Totalversagen der sozialen Netzwerke?

Schütze streamte das Attentat auf Moscheen in Neuseeland

Im Netz kursiert neben einem Livestream vom Anschlag auch ein rechtsradikales Manifest mit dem Titel "The Great Replacement" (Der große Austausch), das das Attentat auf die Moscheebesucher in Neuseeland anzukündigen scheint. Auch wenn die Urheberschaft dieses Bekennerschreibens noch nicht zweifelsfrei geklärt ist, führt beides einmal mehr vor Augen, wie unzureichend Facebook, Twitter & Co. die Verbreitung von Inhalten unterbinden können, die klar den eigenen Nutzungsrichtlinien widersprechen. Aber ist den Internetkonzernen nun ein Totalversagen vorzuwerfen?

Ernsthaft wohl kaum. Selbst ausgeklügeltste Upload-Filter scheitern offensichtlich allein schon an der schieren Anzahl von Kopien und an erneuten Uploads dieses abscheulichen rassistischen Gedankenguts. Die Alternative wäre also, eine Heerschar an Administratoren jeden einzelnen Inhalt und jeden Post vorher überprüfen und dann freigeben zu lassen. Aber abgesehen davon, dass das schon praktisch nicht machbar ist: Wollen wir tatsächlich Algorithmen oder Konzernmitarbeiter darüber urteilen lassen, was geposted und in Chats geäußert werden darf und was nicht? Zu Recht gäbe es dann einen Aufschrei gegen Willkür und Zensur. Und wäre die Verbreitung rassistischer Inhalte, die den Terror verherrlichen, damit wirklich gestoppt? Eher nicht.

Vielmehr stellt sich daher die Frage, wie mit derartigen Inhalten umzugehen ist. Dass Medien Teile des verstörenden Materials auch noch weiterverbreitet haben, um mit den sozialen Netzen mitzuhalten und die Schaulust ihrer Konsumenten zu bedienen, ist zum einen beschämend. Zum anderen - und das ist noch kritikwürdiger - ist das verantwortungslos. Diese Medien machen sich selbst zu Helfershelfern von Verbrechern, indem sie Teil der Strategie dieser Terroristen werden. Deren Ziel ist es nämlich, zu provozieren, Reichweite für ihre Weltanschauung zu generieren, Debatten über die Gründe für ihre Taten auszulösen, Gesellschaften dadurch zu spalten und Gleichgesinnte zu Ähnlichem zu inspirieren. Wie in Neuseeland geht es den Tätern letztlich um Propaganda, die auch in diesem Fall bereits zu fruchten scheint: In sozialen Medien und Foren huldigen User bereits dem Schützen. Das folgt dem Muster, mit dem schon die Terrororganisation "Islamischer Staat" im Trüben gefischt und Anhänger gewonnen hat.

Noch etwas sollte hellhörig machen: Denn bei dem Manifest handelt es sich ganz eindeutig um "Shitposting", bei dem große Mengen an Inhalten ausgespielt werden, von denen die meisten ironisch und niveaulos sind, um emotionale Reaktionen zu provozieren. Produktive Diskussionen werden so zum Entgleisen gebracht. Es geht also nicht darum, Gegner zu überzeugen, oder darum, wer recht hat, sondern wer vom Publikum recht erhält. Das gehört auch zur terroristischen Kriegsführung - und das sollte sich jeder User, bevor er etwas liked oder teilt, bewusst machen.

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