Das Ende der Videotheken

Was 1992 mit einem Boom begann, endet 2018 traurig: Ausverkauf beim letzten Freiberger Filmverleih. Die Gründe sind vielschichtig.

Freiberg.

22.200 Männer und Frauen haben sich seit 1992 bei der Videothek in der Brander Straße in Freiberg registriert. Das verrät ein Blick in die Kundenkartei. Jetzt macht die letzte Videothek weit und breit dicht. Im gesamten Landkreis Mittelsachsen gibt es dann nur noch einen Filmverleih, und zwar in Mittweida. Bis Samstag noch können Kunden in Freiberg Spiele und Filme reduziert kaufen. Dann ist Schluss.

Die Gründe sind nicht allein auf das Internet zu schieben, sagt Ines Fiedler. Die 52-Jährige ist Regionalleiterin für 15 Videotheken in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen - gewesen. Mit der Filiale in Freiberg wickelt Fiedler nun innerhalb von vier Jahren die letzte "World of Video"-Videothek der Hammer Media GmbH aus Ludwigsburg ab. "World of Video" nennt sich der Zusammenschluss mehrerer Eigentümer von Videotheken. In Sachsen haben in Leipzig vier geschlossen, zudem jeweils eine in Delitzsch, Borna, Grimma und Eilenburg. Warum der Umsatz von 2018 im Vergleich zu 2012 um 45 Prozent zurückgegangen ist, dafür nennt Fiedler sieben Gründe.

Konkurrenz: Online-Anbieter von Filmen und Serien wie Netflix, Sky oder Amazon haben sich in den vergangenen sieben Jahren rasant entwickelt. "Sie drängen uns aus dem Backprogramm", klagt Fiedler. Darunter versteht sie alle Filme, die älter als sechs Monate sind. "Klassiker werden zeitweise kostenlos ins Netz gestellt. Da können wir nicht mithalten", sagt sie.

Illegale Downloads: Dazu kommt laut Fiedler, dass viel illegal geschaut und gespielt wird. Illegale Downloads im Internet sieht André Weber (57) vom Filmverleih Mittweida als Hauptgrund für das Aussterben von Videotheken. In seiner Kartei stehen 9500 Mitglieder seit 1990. "Nach der Wende waren Videotheken ein Riesen-Hype", sagt er. Jetzt sieht er, wie ringsum alle dicht machen. "Rochlitz, Burgstädt, Döbeln, Hainichen, Frankenberg und Hartha - alle zu", zählt er auf. Fiedler: "Und es sind zunehmend junge Leute bereit, Filme mit viel Werbung zu konsumieren. Eben weil sie kostenlos sind."

Technischer Wandel: "Wir hätten vor zwei, drei Jahren in 4K investieren müssen", sagt Fiedler.4K heißt die neue Technologie, auf die die Hersteller von Fernsehern und Playern künftig setzen. Die 15.000 zu verleihenden Medien in Freiberg sind aber auf DVD, Blue-Ray oder Blue-Ray 3D gespeichert. "Der technische Wandel von VHS-Kassette auf DVD war ein Quantensprung. Viele Nutzer sind diesen Schritt mitgegangen. Der Sprung von DVD zu Blue-Ray war nicht mehr so groß; weniger Nutzer sind mitgegangen", erläutert sie. 55 Prozent der Freiberger Mitglieder haben sich bisher DVDs ausgeliehen, 45 Prozent lieber Blue-Rays.

Auch die Technik von Spielkonsolen hat sich rasant entwickelt: Sony, Microsoft und Nintendo haben in kurzen Abständen immer neue Versionen ihrer Konsolen auf den Markt gebracht. Nicht jedes Spiel läuft auf jeder Konsole. Fiedler: "Mittlerweile haben die Spiele eine Onlineregistrierung. Ein Verleih schließt sich damit praktisch aus."

Bevölkerungsrückgang: Freiberg hat heute rund 42.000 Einwohner, 1992 waren laut Stadtverwaltung noch knapp 49.000. Entsprechend weniger potenzielle Kunden besuchen eine Videothek, meint Fiedler.

