Fünf Jahre lang schlich er um die Tür

Eine unglückliche Liebe riss Marco den Boden unter den Füßen weg. Nach außen wahrte er den Schein, doch dann hielt er dem Druck nicht mehr Stand - und suchte Hilfe. Kein Einzelphänomen in der Beratungsstelle der Diakonie Freiberg.

Freiberg.

Es war ein heißer Tag im August. Marco* saß im Warteraum der Diakonie in Freiberg. Es ging ihm nicht gut. Er war aufgeregt, nervös, seine Hände zitterten. Als Susanne Hunger, Psychologin, ihn begrüßte, streckte Marco seinen Arm aus und drückte ihr den gelben Brief in die Hand. Marco hatte ihn nicht geöffnet. So wie er über Jahre hinweg unzählige Briefe zwar aus dem Briefkasten holte, sie aber ungeöffnet weglegte. Er ahnte, dass nichts Gutes drin steht.

Marco war Student, Mitte zwanzig, wollte was werden. "Doch die gewisse Frau in meinem Leben hat einen Knacks bei mir ihm Kopf hinterlassen", erzählt er heute - sechs Jahre später. "Ich hab den Kopf komplett in den Sand gesteckt." Eine Wohnung hatte er, zur Uni ging er aber schon lange nicht mehr. Er lebte von dem Geld, was er im Nebenjob verdiente. Seinen Eltern und Freunden erzählte er nichts. "Es war mir höchst unangenehm und ich wollte den schönen Schein wahren", sagt er. Dann kam eins zum anderen: Keine aktuelle Wohnadresse, kein aktueller Ausweis. Keine Anwesenheit an der Uni, keine Reaktion auf Briefe, Exmatrikulation. Mit der Exmatrikulation fällt der Studentenstatus bei der Krankenkasse weg. Ohne Reaktion auf die vielen Briefe wurde Marco der höchste Beitrag aufgebrummt. 798 Euro im Monat, sagt er. All das ging an Marco vorbei, denn die Briefe blieben verschlossen. Dabei spürte er die Last auf seinen Schultern. Fünf Jahre lang schlich er an der Tür zur Diakonie an der Petersstra'ße vorbei. Erst als der gelbe Brief kam, ging er hinein.


Insgesamt arbeiten 230 Mitarbeiter bei der Diakonie Freiberg, 57 davon in den elf Beratungsstellen in der Innenstadt. Deren Arbeit wird mit Mitteln des Sozialministeriums, des Landkreises, der Stadt und der Krankenkassen finanziert. Zum Jahresbudget von 2,5 Millionen Euro trägt die Diakonie selbst einen Eigenanteil von 230.000 Euro bei.

Wenn jemand den Weg zur Diakonie sucht, wird im Erstgespräch zunächst sortiert, in welchem Bereich dem Betroffenen am ehesten geholfen werden kann. "Die Beratung ist kostenfrei, unabhängig von der Religion und wir versuchen, immer zeitnah einen Termin zu finden", erklärt Susanne Hunger. Marco hatte urlaubsbedingt drei Wochen auf seinen Termin gewartet. "Ich war froh, dass da jemand sitzt und mich fragt, was los ist", erzählt er über das erste Gespräch in der psychosozialen Kontakt- und Beratungsstelle. Beim zweiten Termin brachte Marco einen großen Rucksack voller ungeöffneter Briefe mit. Warum er sie nie geöffnet hat? "Ich dachte, es kann ja nichts Gutes drin stehen. Mach ich morgen, mach ich morgen, hab ich immer gesagt. Daraus sind Jahre geworden", erzählt er. Gemeinsam mit der Psychologin hat er den Rucksack ausgeschüttet, die Briefe geöffnet und nach Dringlichkeit sortiert.

"Mittlerweile hatten sich drei Dacias angestaut", umschreibt Marco seinen Schuldenberg. "Es ist nicht untypisch, erst zu kommen, wenn man glaubt, jetzt geht es gar nicht mehr", schildert Hunger. Besser wäre es dagegen schon, zu kommen, bevor die Katastrophe im Anmarsch ist. Dann sei die Chance größer, es wieder zu richten. Manche kommen nur einmal, andere mehrmals. Manche kommen von weit her, weil sie nur fern vom Heimatort Hilfe in Anspruch nehmen wollen. Wieder andere wollen anonym bleiben.

