Sie sorgt, er zahlt - ein Auslaufmodell

So manch alleinerziehender Mutter werden angesichts der Pläne von Familienministerin Franziska Giffey, getrennt lebende Väter besserzustellen, schier die Worte fehlen. Schließlich sind rund 640.000 Kinder getrennt lebender Eltern in der Bundesrepublik auf staatlichen Unterhaltsvorschuss angewiesen. Weil eben - zumindest in der Mehrzahl der Fälle - der Vater seiner gesetzlichen Unterhaltsverpflichtung nicht nachkommt.

Rund 77.000 minderjährige Kinder waren 2017 von Scheidung betroffen. Ihre Eltern müssen deren Betreuung regeln. Meist passierte das nach dem Motto "Sie sorgt, er zahlt". Dieses Residenzmodell wurde zumindest bis vor wenigen Jahren in der Mehrzahl der Fälle gelebt. Die Kinder blieben bei der Mutter, der Vater hat gearbeitet und gezahlt (oder auch nicht). Es ist weder ein Geheimnis noch überraschend, dass Mütter nach einer Trennung am stärksten von Armut betroffen sind. Sie wollen durchaus arbeiten, können es aber oft nur in Teilzeit - daran ändert auch das verbriefte Recht auf einen Betreuungsplatz nichts. Von den daraus entstehenden Konsequenzen für Karriere und Rente gar nicht erst zu sprechen.

Das wollen Eltern nicht mehr hinnehmen. Trennen sie sich heute, ist es längst nicht mehr ausgemacht, dass die Kinder automatisch bei der Mutter bleiben und der Vater Unterhalt zahlt. Es gibt inzwischen zahlreiche individuelle Lösungen. Trennungseltern favorisieren immer häufiger das Wechselmodell, in dem sie sich die Betreuung ihres Nachwuchses oftmals hälftig teilen. Väter wollen ihre Kinder längst nicht nur jedes zweite Wochenende aufwachsen sehen. Sie wollen gleichberechtigt an der Erziehung teilhaben. Sie sind häufiger in der Elternzeit anzutreffen und leisten auch verstärkt Familienarbeit. Es liegt also auf der Hand: Das auf dem Residenzmodell basierende Unterhaltsrecht ist veraltet - kein Wunder, es stammt aus den 1950er-Jahren.

Dieses Wechselmodell, das dem Interessenverband Unterhalt und Familienrecht zufolge neun Prozent der Paare praktizieren, ist aus Sicht vieler Experten die schonendste Lebensvariante für Trennungskinder - wenngleich sie natürlich nur Erfolg haben kann, wenn eine Kommunikationsbereitschaft seitens der Eltern vorhanden ist, was natürlich bei zerstrittenen Ex-Paaren oft nicht funktioniert.

Trotzdem hat Ministerin Giffey Recht, wenn sie jetzt das Unterhaltsrecht anpacken will - auch wenn sie den Vorstoß gewissermaßen von ihre Vorgängerin Katarina Barley (beide SPD) geerbt hat. Bereits unter Barley sollte das Ministerium Reformvorschläge erarbeiten. Giffey will sogar noch einen Schritt weitergehen. Auch das Elterngeld soll auf den Prüfstand - mit dem Ziel, dass Väter länger als die bisher geforderten zwei Monate zu Hause bleiben können, um Anspruch auf 14 Monate Elterngeld zu haben. Offenbar braucht es auch hier eine gesetzliche Regelung als Argumentationshilfe für den Arbeitgeber. Wenn dann auch noch das Steuerrecht für unverheiratete Eltern, Alleinerziehende oder Patchworkfamilien angepasst wird, trägt der Staat endlich wieder einem Stück Lebenswirklichkeit seiner Bürger Rechnung.

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