Wie ein 174-Einwohner-Dorf zusammenhält

Weder Schule noch Kita, weder Laden noch Kneipe: Das kleine Sohra hat scheinbar nicht viel zu bieten. Doch die 174 Einwohner stemmen sich gegen schlechte Stimmung. Was Sachsen von ihnen lernen kann, erfuhr nun der Ministerpräsident.

Sohra.

Eigentlich wollte Thomas Schaarschmidt am Dienstagabend im Saal des Bürgerhauses Sohra lediglich zuhören. Dann juckte es ihn doch, und er musste sich einfach zu Wort melden. Es klang, als hätte er Michael Kretschmer am liebsten mit sich genommen, hinüber zum Feuerwehr-Depot gleich nebenan. Dort steht ein Barkas, der 45 Jahre auf dem Buckel hat. Wie Schaarschmidt schilderte, hatten sich die Retter mit dem Kleinbus aus DDR-Zeiten zuletzt eher an der Grenze zur Lächerlichkeit bewegt als schnell zum Einsatzort: "Die Frage war: Kommt man überhaupt hin? Kommt man danach auch wieder zurück?" Neben dem Barkas steht ein VW T4 im Depot, rotglänzend, als hätten ihn die Kameraden eben frisch poliert aus dem Werk geholt. Haben sie aber nicht, erzählt Schaarschmidt, sondern ihn als besseren Schrotthaufen selbst gekauft und dann gemeinsam hergerichtet und umgebaut. Tüv-Gutachten und Zulassung inklusive.

Die kleine Episode aus Sohra, einem winzigen Ortsteil von Bobritzsch-Hilbersdorf am äußersten östlichen Rand des Landkreises Mittelsachsen, demonstriert, was möglich ist, wenn die Atmosphäre im Dorf stimmt. Sie zeigt ebenso, dass die Antwort auf jene Frage nicht eindeutig ausfällt, die Kretschmer mit Jörg Neuber, Chef des Sportvereins BSC Freiberg, und Bischof Heinrich Timmerevers in Sohra auf dem "Sachsensofa" - so der Titel des Gesprächsformats der Katholischen Akademie - diskutierte. Und die da "Bröckelt der Kitt?" lautete.

Gemeint war natürlich nicht der Fensterkitt, der bröckelt in Sohra schon mal gar nicht, sondern jener Kitt, der die Gesellschaft im Innersten zusammenhält und von dem niemand so recht weiß, wie er genau beschaffen ist. Die Bertelsmann-Stiftung hat dafür einen Index entwickelt. Aspekte wie Hilfsbereitschaft, Größe von Freundes- und Bekanntenkreis, Vertrauen in Polizei und Regierung sowie Akzeptanz unterschiedlicher Lebensstile fließen darin ein. In Sachsen, so die Forscher, erreicht dieser Index den niedrigsten Wert aller Bundesländer. Sprich: Der gesellschaftliche Zusammenhalt ist nirgends in der Bundesrepublik so fragil wie im Freistaat.

Insbesondere unterscheidet sich Sachsen oft nicht nur von alten, sondern auch von neuen Bundesländern, sagt Tom Mannewitz, Junior-professor der TU Chemnitz und einer der Autoren der neuen Bertelsmann-Studie "Schwindendes Vertrauen in Politik und Parteien - Eine Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt?" Soziale Verwerfungen im Freistaat seien also nicht nur Folgen der Brüche nach 1989, denn die gab es überall im Osten. Mannewitz hält es vielmehr für denkbar, dass Erfolge im wirtschaftlichen Aufbau nach der Wiedervereinigung eine Rolle spielen beim Unbehagen, das so mancher im Musterland des Ostens verspüre: "Vielleicht haben die Leute hier etwas mehr zu verlieren." Alarmismus wäre zwar fehl am Platz. "Natürlich darf man nicht so tun, als ob alles zerrüttet wäre", betont Mannewitz. Auf lange Sicht sickere niedriges Vertrauen in Politik aber in den Zusammenhalt durch. Folge: "Die Menschen sind weniger bereit, sich in die Gemeinschaft einzubringen."

Auch Sohra ließ Federn. Unterwegs mit Eberhard Stenzel, Chef des örtlichen Heimatvereins, und Jürgen Schaarschmidt, ebenfalls Vereinsmitglied und Bruder des Gemeinderats. Alle sind in Sohra aufgewachsen, Jürgen Schaarschmidt kam 1953 sogar hier zur Welt. "Es war die letzte Hausgeburt hier", sagt er. Das Bürgerhaus war früher ein Gasthof, es gab einen kleinen Laden. Gegenüber ist die Bushaltestelle, in der Woche fährt der Bus selten, am Wochenende gar nicht. "Man ist aufs Auto angewiesen", sagt Stenzel. Der Weg zum Kriegerdenkmal führt vorbei an der alten Schule, die schon dicht war, als Jürgen Schaarschmidt Schulanfang feierte. Später gab es darin ein Gemeindeamt, auch das ist Geschichte. "Zu DDR-Zeiten hatten wir einen Arzt", erzählt Schaarschmidt. Betonung auf: hatten.

