Bahntrasse - Lückenschluss im Erzgebirge

Seit 1945 fuhr kein Zug mehr übers Osterzgebirge von Sachsen nach Böhmen. Jetzt wollen Enthusiasten auf beiden Seiten der Grenze das Gleis zwischen Holzhau und Moldava zurück. Was tut sich dort - und warum gibt es auch Eisenbahnfans, die dagegen sind? Eine Befahrung auf Schienen und in der Loipe.

Holzhau/Moldava.

Das Ende war filmreif. Eine heftige Detonation erschütterte im Sommer 1973 den Wald zwischen Holzhau und Neuhermsdorf, als ein Zug unter vollem Dampf auf die Eisenbahnbrücke nahe dem Teichhaus fuhr. Die Stahlkonstruktion brach durch die Explosion zusammen, und das Kamerateam, das hier im Auftrag der Prager Barrandov-Filmstudios und des Defa-Studios für Spielfilme drehte, hatte eine spektakuläre Szene im Kasten. Zu sehen ist sie in dem Film "Schüsse in Marienbad", einem Politthriller um einen Mord an einem Emigranten in der Nazizeit.

Mit der Sprengung dieser Brücke war im Osterzgebirge eine Ära endgültig Geschichte. Jene Zeit, als ein Gleis durchs Tal der Freiberger Mulde hinaufführte bis auf den Kamm nach Moldava, das damals Moldau hieß. Als Sachsen und Böhmen hier mit einer Eisenbahnlinie verbunden waren. Mit Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Verbindung gekappt. Am 7. Mai 1945 um 17.30 Uhr fuhr der letzte Zug von Moldau nach Freiberg. 1951 wurden zwischen Hermsdorf-Rehefeld und Moldava die Schienen abgebaut und als Kriegsreparation in die Sowjetunion geliefert, 1972 kam auch das Aus für den Streckenteil ab Holzhau. Seitdem klafft hier eine gut acht Kilometer lange Lücke.

Das Gleis ist weg, die Trasse jedoch ist keineswegs verschwunden. So lange Schnee liegt, kann man ihr wunderbar folgen. Als Skiläufer auf der beliebten Bahndammloipe. Am Ende werden dort an diesem Tag drei Männer warten, die die Lücke wieder schließen wollen.

An diesem Morgen in den Winterferien liegt schon Frühling in der Luft, der Zug aus Freiberg aber bringt noch Wintersportler nach Holzhau. Die Freiberger Eisenbahn bedient die Strecke mit einem Regioshuttle. 40 Minuten braucht es für die 31 Kilometer, täglich nutzen rund 450 Fahrgäste das Angebot. An Werktagen rollen die Züge im Stundentakt, am Wochenende und in den Ferien alle zwei Stunden.

Am Bahnhof in Holzhau steigen die Skiläufer direkt in die Loipe. Schnurgerade zieht sie sich durch dichten Fichtenwald sanft bergan - erster Halt: Teichhaus. In der kleinen Siedlung wurde noch 1963 ein Haltepunkt errichtet. Nicht mal zehn Jahre wurde er genutzt, die Bahnsteigkanten stehen noch.

Die Idee einer Eisenbahn durchs Tal der Freiberger Mulde entstand Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Hüttenwerke in Freiberg Braunkohle aus dem Böhmischen Becken zur Erzverarbeitung brauchten. 1871 wurde dazu der Bau der Bahnstrecke Nossen-Freiberg-Brüx (heute Most) vereinbart. Den sächsischen Teil der Strecke übernahm die Leipzig-Dresdner Eisenbahn-Compagnie, den böhmischen die Prag-Duxer Eisenbahngesellschaft. Am 18. Mai 1885 wurde die Strecke eingeweiht. Von da an verkehrten täglich bis zu zehn Güterzugpaare mit Kohle und Waren über den Erzgebirgskamm, später auch Personenzüge.

