Das Geheimnis des Canaletto von Gorbitz

Roland Schwenke ist Koch. Seine zweite Leidenschaft aber gehört dem Malen - dabei ist er akribisch bis ins kleinste Detail. Jetzt hat er für Prinz zur Lippe einen Urahnen porträtiert, den Mitbegründer der Freiberger Bergakademie. Genaues Hinschauen lohnt sich.

Freiberg/Dresden.

Was wären die Ahnengalerien in manchem Schloss Sachsens ohne den Dresdner Roland Schwenke? Mit Fug und Recht lässt sich behaupten, dass sie mehr weiße Flecken aufwiesen. Denn der gelernte Koch, der sich das Malen autodidaktisch aneignete, setzt mit seinen Porträts Menschen in Szene, die in der regionalen Geschichte und darüber hinaus einen wichtigen Platz einnehmen.

So zum Beispiel Oberberghauptmann Friedrich Wilhelm von Oppel (1720 bis 1769). Der Sohn eines Rittergutsbesitzers, kundig in Jura, Bergbau und Hüttenwesen im Erzgebirge, arbeitete ab 1743 als Assessor im Freiberger Oberbergamt und leitete dieses ab 1763. Oppel gründete 1765 gemeinsam mit Friedrich Anton von Heynitz die Bergakademie Freiberg als erste montanwissenschaftliche Universität der Welt - und wurde deren erster Leiter. Die Stiftung seiner privaten Mineralien-, Bücher- und Bergbaumodellsammlung bildete den Grundstock für die Sammlungen der Bergakademie, wie nachzulesen ist.

Und Friedrich Wilhelm von Oppel ist der Fünffach-Großvater des Prinzen Georg zur Lippe, dessen Familie zu den ältesten deutschen Adelshäusern gehört. Der Prinz wiederum, Besitzer von Weingut Schloss Proschwitz in Meißen, gibt als Honorarprofessor für Weinbau und Kellerwirtschaft an der Fakultät für Chemie und Physik der TU Bergakademie Freiberg sein Wissen an die Studenten weiter. Er war es, der Roland Schwenke darum bat, seinen Urahnen für die Galerie auf Schloss Proschwitz zu malen.

"Ich machte mich auf die Suche nach einer Vorlage, dabei haben mir die Frauen in der Freiberger Tourist-Information geholfen", erzählt Roland Schwenke. Sie zeigten dem 66-Jährigen in einem Buch ein Bild Oppels, Schwenke fotografierte es und ging ans Werk. In seiner Wohnung in Dresden Gorbitz entstand an der Staffelei jenes Ölgemälde, das sich in seiner Größe an schon existierende Gemälde von Proschwitz anpasst. "Die Uniform des Oberberghauptmanns hat mich besonders fasziniert", erzählt der Dresdner, der wegen seiner Genauigkeit beim Malen und seinem Blick fürs Detail auch der Canaletto von Gorbitz genannt wird. Doch es sind nicht nur Porträts aus Adelsfamilien, auch Landschaften und Schlösser malt Schwenke - nach von Vorlagen. Dennoch schaut er sich alles vor Ort an, prägt sich Besonderheiten ein. "Die sind beim Malen sofort gegenwärtig", sagt er.

Schon in seiner Kindheit begann er zu zeichnen. Waren es damals die Digedags aus dem DDR-Comic Mosaik, die der bekennende Orientfan nachskizzierte, kamen später in seiner Armeezeit erste Ölbildnisse dazu. "Ein Landschaftsbild musste ich für den Klubraum der Kaserne malen", erinnert sich Schwenke lachend. Dennoch lernte er Koch und arbeitete viele Jahre in seinem Beruf - in der Freizeit immer Pinsel und Staffelei bei der Hand. In vier Kursen eignete er sich nach der Wende an der Volkshochschule weitere Fertigkeiten an. "Die farbliche Gestaltung eines Bildes habe ich im Kopf, bevor es fertig ist", schildert Schwenke.

Prinz zur Lippe zeigt sich beeindruckt: "Ich habe enormen Respekt davor, wie er sich als Autodidakt die Malerei selber beigebracht hat und seine Arbeiten kontinuierlich zu verbessern sucht", sagt er. Inzwischen verbindet beide Familien ein freundschaftliches Verhältnis. Kennengelernt hatten sie sich nach einer Besichtigung von Schloss Lauterbach. Dort stieß der Prinz vor vielen Jahren das erste Mal auf Arbeiten von Roland Schwenke: "Sie faszinierten mich durch ihre Ausführung bis ins kleinste Detail." Gemeinsam hätten sie später ein Konzept für die Wiederbelebung des Proschwitzer Interieurs entwickelt.

Schloss Lauterbach nördlich von Moritzburg hat auch für Schwenke eine besondere Bedeutung: "Meine Tochter wollte 2010 dort heiraten. Als ich mir den Festsaal zuvor ansah, war dieser ganz ohne Bild", erinnert er sich. So recherchierte er und beschloss, die beiden einst den Saal prägenden Porträts von Erzherzogin Maria Theresia von Österreich und Kaiser Franz I. Stephan von Lothringen wieder entstehen lassen. Die Originale fand er im österreichischen Stift Melk. "Nach fotografischen Vorlagen malte er die größten Bildnisse von Habsburger Herrschern in sächsischen Schlössern", berichtet Randi Friese, im Förderverein von Schloss Lauterbach zuständig für Öffentlichkeitsarbeit. Zur Hochzeit der Maler-Tochter zierten sie den Saal. Nach und nach gestaltete der Maler, nun Ehrenmitglied im Verein, dann die Lauterbacher Schlossherrengalerie mit Porträts der Familien von Kirchbach, von Zehmen und von Palm aus.

Mit dem Porträt von Maria Theresa begann das Geheimnis in Schwenkes Bildern. "Waldkatze Lady ist beim Malen immer dabei", sagt er. Der genaue Blick auf seine Gemälde lohnt also doppelt. Der Betrachter entdeckt vielleicht - wie bei Canaletto - nicht nur Details, sondern auch das Barthaar von Lady.

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