Wagenknecht - ein gescheiterter Solitär

Zur Situation der Linken nach dem Rückzug von Frontfrau Sahra Wagenknecht

Sahra Wagenknecht verlässt die erste Reihe der Politik. Es ist eine angeschlagene Gesundheit, welche die 49-Jährige als Begründung für ihre Entscheidung anführt. Zwei Monate lang hatte Wagenknecht pausiert. Während dieser Zeit sei ihre Entscheidung gereift, das Arbeitspensum zu drosseln. So hatte Wagenknecht am Sonntag überraschend mitgeteilt, dass sie aus der Führung der von ihr gegründeten linken Sammlungsbewegung "Aufstehen" aussteigt. Zu Wochenbeginn dann folgte die Ankündigung, sich im Herbst auch bei der Neuwahl der Fraktionsführung nicht mehr zur Wahl zu stellen.

Zweiteres ist nicht nur die größere Überraschung, sondern auch die Entscheidung mit den weitreichenderen Folgen. Denn damit räumt Wagenknecht ihre wichtigste politische Bühne. Doch ein guter Auftritt auf der Bühne bemisst sich auch am Applaus, den jemand bekommt. Und für Wagenknecht ist der Beifall in letzter Zeit besonders aus den eigenen Reihen massiv zurückgegangen.

Das liegt keineswegs am politischen und rednerischen Talent der linken Frontfrau. Im Gegenteil. Rhetorisch können Wagenknecht nur wenige Bundespolitiker das Wasser reichen. Mehr und mehr Linke-Abgeordnete stören sich aber dran, dass Wagenknecht die Fraktion nicht führt. Vielmehr steht sie an der Spitze wie ein unnahbarer Solitär. Was anfangs als Eigenart durchging, ist zunehmend zu einem Problem geworden. Es kulminierte in Wagenknechts Gründung der linken Sammlungsbewegung "Aufstehen", welche sie trotz ausdrücklicher Missbilligung der Parteiführung und vieler Fraktionsmitglieder ins Leben rief. Dieser Schritt hat Wagenknecht viel Rückhalt bei den Genossen gekostet.

Problematisch wird es auch oft, wenn Wagenknecht Positionen vertritt, welche in Partei und Fraktion nicht mehrheitsfähig sind. Dann kracht es. Und bekanntlich hat es in der Linken in den vergangenen Jahren häufig gekracht, besonders bei den Themen Flüchtlinge und Migration. Wagenknecht wollte einen Richtungswechsel, hin zu einer Begrenzungsdebatte - erst in der Linken, später bei "Aufstehen". Beide Male ist sie damit angeeckt und sogar unter Beschuss geraten. Kritik und Feindseligkeiten haben zuletzt stark zugenommen. Auf Dauer kann eine solche Situation durchaus zur körperlichen Überlastung führen.

Wagenknechts angekündigter Rückzug bedeutet letztlich, dass sie eine Führung abgibt, die sie zwar formal, aber nie persönlich übernommen hat. Als einfache Abgeordnete wird sie hingegen wieder jene Freiheit haben, für sich selbst zu sprechen, ohne andere in der Linken dafür in Mithaftung zu nehmen. Fest steht, dass ihr in der Öffentlichkeit auch weiterhin viel Aufmerksamkeit zuteil werden wird, nicht zuletzt in den bevorstehenden Wahlkämpfen. Dennoch steht Wagenknechts Abgang symbolisch für ihren gescheiterten Versuch, die Linke im Alleingang auf einen bestimmten Kurs zu zwingen. Am Ende hat sich die Mehrheit der Genossen dagegen entschieden.

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