Mit Skiern braucht man von Holzhau in gemächlichem Tempo etwa eine Stunde, dann tauchen an der Loipe ein Andreaskreuz, eine Signalanlage und ein Wasserkran auf, schließlich der einstige Bahnhof Hermsdorf-Rehefeld. "1993 haben wir das Gebäude noch von der Deutschen Reichsbahn gekauft", erzählt Ralf Dietrich. Er stammt aus Holzhau, gemeinsam mit seinem Bruder und seinem Vater hat er das Haus, das in der DDR zuletzt Reichsbahn-Ferienheim war, zu einem Sporthotel mit Gaststätte gemacht.

Die Haupteinnahmequelle sind die Wintertouristen, aber auch Eisenbahnfreunde. Es gibt ein Traditionszimmer voller Bahner-Uniformen, Fahrpläne und Technik - vom Schienenthermometer bis zum Fahrkartendrucker. Eine Modellbahnanlage zeigt das Bahnhofsgelände um 1965 - und sogar die Kassettendecke des Königlichen Empfangssalons von 1885 wurde erhalten. Die sächsischen Könige kamen hier im Sonderzug an und machten sich in dem Salon frisch, bevor sie in eine Kutsche umstiegen, die sie ins nahe Jagdschloss Rehefeld brachte.

Familie Dietrich hat hier einiges aufgebaut in den letzten 25 Jahren. Sie kaufte auch den sechs Kilometer langen Abschnitt der einstigen Bahntrasse von Teichhaus bis zur Grenze und spurt die Loipen, im Sommer mäht sie die Wiesen. Pläne, hier wieder Gleise zu verlegen - was möglich wäre, weil die Bahnstrecke immer noch als solche gewidmet ist - sehen sie kritisch. "Die Bahndammloipe ist einzigartig", sagt Ralf Dietrich. Die Betreiber des Hotels fürchten zugleich um ihre Existenz. Wer, so fragen sie, würde denn in einem Haus übernachten, wo unterm Fenster die Züge vorbeifahren?

Noch eine halbe Stunde in der Spur, dann ist die Loipe zu Ende. Unter der Grenzbrücke zwischen Neu-rehefeld und Moldava beginnen wieder die Gleise, ein Stück weiter knattert ein in die Jahre gekommener Triebwagen der tschechischen Staatsbahn České dráhy.

Moldava, 782 Meter Seehöhe. Ein riesiges Bahnhofsgebäude erzählt von der Zeit, als Moldau Grenzbahnhof war. Sächsische und österreichische Beamte teilten sich das Haus. In Moldau wurden Loks und Personal gewechselt, Pässe kontrolliert. Heute ist der Bahnhof leer und verfällt. Die Gemeinde Moldava will hier ihre Touristinformation und Gewerbetreibende unterbringen, es sieht nach sehr viel Arbeit aus.

Dann setzt sich der Zug schaukelnd in Bewegung. Von 782 Metern geht es im Schneckentempo den Berg hinab bis nach Most auf 225 Meter. Es ist eine Zeitreise irgendwo zwischen untergegangenem Sudetenland und sozialistischer Tschechoslowakei. Mikulov, früher Niklasberg: Zwei Tunnel, vor zwei Jahren gab es hier einen Erdrutsch, der die Strecke lahmlegte. "Erst seit 9. Dezember haben wir hier wieder Bahnverkehr", erzählt der Zugbegleiter. Die tschechische Bahn betreibt die Strecke Most-Moldava als touristische Linie; Züge fahren meist nur am Wochenende oder in der Winter- und Sommersaison.

In Dubí, das einmal Eichwald hieß, ändert der Zug die Richtung. Er fährt auf ein totes Gleis, dort steigt der Zugbegleiter aus, stellt per Hand eine Weiche - und die Fahrt geht andersherum hinab an der steilen Flanke des Erzgebirges. Bei Hrob, zu deutsch Klostergrab, führt das Gleis über einen Viadukt; die Trassierung war so anspruchsvoll, dass man die Strecke in Anlehnung an den österreichischen Semmering auch Teplitzer Semmeringbahn nannte.

Nach einer Stunde und 15 Minuten erreicht der Zug Most, vorbei an qualmenden Fabriken und der für die Braunkohle versetzten Stadtkirche. Wenige Minuten später geht es zurück auf den Erzgebirgskamm.

