In Zeiten des Lehrermangels

Zum Erfolg des Bündnisses Gemeinschaftsschule in Sachsen

Ob es an Sachsens Schulen nicht ganz andere Probleme gibt als die Dauer des gemeinsamen Lernens? Gerade jetzt, wo Schulleiter mit "Hilfe!"-Aushang nach "mutigen Kollegen" unter Mathematik- und Physiklehrern suchen müssen, damit die in den neuen fünften Klassen mal eben den Ethikunterricht übernehmen? Wo frisch fertiggewordene Referendare mit ausgewiesenen Mangelfächern sich binnen weniger Tage für die Anstellung an einer anderen Schulart in einem anderen Ort für den Unterricht in einem anderen Fach entscheiden sollen? Wo Junglehrer eben doch in Nachbarländer ausweichen oder sich erst mal arbeitssuchend melden, weil sie sich in Einstellungsgesprächen unverstanden und regelrecht abgefertigt fühlen?

Nein, das Problem des Lehrermangels ist mitnichten erledigt. Auch jetzt scheint die sächsische Kultusverwaltung noch nicht überall zur Lösung beizutragen. Dazu kommt die irrige Annahme, den Mangel durch Verteilung auf alle Regionen und Schularten "gerecht" verteilen zu können. Wenn deshalb auch an Gymnasien in Ballungszentren Schulfächer "fachfremd" unterrichtet werden müssen, weil die entsprechenden Lehrer zwar eigentlich da wären, aber doch lieber andernorts an anderen Schularten aushelfen sollen, wird dadurch das Problem eher größer - weil manche Pädagogen dann eben doch Sachsen verlassen. Selbst die planmäßige Kürzung der Stundentafel und neue Flexibilitätsregelungen bei der Erfüllung des Lehrplans werden absehbar nicht verhindern, dass es im neuen Schuljahr Probleme bei der Unterrichtsversorgung geben wird.

Aber: Argumente gegen die Gemeinschaftsschule sind das alles nicht - und erst recht nicht gegen die Befürwortung des Volksantrags. Der ihm zugrunde liegende Gesetzentwurf ist eben keine Abkehr vom bisherigen Schulsystem mit regulärer Trennung nach Klasse 4 in Oberschule und Gymnasium - sondern nur dessen Ergänzung. Und auch die nur dann, wenn die Beteiligten zustimmen und das längere gemeinsame Lernen gutheißen. Es handelt sich schlicht um eine Öffnungsklausel im Schulgesetz, deren Nicht-Vorhandensein viel über das bisherige Selbstverständnis der CDU aussagt.

Sachsens Union, die als einzige politisch relevante Kraft Gemeinschaftsschulen kategorisch ablehnt, verantwortet seit 1990 die Schulpolitik im Land. Paradox ist, dass sie zwar unbedingt die Aufteilung von leistungsschwächeren und leistungsstärkeren Schülern ab Klasse 5 beibehalten will, dabei aber in Kauf nimmt, dass es für die eine Hälfte gar nicht genügend ausgebildete Lehrer gibt - weshalb Oberschüler etwa auch verstärkt durch Gymnasiallehrer unterrichtet werden müssen.

Beheben werden Gemeinschaftsschulen den Lehrermangel natürlich nicht - ihn aber auch nicht vergrößern. Eher im Gegenteil: An Gemeinschaftsschulen werden zwar verschieden ausgebildete Lehrer gebraucht, aber eben auch nicht mehr. Dazu kommt, dass ein solches Zusammengehen den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken kann - im Großen wie im Kleinen.

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 1 Bewertung
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...