Das Jahrhundert-Ereignis verpasst

30 Jahre Wende Wie erlebten Menschen in unserer Region diese Zeit? Darüber berichten wir in einer Serie. Heute: Corina Bergmann weilte während der entscheidenden Tage in einer Jugendherberge in Binz und hat dort von den Veränderungen gar nichts mitbekommen.

Zwickau.

Alles ist in diesem Spätsommer 1989 in Bewegung geraten. Das Volk rebelliert in Betriebsversammlungen gegen Misswirtschaft, prangert Umweltsünden an, lehnt sich gegen Bevormundung auf. Oder ergreift ganz die Flucht. Jeder spürte, dass etwas passiert, erinnert sich Corina Bergmann: "Nur was, das konnte sich keiner vorstellen."

26 Jahre alt ist die Zwickauerin damals. Nach dem Babyjahr hat die Diplom-Pädagogin für Deutsch und Geschichte ihre erste Schulklasse übernommen. Die Ehefrau und Mutter eines einjährigen Sohnes pendelt mit dem Bus zwischen der Wohnung an der Reichenbacher Straße, der Neuplanitzer Kita und der Schule in Lichtentanne. Wenn alles schläft, bereitet sie den nächsten Unterrichtstag vor - von Montag bis Samstag, sechs Tage die Woche.


Erschöpft ist die junge Frau und doch am Ziel ihrer beruflichen Wünsche. Die Stimmung ist locker, die Kollegen sind nett, ihre Schüler aufgeweckte Neuntklässler. Die Entwicklungen im In- und Ausland werden heftig diskutiert: von sowjetischer Perestroika (Umgestaltung), über den Abbau der Grenzbefestigungen Ungarns zur österreichischen Grenze im Frühjahr bis hin zur Gründung des Neuen Forums im September 1989.

Die Loyalität ihrer Lehrerin und die Zuversicht auf innere Erneuerung teilen einige ihrer Schützlinge nicht. "Mein Onkel sitzt im Stasi-Knast Bautzen. Nur weil er gesagt hat, was er denkt. Wussten Sie das nicht?", wirft ihr eine Schülerin an den Kopf. Während sich erste Demos formieren, geht Bergmann mit sich ins Gericht: Weshalb weiß ich so wenig darüber, was in der DDR tatsächlich passiert, in den Stasi-Gefängnissen, den Grenzgebieten ...? - Vielleicht liefert ihre Kindheit den Ansatz einer Erklärung: Als zweites von fünf Geschwistern in einem liebevollen Elternhaus mit fröhlichen Feiern, Literatur, Musik aufgewachsen - mit einem angepassten Vater, ja, und ohne Westkontakte - fehlt es ihr lange Zeit an nichts.

Zweifel kamen, als sie 1981 ihrem künftigen Mann begegnet, der ihr monochromes Weltbild liebevoll übermalt; als beim Studium an der Pädagogischen Hochschule Leipzig Westliteratur im "Giftschrank" verwahrt wird; als ihr 1983 das Parteibuch auf "Kontingent" (erfolglos) angeboten wird; als es beim Badminton-Turnier 1985 in Polen Essen nur auf Marken gibt; als die Europäische Gemeinschaft einen Wirtschafts- und Währungsraum plant, "während die DDR ihre Bürger immer mehr wie Affen im Käfig einsperrt und sogar vor ihren sozialistischen Brüdern und Schwestern schützen muss ...

Im November 1989 ging der DDR die Luft aus - und Corina Bergmann auf Klassenfahrt. Die Jugendherberge in Binz führt weder Fernsehen, noch Telefon, noch kommunikationsfreudiges Personal. Eine Zeitung gibt's nur für Einheimische. Die Rückreise am 10. November führt "in ein anderes Land". Nichts ahnend, nehmen Schüler und Lehrerin volle Straßen in Berlin zur Kenntnis, irritieren sie die Riesenschlangen am "Westgeld-Schalter" im Leipziger Hauptbahnhof. Und fassungslos macht sie die Frage einer auskunftsbereiten Passantin: "Wissen Sie nicht, dass die Grenzen offen sind?"

Das Jahrhundert-Ereignis verpasst zu haben, ist wohl Ironie des Schicksals. Sauer über all ihr Nichtwissen, das "Benutzt worden sein" in der DDR, will Corina Bergmann die Bundesrepublik besser kennen- und begreifen lernen. Sie absolviert ein zusätzliches Studium für Politikwissenschaften an der TU Chemnitz, reist, schließt neue Freundschaften in Ost und West - fühlt sich befreit, erlöst. Inzwischen als Gemeinschaftskundelehrerin am Käthe-Kollwitz-Gymnasium tätig, begeistert sie junge Leute für Debattierclubs, das Jugendredeforum im Sächsischen Landtag, Zeitungsprojekte, Schüleraustausch und die Teilnahme am "Wirtschaftswissen im Wettbewerb".

Was sie die Geschichte lehrte, lernen ihre Schüler: Urteilsfähig sein durch Wissen. Selbst entscheiden, Leben gestalten können, sich in Wirtschaft und Politik einbringen. Die Jugendlichen sprechen offen zu ihr, auch über Schattenseiten der Gesellschaft. "Diktaturen sind Einbahnstraßen. In Demokratien gibt es Gegenverkehr", zitiert sie Alberto Moravia - und sagt: "Darauf vertraue ich."

Wie war Ihr Wendejahr 1989? Schreiben Sie uns, damit wir Geschichte(n) erzählen können. Am besten per E-Mail an die Adresse red.zwickau@freiepresse.de. Betreff: Wendejubiläum.

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