Aufgeflogen: Wie ein Ex-Dealer sein neues Leben meistert

Jahrelang hat er Drogensüchtige mit Crystal aus Tschechien versorgt. Bei mehreren Razzien fand die Polizei ein Kilo Stoff. Nun beißt er sich durch das zivile Leben.

Freiberg.

"Ich war einfach froh, dass es vorbei war." Sebastian sitzt bei Kerstin Uhlig im Büro der Suchtberatungs- und Behandlungsstelle (SBB) der Diakonie in Freiberg. Acht Jahre lang war er schwer drogenabhängig, die chemische Droge Crystal Meth hatte ihn im Griff. Sechs Jahre hat er den Stoff in Mittelsachsen vertickt. Heute ist er 31. Mit entschlossenem Blick schaut er die Therapeutin an. Wie er dabei seine Finger verschränkt, sie auf den Tisch legt und sich nach vorn lehnt: Er wirkt aufgeräumt. Wie jemand, der mit etwas abgeschlossen hat und bereit ist für eine neue Aufgabe. Oder ein neues Leben.

Sein altes Leben würde er am liebsten abschütteln wie eine dicke, lästige Fliege, die immer wieder kommt. Der Bruch kam am 6. März 2015: Mit einem Kumpel war Sebastian nach Tschechien gefahren, um "neues Zeug" zu besorgen und zu verticken. In Neurehefeld bei Altenberg war Schluss: Bundespolizisten hielten das Fahrzeug an, filzten die beiden, fanden die Ware: 120 Gramm Crystal mit einem Wirkstoffgehalt von mehr als 60 Gramm Metamphetaminbase hatten sie nach Deutschland geschmuggelt. Der Wirkstoffgehalt ist entscheidend für das Strafmaß. Ab einem Wirkstoffgehalt von 5 Gramm spricht man in der Justiz von einer nicht geringen Menge. Bei zwei weiteren Razzien fanden die Beamten bei dem Dealer insgesamt ein Kilogramm Crystal. Sebastian war schon vorbestraft und auf Bewährung draußen. Dennoch konsumierte er zu der Zeit täglich zweieinhalb Gramm Crystal. Doch plötzlich: Untersuchungshaft. Zweieinhalb Monate. Kalter Entzug. "Der Schock war so groß, dass ich gar nicht viel mitbekommen habe. Ich hatte gar keine Zeit, darüber nachzudenken", erzählt Sebastian. "Der Schuss vor den Bug war schon ordentlich." Dass er aufgeflogen ist, war sein Tiefpunkt.

Im Büro von Kerstin Uhlig saßen schon viele alkohol- oder drogensüchtige Männer und Frauen. 2017 suchten 760 Menschen Hilfe in der SBB der Diakonie Freiberg. Davon hatten 101 Personen die Hauptdiagnose Crystal. Seit Sebastian Weihnachten 2017 aus der Haft entlassen wurde, kommt er regelmäßig zur Nachsorge zu ihr. Die Suchttherapeutin kennt seine Geschichte. Sie kennt aber auch die Folgen jahrelangen Crystalkonsums, wie zum Beispiel Schlafstörungen, Magenschmerzen, Hautentzündungen, Mundfäule und Zahnausfall, bedingt unter anderem durch Mundtrockenheit, Herzrhythmusstörungen, Herzrasen, Reizbarkeit, aggressives Verhalten bis hin zu Gehirnschäden mit Denk- und Konzentrationsstörungen, Depression, Wahnvorstellungen, Halluzinationen und Angststörungen. "Oft leidet das Gedächtnis. Manche verlieren auch das natürliche Distanzgefühl anderen Personen gegenüber. Eigene und fremde Grenzen zu akzeptieren, fällt vielen dann oft schwer. Manche können nicht mehr richtig einschätzen, was real ist und was nicht", erläutert Kerstin Uhlig.

Hat der Ex-Dealer gute Aussichten, ein geregeltes Leben ohne Drogen zu führen? Die Sozialpädagogin schweigt. Sie schaut Sebastian an, dann lächelt sie: "Man kann für niemanden die Hand ins Feuer legen. Der Schalter muss im Kopf umgelegt werden. Das geht nur Schritt für Schritt. Was acht Jahre gedauert hat, dauert auch acht Jahre, um wieder ins Reine zu kommen. Das braucht ganz, ganz viel Geduld." Auf Nachfrage erklärt sie später, dass die Drogenkarriere von Sebastian eher untypisch gewesen sei, da er relativ spät mit der Substanz begonnen hat. "Ansonsten ein typischer Verlauf, mit den persönlichen Besonderheiten", sagt Kerstin Uhlig. Wie erfolgreich eine Suchttherapie ist, dazu will sie keine Zahlen nennen: "Es gibt Personen, die sprechen mich Jahre später an, ich erkenne sie überhaupt nicht. Aber da kommt: 'Ich bin doch die und die und mir geht es richtig gut.' Die haben den Absprung geschafft. Dann bekomme ich manchmal weiche Knie und freue mich einfach nur. Und es gibt Personen, da hatte ich gehofft, und es ist nicht aufgegangen. Die haben häufig keinen klaren Cut gemacht, keine klare Entscheidung getroffen."

