Meine, deine, unsere Wahrheit

Misstrauen gegenüber Politik und Medien war Thema des "Freiberger Kreuzganggesprächs". Kontrovers wurde es aber selten.

Freiberg.

Was ist wahr in Zeiten von "Fake News"? Und was hat die Kirche dazu zu sagen? Darum ging es am Dienstagabend am Freiberger Dom. Die Evangelische Akademie Sachsen und die Evangelisch-Lutherische Kirchgemeinde am Dom Freiberg hatten zum zweiten Mal zu einem "Kreuzganggespräch" eingeladen. Dompfarrer Urs Ebenauer sagte zur Eröffnung: "Der Kreuzgang hat den Charme, dass er sich zur Stadt hin öffnet." Hier wolle die Gemeinde einen Raum für gesellschaftliche Debatten bieten.

Fast jeder Stuhl war besetzt. Zum Thema "Nichts als die Wahrheit" war Ilse Junkermann eingeladen. Sie war lange Jahre die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, deren Gebiet große Teile von Thüringen und Sachsen-Anhalt umfasst sowie kleinere Teile von Sachsen und Brandenburg. Der zweite Gast war Ulrich Wolf, Reporter der Sächsischen Zeitung in Dresden. Er wurde für seine Recherchen, unter anderem über Pegida, mehrfach ausgezeichnet.

Zu Beginn ging es um die Frage, ob es eine absolute Wahrheit gibt. Ilse Junkermanns Antwort: "Wahrheit ist ein relativer Begriff. Absolut ist Gott." Der Mensch müsse sich eingestehen, dass sein Wissen Grenzen habe. Ulrich Wolf beschrieb die Aufgabe eines Journalisten: "Wir müssen versuchen, alle Teilwahrheiten zu recherchieren und in einem Bericht zusammenzufassen."

Pegida sei eine Zäsur in seinem Arbeitsalltag gewesen - die islamfeindliche Gruppierung hatte den Begriff "Lügenpresse" auf die Tagesordnung gebracht. "Es gibt viel mehr Häme und Wut, aber auch mehr Zuspruch", sagte Ulrich Wolf. Dem immer wieder geäußerten Vorwurf, es gäbe in Deutschland eine "Meinungsdiktatur", widersprach Wolf: "Es gab noch nie so eine weite, offene Gesellschaft mit so vielen Möglichkeiten, Quatsch zu publizieren."

Widerspruch gab es aus dem Publikum. Heinrich Günther, Arzt im Ruhestand aus Dresden, gab zu bedenken: "Bei abweichenden Meinungen wird schnell ein Stempel aufgedrückt und von Verschwörungstheorien gesprochen." Später sagte er, Medien sollten ihren Blick nicht auf Corona verengen, sondern Probleme wie Hunger und den Umweltschutz stärker thematisieren.

Arnulf Möbius, von Beruf Physiker, betonte: "Auch in der Wissenschaft gibt es einen eindeutigen Konformitätsdruck." Journalisten sollten Wissenschaftler verschiedener Meinungen an einen Tisch bringen.

Journalist Wolf reagierte auf die Kritik: "Fehler zugeben ist wichtig." Ausgewiesene Verschwörungstheoretiker sollten seiner Meinung nach keinen Platz in den Medien haben. Ein Rentner, der wegen der Corona-Maßnahmen seine Frau nicht im Pflegeheim besuchen darf, dagegen schon. Weitere Kontroversen entstanden um den Wahrheitsgehalt von Corona-Infektionszahlen und das Zählen von Demonstrationsteilnehmern, wurden aber von Moderator Christian Kurzke von der Evangelischen Akademie schnell beendet.

Blieb die Frage nach der Rolle der Kirche. Ihre Vertreter sollten sich einmischen und versuchen, in die Filterblasen der sozialen Medien hineinzukommen, forderte SZ-Journalist Wolf. Das Problem: Die Algorithmen von Google, Facebook & Co. zeigen den Nutzern an, was sie interessiert, sodass sie sich oft nur unter Gleichgesinnten bewegen. Ilse Junkermann betonte, die Kirche müsse Stellung beziehen, etwa zur Seenotrettung: "Wir können nicht zusehen, wie Menschen ertrinken." Co-Moderator Michael Steeger, der Vorsitzende des Kirchenvorstands, zitierte das Johannes-Evangelium: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben." Junkermann betonte, der Satz beziehe sich auf den Menschen Jesus, nicht auf ein Dogma: "Die Kirche sollte nicht als Hüterin der Wahrheit auftreten, sondern als authentische Person."

Authentisch wirkten jedenfalls die Podiumsgäste - und auch die Debattenteilnehmer aus dem Publikum, die alle ihre Namen nannten. Gastgeber Urs Ebenauer schloss den Abend ab mit den Worten: "Im Kreuzgang kann es auch mal über Kreuz gehen."

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