Terror gegen uns

Der Schock sitzt tief. In Deutschland ist es beinahe zu einem antisemitischen Massaker gekommen. Ein Neonazi hat in Halle versucht, mehr als 50 jüdische Gläubige beim Gebet in der Synagoge zu ermorden, an ihrem höchsten religiösen Feiertag Jom Kippur. Der 27-jährige Rechtsextremist erschießt zudem willkürlich zwei arglose Menschen. Zwei weitere Personen werden schwer verletzt. Was für eine unfassbare Nachricht. Sie geht um die ganze Welt. Der Generalbundesanwalt spricht von Terror.

Die Tat offenbart eine abgrundtiefe Menschenfeindlichkeit. Ein Mann will Juden töten, weil ihm deren Religion nicht passt, weil er sie als Feinde ansieht. Das erinnert an das schwärzeste Kapitel der deutschen Geschichte. Wie seinerzeit die Nationalsozialisten ist auch der Attentäter von Halle von jenem krankhaften Wahn rechtsextremer Ideologie getrieben, bestimmen zu können, wer angeblich "dazu gehört" und wer nicht.

Doch in Wirklichkeit stellt sich die Tat anders dar: Ein Deutscher hat zwei Mitbürger ermordet und versucht, viele weitere kaltblütig und aus Hass zu töten. Dies beschreibt die wahre Dimension des Verbrechens. Der Anschlag von Halle richtet sich nicht allein gegen eine bestimmte Religionsgruppe, sondern gegen uns alle. Neonazis sind Feinde der Demokratie, verblendete Gegner unserer offenen, vielfältigen Gesellschaft. Sie wenden sich gegen Juden, Muslime, Zuwanderer, Homosexuelle und politisch Linke und wähnen dabei die Mehrheit der Gesellschaft als Verbündete hinter sich. Genau in diesem Glauben darf die tatsächliche, aber meist stumme Mehrheit die Extremisten nicht lassen. Sie muss die Errungenschaften der Demokratie verteidigen, lauter denn je. Denn diese Errungenschaften sind bedroht wie selten zuvor.

Es muss deutlich werden, dass die übergroße Mehrzahl in Deutschland es nicht hinnimmt, dass Rechtsextremisten Angst und Schrecken verbreiten. Halle hat gezeigt: Im Zweifel würden sie wohl auch jeden von uns ohne zu zögern töten. Sie sind es, die Rassisten und extremen Rechten, die nicht zum weltoffenen Deutschland passen. Die Gesellschaft muss die Kraft aufbringen, sie mit aller Härte in die Schranken zu weisen. Eine wehrhafte Demokratie will Deutschland sein? Dann muss es seinen inneren Feinden den Kampf ansagen, mit härteren Gesetzen, strengeren Urteilen, engmaschiger Überwachung.

Es kommt aber auch auf die Bürger an. Sie sind Teil eines Ganzen, das bedroht wird und das es zu schützen gilt. Es ist nicht allein Aufgabe von Politikern, judenfeindliche Sprüche und rassistische Ausfälle zu verurteilen. Das muss jeder: im Sportverein, im Bus, in der Kneipe, am Arbeitsplatz - auch gegenüber einigen Mitgliedern der AfD, die es mit der Achtung der demokratischen Grundwerte nur dann genau nehmen, wenn sie sich selbst als Opfer sehen. AfD-Politiker marschieren mit beinharten Neonazis, sie diffamieren Zuwanderer und Muslime, loben die Wehrmacht und verharmlosen das Dritte Reich als "Vogelschiss". Wer sich so verhält, steht nicht glaubhaft an der Seite der jüdischen Bürger. Er beweist vielmehr, dass sie ihm egal sind.

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 3 Bewertungen
4Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 8
    4
    Malleo
    11.10.2019

    Herr Peduto.
    Alles richtig was Sie sagen.
    Leider ist Ihre Aufzählung bei Antisemiten, bewusst oder unbewusst,unvollständig.
    Schade.

  • 4
    3
    saxon1965
    11.10.2019

    @Distelblüte: "Hoffentlich lässt sich die Trägheit der schweigenden Mehrheit überwinden."
    Ja, hoffentlich stehen die Menschen bald wieder Schulter an Schulter auf der Straße. Aber bitte für Frieden und Völkerverständigung (fasst das Geschriebene von Herrn Peduto mit ein) und nicht für E-Autos!
    Hier werden zwei Morde und zig-facher Mordversuch eines geistig verwirrten Rechtsextremisten detailliert analysiert, während die Welt brennt.
    Man sollte meinen Beides gehört bekämpft! Ich bin stolz auf mein Land, was in der NATO ist und der drittgrößte Waffenexporteur weltweit.

  • 8
    2
    saxon1965
    11.10.2019

    Sehr bedenklich, was im Artikel "Morde wie in einem Videospiel" geschrieben wird.
    Man muss sich fragen, was sich die Macher solcher Gewalt verherrlichender Spiele dabei denken. Krieg und Mord hat nichts mit Sport, Geschicklichkeit oder Wissen und Lernen zu tun. Diese Spiele zielen auf die primitivsten Instinkte und Reflexe in uns ab, auf Instinkte, die der positiven Entwicklung von uns Menschen im Wege stehen. Leider sind jedoch Krieg und Gewalt ein wichtiger Bestandteil dieses Systems, dass sich durch genau diese Menschen verachtenden und Menschen vernichtenden Aktivitäten über Wasser hält.
    Dieser Täter, der zu Recht als kranker Rechtextremist bezeichnet wird und die Gründe für sein Handeln, sind ein Resultat dieses Systems. Man muss sich nur die Nachrichten anschauen und man erlebt wie Regierungschefs begründen, warum sie Menschen töten lassen.
    Wo ist der Unterschied zwischen seinem Töten und dem Töten via Drohnen?

  • 3
    7
    Distelblüte
    10.10.2019

    Auf den Punkt, Herr Peduto. Genauso muss es laufen. Hoffentlich lässt sich die Trägheit der schweigenden Mehrheit überwinden.



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