Das große Risiko beim Konsum von Methamphetamin besteht darin, dass Konsumenten sehr schnell sehr abhängig davon sind. Ein gesteigerter Sexualtrieb, erhöhte Risikobereitschaft und ein gehobenes Selbstwertgefühl sind psychische Effekte, die Konsumenten als angenehm empfinden. "Für mich war das keine Partydroge", meint Sebastian. Er war Anfang 20, arbeitete als Schmied in einem Metallbetrieb. "Die Arbeit war schwer, dreckig und laut, aber es hat mir gefallen." Mit den Kollegen war er auf einer Wellenlänge. Dann verletzte er sich bei einem Arbeitsunfall den Rücken schwer. Er fiel aus, war lange krankgeschrieben. Aus Sorge um seinen Job habe er sich trotz Schmerzen vorzeitig gesundschreiben lassen. Dann ging die Firma pleite. Er wurde arbeitslos; gegen die Rückenschmerzen half nichts. "Ich hatte mir gerade ein Auto gekauft. Das musste ich bezahlen." Deshalb habe er eine Ausbildung im Sicherheitsdienst gemacht. "Wir feierten unseren Abschluss, da hat mir jemand Crystal angeboten. Naja, ich hab's probiert. Auf einmal habe ich meine Rückenschmerzen nicht mehr gespürt. Ich war wieder leistungsfähig, konnte wieder arbeiten."

Wie viele Menschen in Sachsen crystalabhängig sind, lässt sich schwer sagen. Der Sächsischen Landesstelle gegen die Suchtgefahren zufolge haben 2017 mehr als 26.000 Menschen eine Suchtberatung in Anspruch genommen. Das sind weniger als noch zwei Jahre zuvor. In rund 3000 Fällen wurden Ratsuchende in eine Therapie vermittelt. In der stationären Suchtbehandlung wurden mehr als 20.000 Fälle gezählt. Meist ist nach einem körperlichen Entzug die psychische Abhängigkeit noch stark ausgeprägt, sodass selbst nach erfolgreicher Therapie die Gefahr groß ist, rückfällig zu werden.

Der erste Rausch: Sebastian war begeistert. Er probierte ein zweites, drittes, viertes Mal. Binnen kürzester Zeit war er abhängig von den weißen Kristallen. "Wenn ich konsumiert habe, hatte ich einen enormen Bewegungsdrang, wollte immer arbeiten, soviel wie möglich. Im Winter habe ich im T-Shirt stundenlang im Schnee gestanden und Holz gehackt." Aber die Nebenwirkungen blieben nicht aus; sein Körper hat stark gelitten. "Mit Crystal läufst du auf Volldampf. Man vergisst das Essen, hat keinen Hunger, keinen Appetit. Das Schlimmste ist, dass man das Trinken vergisst. Der Körper trocknet aus." Oft sei er tagelang aufgedreht gewesen, sodass er gar nicht schlief. Einmal sei er unter Drogeneinfluss 13 Tage lang wach gewesen. Danach die totale Erschöpfung. Anfangs hatte er Gewicht verloren, dann gewöhnte sich sein Körper an die Chemie: "Irgendwann war Crystal nur noch so was wie eine Kopfschmerztablette für mich." Er aß und trank wieder normal, nahm zu. Als Sebastian davon erzählt, wirkt er zerrissen. Einerseits schüttelt er den Kopf, macht mit der Hand eine Scheibenwischerbewegung vor seinem Gesicht. Andererseits: Eigentlich war doch alles gut, er sei nicht gewalttätig gewesen, habe niemandem geschadet, habe immer gern geholfen, wollte für andere da sein.

Sein Körper hatte sich schnell an die Chemie gewöhnt. Um das Hochgefühl weiter zu erhalten, erhöhte er die Dosis. Doch "der Konsum ging ins Geld, ich hatte nur Hartz IV. Dann habe ich gedacht: Ich hole mein eigenes Zeug selber", schildert er. In Moldava an der deutsch-tschechischen Grenze habe er rumgefragt und einen Händler gefunden, der im Hinterzimmer Crystal verkaufte. "Beim ersten Mal war ich ziemlich aufgeregt, da hab ich sogar mehr bezahlt als sonst", erzählt er. Immer wieder fuhr er hin. Der Preisunterschied war enorm: Im Erzgebirge habe seinerzeit ein Gramm Crystal 50 Euro gekostet, in Leipzig etwa 100 bis 120 Euro, in Bayern schon 180 Euro, erzählt Sebastian. In Tschechien, kurz hinter der Grenze, hat er den Stoff für 15 Euro pro Gramm gekriegt.