Im Gemeindeamt Moldava warten nun drei Männer. Heinz Lohse aus Rechenberg, Petr Fišer aus Litvínov und Jan Setvák aus Most. Sie haben die "Operation Lückenschluss" gestartet. Sie träumen vom besseren Zusammenwachsen der Regionen auf beiden Seiten der Grenze, von neuen Möglichkeiten für Touristen ebenso wie für Berufspendler.

Heinz Lohse ist Vorsitzender des Heimatgeschichtsvereins Rechenberg-Bienenmühle. Er wuchs im Bahnhof Hermsdorf-Rehefeld auf. Sein Vater war dort Fahrdienstleiter, seine Mutter betrieb den Bahnhofskiosk. "Die Eisenbahn", sagt er, "war für uns die Lebensader".

Zum 130-jährigen Bestehen der Bahnstrecke traf Lohse 2015 Petr Fišer vom Georgendorfer Verein in Český Jiřetín, der schon damals alle tschechischen Anliegergemeinden für ein sächsisch-böhmisches Eisenbahnfest zusammengebracht hatte. Man feierte damals mit Bratwurst und Bier aus Rechenberg - "in Osek, am schönsten Bahnhof der Strecke", wie Lohse berichtet. 3000 Besucher seien gekommen, aber viele Gemeinden auf der sächsischen Seite hätten nicht mitgezogen. Inzwischen sei das anders, sagt Lohse. "Man hat auch auf unserer Seite erkannt, dass wir es ernst meinen." So wurde im November 2018 zu einem Halbmarathon im Osterzgebirge mit einem Bus zwischen Holzhau und Moldava schon mal ein symbolischer Lückenschluss vollzogen.

Ende März werden sich nun die Bürgermeister aller Anliegerkommunen von beiden Seiten der Grenze in Holzhau treffen, um ein Memorandum für den Lückenschluss zu verabschieden. Der Sprecher der Interessengemeinschaft zum Erhalt der Muldentalbahn, der CDU-Landtagsabgeordnete Steve Ittershagen, hatte gesagt: "Der Lückenschluss soll keine Utopie bleiben. Das wünschen sich alle Gemeinden dies- und jenseits der Grenze."

In Dresden gibt man sich noch zurückhaltend. Verkehrsminister Martin Dulig (SPD) sei über die Initiative informiert worden, hieß es. Seitens des Freistaates gebe es bisher keine Planungen, wohl aber Gespräche mit dem tschechischen Amtskollegen Dan Ťok. Der Landkreis Mittelsachsen begrüßt die Initiative für die Bahnstrecke. "Eine Verlängerung nach Moldava würde die gesamte südliche Landkreis-Region stärken und attraktiver machen", sagt Sprecher André Kaiser.

Laut Initiatoren soll der Lückenschluss 10 bis 20 Millionen Euro kosten. Zehn Jahre, so hatte man ihnen einmal gesagt, werde die Umsetzung dauern. Doch als sich Heinz Lohse, Petr Fišer und Jan Setvák am späten Nachmittag in Moldava wieder auf den Heimweg machen, sind sie optimistisch: Es sollte eigentlich auch schneller gehen.

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2Kommentare
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  • 0
    1
    Zeitungss
    15.03.2019

    Sachsen ist nun einmal Autoland. Das Land stärkt diese Monokultur bis zum bitteren Ende. Für solche Dinge hat man da nun wirklich keine "Kapazitäten" frei.
    Was diese Leute auf beiden Seiten der Grenze vorhaben ist erstrebenswert und hätte für viele Bewohner dieser Region und deren Gäste beachtliche Vorteile. Aber, erzählen sie das mal einen eingefleischten Autofahrer oder einem sächsischen Verkehrsminister und einem Herrn Scheuer gleich gar nicht. Ein Basistunnel mit sechsspuriger Straße ist schon eher machbar. Ich denke, ich liege nicht sehr weit von diesen Vorstellungen weg.

  • 2
    0
    Freigeist14
    14.03.2019

    Das ist sicher ein hoffnungsvolles Unterfangen . Aber die Bahn hat daran wohl kein Interesse . Man hatte ja schon vor 20 Jahren zum Beispiel die Bahnlinie von Sachsen nach Thüringen (Werdau -Wünschendorf ) ohne Not gekappt und stillgelegt . Und heute scheint sie fast vergessen .



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