In dem gelben Brief mahnte die Meldebehörde Marco zum letzten Mal, seine aktuelle Wohnadresse mitzuteilen. Ein Anruf bei der Sachbearbeiterin und eine Anzahlung für die Mahngebühren nahmen ihm ein wenig Druck. "Nach etwa drei Monaten hatten wir das Gröbste wieder in den Griff bekommen", sagt Hunger. Neue Dokumente, ein Antrag auf Arbeitslosengeld, Klärung bei der Krankenkasse und ein Termin bei der Schuldnerberatung: Marco arbeitete alles ab.

Im vergangenen Jahr kamen 385 Menschen in die psychosoziale Kontakt- und Beratungsstelle; es wurden insgesamt 675 Beratungsgespräche geführt. Dabei waren 130 Klienten 2018 zum ersten Mal da, 49 von ihnen waren Angehörige. 50 Klienten wurden an andere Stellen vermittelt wie in Kliniken, in Therapie, in die Tagesklinik oder etwa die Schuldnerberatung. "Wir haben die geballte Fachkompetenz im Haus, sind aber darüber hinaus gut vernetzt", sagt Kerstin Uhlig von der Suchtberatungs- und Behandlungsstelle. Dorthin kamen 2018 insgesamt 728 Klienten; darunter sind 194 Einmalkontakte, so Uhlig.

Marco hat die Kurve noch gekriegt. Seinen Nebenjob hat er noch. Seinen Alltag und soziale Kontakte will er auf die Reihe kriegen. Zweimal die Woche geht er in den Tagestreff "Blitzableiter" zum gemeinsamen Kochen, Kaffee trinken und Reden. "Bisschen Sport hab ich auch auf die Agenda gesetzt", sagt der heute 30-Jährige. Und dann? "Fürs Studium habe ich gerade keine Kohle." Erst müssen Miete und Krankenkassenbeiträge bezahlt werden.

* Der Mann heißt in Wirklichkeit anders, wollte aber anonym bleiben.


Von Frühförderung bis Hospiz

Bei der Diakonie gibt es verschiedenen Beratungsangebote: zum Beispiel für Menschen mit Behinderung und deren Angehörige sowie für Schwangere in Konfliktsituationen. Es gibt Ehe-, Paar- und Lebensberatung, eine Familien- und Erziehungsberatungsstelle, einen ambulanten Hospizdienst, eine Frühförder- und Beratungsstelle, eine allgemeine soziale Beratung, die psychosoziale Kontakt- und Beratungsstelle, die Suchtberatungs- und Behandlungsstelle, die Wohnungsnotfallhilfe sowie der Assistenzdienst für Menschen mit Behinderung. (cor)

diakonie-freiberg.de

 


Tag der offenen Tür - "Wir wollen Leichtigkeit reinbringen"

Am morgigen Donnerstag von 10 bis 18 Uhr öffnet die Diakonie in der Petersstraße ihre Türen und lädt Interessierte ein, sich umzuschauen und ins Gespräch kommen.

Es gibt alkoholfreie Cocktails, einen Parcour, den man mit einer Rauschbrille absolvieren kann, Livemusik, Trödelmarkt und eine Bücherecke zum Thema Handicaps. "Oft genug geht es um schwere Themen. An dem Tag wollen wir Leichtigkeit reinbringen. Das Leben soll ja Spaß machen", sagt Kerstin Uhlig von der Suchtberatungsstelle.

Ab 10.30 Uhr gibt es Führungen durch das Haus. Zudem wird 14 Uhr eine Ausstellung eröffnet, die

sächsische Familien mit ihren verschiedenen Facetten porträtiert.

Zudem gibt es 11 Uhr zum Thema Sucht und Alkohol einen Vortrag, 12Uhr einen Film und eine Diskussion über Medienkonsum sowie 15 Uhr einem Vortrag zum Thema Depression. Die Vorträge dauern jeweils etwa eine Stunde. Anmeldung ist unter Telefon 03731 482100 oder per Mail an

anmeldung@diakonie-freiberg.de erwünscht. Der Eintritt ist frei. (cor)

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