Dann fragten andere, ob er was mitbringen könne. "Schnell habe ich gemerkt, dass ich damit mein eigenes Zeug bezahlt kriege." Das Geschäft lief. Immer mehr Konsumenten sollte er Stoff mitbringen. Es rechnete sich. "Das Geld, was ich vorher in einem Monat verdient habe, hatte ich plötzlich innerhalb von zwei Tagen." Mit seiner Freundin, ebenfalls drogensüchtig, führte er so etwas wie ein gutes Leben. "Es war immer Geld da. Und außer Nervenkitzel hat es mich ja nichts gekostet", sagt er rückblickend.

Wie viel Umsatz er mit den Drogen gemacht hat, will er nicht sagen, nur soviel: "Über acht Jahre hab ich für etwa 250.000 Euro konsumiert." Seinen Eigenbedarf habe er von den Einnahmen aus dem Drogenhandel bezahlt.

Er glaubte, immer Glück zu haben. Nie wurde er kontrolliert; alles war so einfach. Dass er vielleicht schon monatelang von der Polizei observiert wurde, merkte er nicht. Oder er wollte es nicht merken. "Gegen Ende hatte ich schon das Gefühl, dass es nicht mehr lange geht", gibt er zu. Die letzte Fahrt nach Moldava wollte er eigentlich abblasen; dann ließ er sich bequatschen.

Im Oktober 2015 wurde Sebastian vom Landgericht Chemnitz zu insgesamt drei Jahren und neun Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. "In der Entgiftung hat es dann bei mir Klick gemacht: Ich wollte das Dreckszeug einfach nicht mehr", erzählt Sebastian. Doch die Grundlagen eines geregelten Lebens wie Einkaufen, Kochen, sorgsam mit Geld umgehen, musste er in der Justizvollzugsanstalt erst neu lernen. Die JVA Zeithain bei Riesa ist eine der ersten bundesweit, in der crystalabhängige Strafgefangene während der Haft eine Suchttherapie machen können. Seit 2014 haben dort bislang 63 Strafgefangene eine Therapie begonnen. Einer davon: Sebastian. Es sei hart gewesen. Aber er wollte die Sucht unbedingt in den Griff bekommen. Dafür hat er sich während seiner Haftzeit komplett abgeschottet, jeden Kontakt zur Außenwelt abgebrochen, auch zu seiner Freundin. "Im Knast habe ich gemerkt, dass ich wieder ruhiger werde, nicht mehr alle Leute vollquatsche. Ich bin wieder der Sebastian von früher."

Seine Eltern, meint er, haben wahrscheinlich geahnt, dass etwas nicht stimmt. Wie sie mit seiner Sucht, den Straftaten und der traurigen Dealer-Karriere ihres Sohnes umgehen, dazu möchten weder Sebastian noch seine Eltern selbst etwas sagen. Sie hätten ein gutes Verhältnis zueinander.

Dass er heute regelmäßig bei Kerstin Uhlig sitzt und über die Sucht spricht, gehört zu seinen Auflagen und Weisungen, die an das Urteil gebunden sind. Seit acht Monaten ist Sebastian auf freiem Fuß; drei Jahre auf Bewährung und fünf Jahre unter Führungsaufsicht. Das heißt: spontane Drogentests, regelmäßige Termine beim Bewährungshelfer und in der Suchtberatungsstelle - nichts darf er sich zu Schulden kommen lassen. Deshalb ist er auf der Hut. Seine Termine, auch wenn sie morgens 8.30 Uhr sind, nimmt er ernst. Sein neues, zweites Leben will er nicht versauen. "Auf das Rumgelungere habe ich keine Lust mehr. Ich will endlich wieder arbeiten", sagt er. Zum Sicherheitsdienst will er nicht mehr. Das Landleben, das wäre sein Ding. Sein Verlangen nach Normalität ist groß. Vater, Mutter, Kind, Arbeit, Urlaub, Auto? Perspektivisch könnte er sich das mit seiner Freundin schon vorstellen. "Aber erst muss ich mich um meine Gesundheit kümmern." Er hat große Probleme mit dem Blutdruck. Nachdem er sich kürzlich am Magen operieren ließ, habe er viele Kilos verloren, die Rückenschmerzen seien nun weg, "ich fühle mich viel besser", erzählt er. Von seinem Hartz IV versucht er sparsam zu leben, denn von dem Drogengeld sei nichts mehr übrig. Das habe er ausgegeben oder in den Ausbau eines Hauses gesteckt. Ein schlechtes Gewissen, jahrelang die Sucht der Stoffis um ihn herum immer weiter gefüttert zu haben, hat er nicht. "Muss doch jeder selbst wissen, was er macht. Die waren alle über 18", sagt Sebastian.

Im Frühjahr war er mit seiner Freundin das erste Mal wieder in Moldava - Zigaretten kaufen. "Man guckt schon, scannt die Buchten ab. Wir haben den Dealer auch gesehen, er hat uns angesprochen. Aber wir haben Nein gesagt", erzählt Sebastian in der Therapie. Das Kapitel sei vorbei. An Crystal werde er nur noch bei der Suchtberatung, der Bewährungshilfe oder beim Drogentest erinnert.

Name Sebastian heißt eigentlich anders, doch er will anonym bleiben. Sein richtiger Name ist der Redaktion bekannt.

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