Verändertes Freizeitverhalten: Mit den sozialen Netzwerken wie Facebook, Instagram und Twitter hat sich das Freizeitverhalten verändert. "Viele kleben regelrecht an ihren Handys. Aber Zeit kann man nur einmal verbringen", sagt Fiedler. "Wer voll arbeiten geht, hat wenig Freizeit. Und wer Zeit hat, hat oft kein Geld; dann werden Freizeitangebote oft als erstes gestrichen."

Mindestlohn: Ein herber Schlag für die Branche sei die Einführung des gesetzlichen Mindestlohnes 2015 gewesen. Die drei Festangestellten in Freiberg habe das zwar nicht betroffen. Aber Pauschalkräfte in anderen Videotheken wurden dann mit 9 Euro pro Stunde entlohnt, "das waren plötzlich 40 Prozent mehr", so Fiedler. "Bei unseren langen Öffnungszeiten war das unser Todesstoß", sagt Fiedler.

Umsatzrückgang: "2010 ist es gekippt", erinnert sich die Regiochefin. Die Kosten konnten nicht mehr gedeckt werden. Öffnungszeiten anpassen, Personal einsparen, am Ende habe nichts geholfen. Dabei betont sie: "Wir sind nicht insolvent, wir schließen einfach." Die Hammer Media GmbH hat bereits vor Jahren ein zweites Standbein in der Fitness-Sparte erfolgreich aufgebaut.


Diese Filme gingen in Freiberg ab durch die Decke

Eines der Gesichter der Freiberger Videothek ist Petra Neubert.Die

53-Jährige hatte den Verleih von

Anfang an mit aufgebaut."Der

Kontakt zu den Kunden, das hat Spaß gemacht. Viele kannte ich persönlich, ihre Geschichte und ihren Filmgeschmack. Viele habe ich von klein

auf aufwachsen sehen", erzählt sie. Inzwischen hat die gelernte Wirtschaftskauffrau einen neuen Job. "Plötzlich habe ich zwei Tage frei am Wochenende", sagt sie. Die vergangenen 26 Jahre hat die dreifache Mutter so gut wie jeden Samstag gearbeitet.

Als einen der filmischen Höhepunkte nennt sie "Jurassic Park" (1993). "Der Film ging ab durch die Decke. Der Chef hatte damals gleich 100 Stück eingekauft. 'Wer den sehen will, soll nicht warten müssen, weil der Film vergriffen ist', sagte er damals."

Einer der meistverliehenen Filme war Teil 1 von "Der Herr der Ringe". Seit 2002 wurde dieser 1163 Mal

verliehen. Auch "Avatar - Aufbruch nach Pandora" (2009) war beliebt;

er war 980 Tage verliehen.(cor)

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3Kommentare
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  • 2
    0
    HHCL
    30.04.2018

    Interessantes Ergebnis wenn man hier auf Fehler im Artikel hinweist: Der Fehler ist immer noch drin und man erhält rote Daumen.
    Aber dann passen die Leser ja wenigstens zur Zeitung.

  • 0
    3
    HHCL
    26.04.2018

    Es heißt Blu-ray nicht Blue-Ray.

  • 10
    1
    Deluxe
    26.04.2018

    Wenn die Einführung des Mindestlohnes sagenhafte 40% mehr Lohnkosten bedeutet hat, dann heißt das doch mit anderen Worten:
    Das Geschäftsmodell war schon vorher nicht viel wert.

    Wer seine Leute (auch wenn es sich "nur" um die Pauschalkräfte handelte!) mit 5? pro Stunde abspeisen muß, um wirtschaftlich zu arbeiten, der sollte das tun, was jetzt getan wird: Schließen, aufgeben, dichtmachen.
    Denn ein Unternehmen, daß nur durch Dumpinglöhne überlebensfähig ist, besitzt keine wirtschaftliche Tragfähigkeit und gehört vom Markt genommen.



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