Rendite wichtiger als Versorgung?

Das deutsche Gesundheitssystem lockt Finanzinvestoren an. Ärztevertreter warnen vor weiterer Kommerzialisierung der Medizin. Auch herkömmliche Kliniken stehen unter hohem Kostendruck.

Im deutschen Gesundheitssystem werden im Jahr rund 380 Milliarden Euro ausgegeben. Wo so viel Geld im Markt ist, sind Finanzinvestoren nicht weit - in der Hoffnung, sich ein Stück von diesem Kuchen abzuschneiden. Kein Wunder also, dass Ärztepräsident Klaus Reinhardt vor der Ausbreitung von Branchenfremdlingen auf dem Gesundheitsmarkt warnt.

Er tut das - so zumindest seine Argumentation - aus der Sicht der Patienten. Deutschland brauche ein humanes Gesundheitswesen, das nicht so durchökonomisiert sei wie ein Industriebetrieb. Die Patienten hätten einen Anspruch auf eine menschliche Behandlung. Doch wie groß ist die Gefahr wirklich, dass die "Heuschrecken" des Geldes über Kliniken oder Medizinische Versorgungszentren herfallen, sie kahl fressen und ihren Hunger dann beim nächsten Opfer stillen? Eine Antwort darauf ist schwer zu geben. Ein zum Beispiel von den Linken gefordertes öffentlich zugängliches Register für alle Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) in Deutschland - samt Meldepflicht über Trägerstrukturen, Beschäftigtenzahlen oder ausgeschüttete Gewinne gibt es nicht. Die Bundesregierung kennt nicht einmal die Anzahl von fondsfinanzierten Versorgungszentren in Deutschland. Das allerdings wäre Voraussetzung dafür, um mögliche Fehlentwicklungen mit negativen Folgen für die Patienten überhaupt erkennen zu können.

Solche sind zumindest zu befürchten. Geschäftsmodell von Finanzinvestoren ist es ja gerade, mit einer Unternehmung hohe Gewinne zu machen beziehungsweise das eingesetzte Kapital möglichst hoch zu verzinsen. Die Gelegenheiten dafür scheinen in Deutschland derzeit besonders gut zu sein. Bundesweit ist etwa ein Viertel der niedergelassenen Fachärzte über 60 Jahre alt. Ihre Kassensitze, die bald frei werden, sind bei Private-Equity-Gesellschaften sehr begehrt. Sie werden gebraucht, um renditeorientierte MVZ-Ketten zu etablieren . Der legale Einstieg in das Geschäft gelingt über der Kauf von kleinen Kliniken.

Sicher, es gibt Beispiele, wo über solche Einrichtungen die medizinische Versorgung in ländlichen Regionen sichergestellt wird - zumindest kurzzeitig. Realistisch betrachtet, werden die Ketten sich vor allem in den Großstädten ansiedeln. Und sie werden genau das anbieten, womit sie das meiste Geld verdienen können. So läuft das Geschäft.

Pauschal verteufeln sollte man die Finanzinvestoren im Gesundheitsmarkt jedoch nicht. Im Zweifel stoßen sie genau in jene Lücken, die es in der medizinischen Versorgung mittlerweile zuhauf gibt, für deren Entstehen sie aber nicht verantwortlich gemacht werden können. Zudem wächst auch auf kommunale und andere Krankenhausträger der finanzielle Druck. Zum Beispiel dann, wenn sie ausbleibende Investitionen der Länder in die Häuser und die Technik aus eigenen Erlösen finanzieren müssen. Dafür brauchen sie Geld. Das geht soweit, dass schon mal medizinische Leistungen an Patienten erbracht werden, die nicht zwingend notwendig wären - auch wenn das kaum einer zugibt.

1Kommentare
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  • 6
    0
    Hankman
    25.11.2019

    Traurigerweise geht es im deutschen Gesundheitssystem schon seit langem vorwiegend um die Rendite. Es ist ein Markt. Der Mensch, der Patient, interessiert nur noch am Rande. Erst einmal müssen die Zahlen stimmen, es muss "sich rechnen". Nun könnte man einwenden, dass es doch ganz toll sei, dass große Klinikkonzerne reihenweise Krankenhäuser aufgekauft und dann dort investiert haben. Das ist nur toll, weil sich die öffentliche Hand jahrelang um die nötigen Investitionen herumgedrückt hat, für die sie eigentlich reichlich Steuergelder bekommt. Und dann hieß es: Wir müssen jetzt mehr privatisieren. Ja, klar.

    Es gibt bestimmt Beispiele, wo die Privatisierung öffentlicher Aufgaben und öffentlicher Güter, wo öffentlich-private Partnerschaften richtig gut funktioniert und den Menschen am Ende Vorteile wie bessere Leistungen bei gleichen oder gar niedrigeren Preisen gebracht haben. Mir fällt nur gerade keines ein. Wenn man es mal zuspitzt: Nach dem Sozialismus ist der Neoliberalismus die nächste Ideologie, die krachend gescheitert ist. Und wie bei ersterem wird es auch jetzt wieder eine ganze Weile dauern, bis die Folgen aufgearbeitet sind.



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