vieler älterer Linke-Abgeordneter. Damit nämlich haben sich die bis heute von der CDU gepflegten DDR- und Kommunismus-Anspielungen endgültig erledigt.

Mit diesem Generationswechsel unter seiner Führung macht Gebhardt aber nur dann Geschichte, wenn die Linke stark bleibt. Ansonsten braucht sie ab September mindestens einen neuen Fraktionschef.

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