Wie sich die Freiberger durchkämpfen

Nass und schwer liegt der Schnee auf der Stadt. Wer nicht raus muss, bleibt lieber daheim. "Freie Presse" fragt, wie die Menschen den Alltag trotz Schneemassen meistern.

Freiberg.

Donnerstag, 11 Uhr in Freiberg: Der Pappschnee hängt auf der Stadt wie eine schwere Jacke. "Freie Presse" schaut sich um.

Der Kurier: Zum x-ten Mal springt Merlin Mittag aus seinem Lieferwagen. Als Kurier beliefert der 22-jährige Mann Händler, Gewerbetreibende, Cafés und Banken in der Freiberger Innenstadt mit Waren. Allein auf der Kaufhausgasse steckte er gestern zweimal fest. "Es kotzt mich an", sagt er. "Am Dienstag bin ich insgesamt 18 Mal stecken geblieben. Statt Salz sollte lieber Splitt gestreut und der Schnee aus der Stadt geschafft werden." Nach mehreren Anläufen setzt sich sein Zweieinhalbtonner doch noch in Bewegung. Eine Schaufel hatte er gestern nicht dabei; Splitt sei in Dresden ausverkauft. Je nach Tour beliefert er zwischen 70 und 150 Kunden, an die 490 Pakete hat er geladen. Mehrere seiner Kollegen mussten schon Touren abbrechen, da sie nicht durchkamen. 12 bis 16 Stunden arbeitet der Kurier zurzeit täglich. Wie der nächste Tag wird, schätzt ein Freiberger Kollege abends ein. "Wenn es nicht besser wird, werden die Pakete morgen gar nicht erst mitgenommen. Dann müssen die Kunden warten", sagt der 22-Jährige. Sein Tipp: viel Essen und viel Trinken einpacken.

Der Rentner: Langsam schiebt Wolfgang Ritz (88) seinen Rollator durch den festgetretenen Schnee auf dem Fußweg an der Burgstraße. "Ich besorge nur, was dringend sein muss." Bei der Witterung laufe er nur ein paar Schritte, zum Bäcker "die Mädels besuchen", wie er sagt, und wieder zurück. Wie ihm geht es tausenden Freibergern: Wer kann, besorgt nur das Nötigste und bleibt ansonsten lieber zu Hause.

Der Pflegedienst: "Chaos", sagt Pflegehilfskraft Ina Semmler (39) wie aus der Pistole geschossen auf die Frage, wie sie die Situation auf den Straßen einschätze. Die großen Straßen seien geräumt, "aber Friedeburg ist eine ganz große Katastrophe. Die Dörfer sind besser geräumt als die Stadt. In Hilbersdorf sind die Straßen einwandfrei, auf der Bahnhofstraße in Freiberg wird's chaotisch", schildert sie. Essen bringen, Spritzen setzen, Rücken waschen: Jedes Mal braucht sie eine Parklücke. Aber auf vielen Stellplätzen türmt sich der Schnee. Ihre Taktik: Freundlich Anwohner fragen, ob sie deren freigeschippten Stellplatz kurz nutzen dürfe. "Die meisten sind kooperativ, einige aber auch nicht", sagt sie. Abends, wenn viele Anwohner selbst ihre Autos abstellen, wird es brenzlig. "Wir versuchen daher, früh so viel wie möglich abzuarbeiten." Dankbar sei sie den Patienten, die anriefen und sagten, sie kämen angesichts des Wetters auch mal allein zurecht. "So bin ich jetzt gut im Zeitplan", bemerkt sie gegen Mittag.

Die Apotheke: Ramona Lange fährt für die Apotheke in Friedeburg Hilfsmittel und Medikamente zu Patienten, Praxen und Pflegeheimen und holt Rezepte von Ärzten ab. "Bislang bin ich überall hingekommen, aber gestern stand ich in Weißenborn hinter sechs Lkw", schildert sie. Auf dem Wasserberg seien die Straßen schlecht geräumt, "ich muss aufpassen, dass ich nicht aufsitze. Parkplätze gibt es auch kaum, da muss ich eben eine freie Lücke irgendwo nutzen", erzählt sie.

