Fleischermeister ist im Sommer Bad-Chef

Es gibt immer weniger Fleischer in Mittelsachsen. 42 Betriebe haben seit der Wende 1990 geschlossen. Fleischermeister Jens Fischer aus Rechenberg-Bienenmühle hat nur noch freitags geöffnet. Im Sommer setzt er auf ein zweites Standbein.

Rechenberg-Bienenmühle.

Wenn sein Geschäft weiter Richtung Ortszentrum liegen würde, hätte er es vielleicht jeden Tag geöffnet, sagt Fleischermeister Jens Fischer aus Rechenberg-Bienenmühle. Am Standort Mittelstraße im Ortsteil Bienenmühle lohne sich das nicht. Es ist nur noch freitags geöffnet. An den anderen Tagen ist Fischer jedoch nicht arbeitslos. Er produziert dann aus Schweinehälften, die er aus Chemnitz bekommt, die Wurst für seinen Laden und seinen Imbiss.

Die Fleischerei führt Jens Fischer gemeinsam mit seiner Frau Beate im 23. Jahr. Das Fleischerhandwerk habe es ihm schon in jungen Jahren angetan. "Es war mir klar, dass ich in diesem Beruf bleiben werde", erzählt Jens Fischer. Als Schüler und Jugendlicher sei er oft mit in der Fleischerei seines Vaters gewesen, habe ihm beim Fleisch zerlegen, Bratwürste füllen und anderen Sachen geholfen. So war es folgerichtig, dass er sich 1981 bei seiner Berufswahl für das Fleischerhandwerk entschied. In der Lehre in Freiberg hätte er sehr viel gelernt, sodass ihm das Meisterstudium, das er von 1986 bis 1988 absolvierte, relativ leichtfiel.

Anschließend arbeitete Fischer weiter in seinem Ausbildungsbetrieb Thiersch und später knapp zwei Jahre bei der Fleischerei Bergmann in Freiberg. 1998 entschied er sich, die Fleischerei in seinem 1992 gekauften Haus zu eröffnen.

Mit der Zeit merkte er, dass er allein von seinem Laden nicht leben konnte. "Da fehlten einfach die Kunden, die Lage war ungünstig und viele ältere Kunden starben, die Jüngeren kaufen lieber im Supermarkt ein", erklärt er. Das Geschäft von dienstags bis sonnabends zu öffnen, habe sich nicht gelohnt: "Ich habe das lange genug probiert", sagt der Fleischermeister.

So suchte er nach Nischen und einem zweiten Standbein. 1999 bot sich auf dem Parkplatz an der Loipe in Oberholzhau die Gelegenheit, seinen Hänger aufzustellen und darin einen Imbiss zu betreiben. 2003 nutzte er die Möglichkeit, einen Imbiss im Öko-Bad zu etablieren. Dabei blieb es nicht. Fischer absolvierte einen Lehrgang als Rettungsschwimmer, sodass er im Sommer im Bad sein zweites Standbein hat. Zudem bietet er bei Festen in und um Rechenberg-Bienenmühle seine Wurstwaren an. Dem bekennenden Fußballfan von Dynamo Dresden mangelt es nicht an Engagement und Ideen. So ist er oft bei Auswärtsspielen der Dynamo-Elf unterwegs und stellte 2011 in Cottbus fest, dass man sich im Stadion für eine Bratwurst sehr lange anstellen musste. Im Jahr darauf fuhr er prompt mit seinem Grillwagen auf den Parkplatz der 3000 Dynamo-Fans und verkaufte seine Bratwürste. "Wie viele es waren, weiß ich nicht mehr genau, aber ich hatte mit meinen zwei Helfern unheimlich zu tun", erinnert er sich noch heute.

Bis 2016 habe er diese Nische genutzt, fortan spielten die Mannschaften leider in unterschiedlichen Ligen. "Der Platzwart bekam von mir stetes die Parkgebühr und natürlich eine Bratwurst gratis", erzählt der Geschäftsmann lachend.

IN LOSER FOLGE stellt "Freie Presse" in nächster Zeit Bäcker und Fleischer aus Mittelsachsen vor.


Auf dem Land fehlt Nachwuchs

Die Anzahl der Fleischer in Mittelsachsen ist kontinuierlich gesunken.

Gab es 1990 noch 104 Betriebe, waren es im Jahr 2000 nur noch 94,

2010 noch 83, und per 31. Dezember

2020 sind es 62. Bäcker gibt es im

Landkreis derzeit 73. Die Handwerkskammer Chemnitz sieht Gründe für

diesen Trend unter anderem im fehlenden Nachwuchs in den Betrieben -

vor allem auf dem Land. Aufgrund

des demografischen Wandels sei zudem die Nachfrage in ländlichen Regionen gesunken, Discounter würden

vielfach die Versorgung mit Backwaren übernehmen, so Pressereferentin

Romy Weisbach. |gel

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