Doch sein Ton ist frei von Wut, Frust, Resignation. Im Gegenteil. Die Leute sind mit ihrem Ort im Reinen. Baufällige Häuser gibt es nicht, dafür junge Familien. Sohra wirkt wie die Blaupause einer funktionierenden Gemeinschaft. Der perfekte Ort, um über Zusammenhalt zu diskutieren. Von 174 Einwohnern sind 40 bei der Feuerwehr. "Rechnet man das auf Freiberg hoch, müssten dort zehntausend Kameraden bei der Feuerwehr sein", verdeutlicht Bobritzsch-Hilbersdorfs scheidender Bürgermeister Volker Haupt (CDU) diese Dimension. Dazu kommen Landfrauen, Alttechnik-Freunde, Heimatverein. Woher kommt dieses Engagement? "Als kleiner Ort waren wir schon immer auf uns gestellt", sinniert Eberhard Stenzel, seit 2005 Vorsitzender des Heimatvereins. "Wenn wir uns nicht selbst kümmern würden, gäbe es nichts."

Dieses Gefühl kann den Menschen erdrücken. Die Sohraer beflügelt es. So nach dem Hochwasser 2002. Der Gasthof stand lange leer. Die Felder auf dem Talhang waren frisch gedüngt. Dann zog Tief "Ilse" heran. Als "Ilse" wieder abzog, lag die Gülle meterhoch auf der Straße. "Ein Glücksfall für uns", sagt Jürgen Schaarschmidt. Pläne, etwas aus dem Gasthof zu machen, existierten schon. Nun gab es einen Hochwasserschaden und damit Geld. Zwar nicht genug. Aber was heißt das schon in Sohra? Trockenbau, Fliesen-, Putz-, Malerarbeiten - alles Eigenleistung. "Jedes Wochenende war etwas los", sagt Stenzel. Am Ende kamen mehr als 3000 Stunden ehrenamtlicher Arbeit zusammen.

Wenn nicht gerade der Ministerpräsident vorbeikommt und respektvollen Umgang miteinander als Grundlage des Zusammenhalts preist (O-Ton: "Die Jahre ab 2015 mit Pegida, da ist deshalb so viel schiefgelaufen, weil wir übereinander geredet haben und nicht miteinander.") und der aus Niedersachsen stammende Katholik Timmerevers darin erinnert, wie seine Mutter den kategorischen Imperativ Kants ins Positive drehte ("Was du willst, das man dir tu', das füge auch jedem anderen zu"), dann treffen sich beispielsweise die Landfrauen regelmäßig im Bürgerhaus. Der Heimatverein will einen Stammtisch etablieren. Beim ersten Mal kamen 20 Leute - von 25 bis 70 Jahren.

Rund 140 Gäste - gleichwohl von außerhalb - kamen zuletzt zum Afrika-Tag ins Dorf. Zu Sohra gehört seit einigen Jahren auch Wolfram Scharff, Physikprofessor und erfolgreicher Firmengründer aus Chemnitz. Auf der Suche nach einem Ort für einen Neuanfang ist er in Sohra fündig geworden, hat einen Dreiseithof gekauft und ausgebaut. Mittlerweile werden dort Bio-Säfte produziert, es gibt Fünf-Sterne-Ferienwohnungen sowie ein Forschungsprojekt darüber, wie Drohnen Obst-Anbau optimieren können. Bei Kinderfesten für die Firmenbelegschaft ist das Dorf mit eingeladen, und da Scharff Honorarkonsul für Sachsen und Sachsen-Anhalt der Republik Südafrika ist, wissen nun auch Botschafter, Minister und Diplomaten, wo Sohra liegt. "Es gibt viele ländliche Gegenden, wo die Jugend wegzieht, weil es dort unattraktiv und nichts los ist", sagt Scharff. "Dem steuern wir hier entgegen. Die Kinderzahl wächst."

Ins Dorfleben ist er längst integriert. Heimatvereinschef Stenzel nennt den Professor einen Glücksfall fürs Dorf. Stenzel selbst war viele Jahre Ingenieur in leitender Stellung bei Solarworld in Freiberg. Sein bei vielen Führungsseminaren erworbenes Wissen hilft ihm nun auch im Verein weiter. "Man muss die Leute mitnehmen, dann sprudeln sie vor Ideen", sagt Stenzel. Gleichzeitig sei es wichtig, alle Altersgruppen einzubeziehen. Und es brauche jemanden, der Entscheidungen fälle. Unter dem Dach des Heimatvereins wächst ein Naturspielplatz Stück für Stück, werden Wanderwege gepflegt, Feste ausgerichtet mit einer Teilnahmequote von annähernd 100 Prozent. Und die Vereine greifen sich gegenseitig unter die Arme.

Da glaubt man sofort, wenn Thomas Schaarschmidt von einer Umfrage berichtet, die ergab, dass die Zufriedenheit der Sohraer mit ihrem Ortsteil die höchste der Gemeinde Bobritzsch-Hilbersdorf ist. Natürlich sind sie nicht naiv in Sohra. "Man darf das Pferd nicht totreiten und das Ehrenamt nicht überstrapazieren", warnte Thomas Schaarschmidt den Ministerpräsidenten. Sein Eindruck: Weil die Sohraer sich selbst um den halbwegs brauchbaren Ersatz fürs Feuerwehrfahrzeug kümmerten, rutschten sie in der Priorität für Neuanschaffungen nach hinten. Sie wären damit quasi Opfer ihres eigenen Engagements geworden. Bisher konnten solche Gedanken die Sohraer aber nicht dazu bringen, nachzulassen. Am Feuerwehrdepot liegen die Ziegel für ein neues Gerätehaus schon bereit. Und am Spielplatz das Holz für eine neue Grillhütte. Gebaut wird selbst. Selbstredend.

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