Die Lieferungen an die Apotheke seien bislang immer gekommen, sagt Kollegin Heike Gerlach. "Wenn schon geschlossen ist, wird die Lieferung in der Schleuse abgegeben." Oft handele es sich um Dauerverordnungen, "das Wenigste ist akut", so Gerlach. Alle Patienten seien versorgt; das Gros habe auch mal einen Tag Zeit, meint sie.

Der Freischipper: Mirko Frei (51) hat gestern seinen Stellplatz am Mühlteich freigeschippt. "Wenn man die Eiskanten nicht wegmacht, hat man keine Chance, rauszukommen", sagt er mit der Metallschaufel in der Hand. "Für einen Schneeschieber ist der Schnee zu schwer", erklärt er und wirft den Pappschnee auf den Fußweg, der sowieso nicht geräumt werde. Als Baggerfahrer ist er körperliche Arbeit gewohnt, "für Ungeübte ist es aber ganz schön strapaziös. Da tut der Rücken schon nach drei Schippen weh".

Winter in der Region - Bilder vom Mittwoch

Winter in der Region - Bilder vom Donnerstag


Von Müll bis Parken

Müllentsorgung: "Wir haben andere Winter erlebt", sagt Jens Irmer, Geschäftsführer der Entsorgungsdienste Kreis Mittelsachsen (EKM). Restmüll wird aktuell bevorzugt abgeholt. Nicht überall klappt die Entsorgung - einzelne Touren fielen aus. So konnte gestern etwa in Cämmerswalde die Papiertonne nicht geleert werden. Probleme gibt es in engen Nebenstraßen, in denen die Müllautos aufgrund des Schnees kaum durchkommen.

Kita- und Schulessen: Der Speiseservice Werner Schneider musste wegen Schließungen gestern keine der 12 Kitas und Schulen anfahren, die die Firma mit Sitz in Brand-Erbisdorf normalerweise beliefert. Beim Lieferanten Sodexo, der 25 Schulen und 15 Kitas in Mittelsachsen beliefert, sei es bisher nicht zu Ausfällen oder Verspätungen gekommen. Die Fahrer bereiten die Fahrzeuge früher vor als bei normaler Witterung, sagt eine Unternehmenssprecherin. Notfallvorräte sollen zudem die Versorgung sicherstellen, wenn Zulieferer auf den Straßen feststecken.

Post: Pakete und Briefe, die bisher nicht zugestellt werden konnten, möchte die Post bis Montag nachliefern, sagt Unternehmenssprecher Matthias Persson. Die Fahrer und Fahrzeuge von Post und DHL seien zwar für den Winter gerüstet. "Im Großen und Ganzen können wir aber gegen das Wetter nichts machen."

Schulen: Aufgrund der Witterung sind im südlichen Landkreis weiter Schulen zu, darunter in Brand-Erbisdorf das Gymnasium und das Förderzentrum. Laut Landratsamt kann die Schülerbeförderung nicht gewährleistet werden. "Eine Notbetreuung ist in der Regel gesichert", so die zuständige Referatsleiterin Carmen Randhahn-Renner.

Parksituation: Die Stadt Freiberg transportiert laut Tiefbauamtsleiter Tom Kunze seit gestern Abend aus der Altstadt Schnee ab. Auch der Obermarkt wurde zur Hälfte beräumt, um dort Parkplätze für Anwohner zwischen 16 bis 8 Uhr zu schaffen. Dauerparken ist indes verboten, damit tagsüber der Schnee beräumt werden kann. Um die Lage auf den öffentlichen Parkplätzen generell zu entschärfen, hilft seit gestern auch die Berufsfeuerwehr aus.

Straßen: S 194 zwischen Naundorf und Kurort Hartha gesperrt, S 209 zwischen Lichtenberg und Weißenborn Schneebruchgefahr, S 212 zwischen Sayda und Heidersdorf Verwehungen, gesperrt, S237 zwischen Abzweig Breitenau und Hammerleubsdorf Verwehungen, gesperrt, B 180 zwischen Flöha und Erdmannsdorf gesperrt. Aktuelle Informationen zur Verkehrslage online unter https://www.polizei.sachsen.de/de/ vwdmeldungen.asp. (akli/acr/bk)

Bewertung des Artikels: Ø 1 Sterne bei 1 Bewertung
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...