Ein Name auf Liste "A"

Auf Liste "A" standen Namen von Naziverbrechern, die in Sachsen 1946 per Volksentscheid enteignet wurden. Nicht jeder der Aufgeführten stand dort offenbar aus gutem Grund. Und es gab mehrere Listen. Das sorgt bis heute für Verwirrung.

Zwickau.

Ein Gerücht über ein Mordkomplott rankt sich um ein Gasthaus nahe der Autobahnauffahrt Plauen-Ost. Der Kommunist Josef "Sepp" Dirnberger, angeblich mit Wertsachen auf der Flucht in den Westen, soll dort von Geheimdienstlern betrunken gemacht worden sein. Dirnberger sei dann in sein Auto gestiegen und an der Auffahrt mit einem Laster kollidiert. Dass der Laster dort entlang fuhr, sei alles andere als ein Zufall gewesen.

Fakt ist, dass im Zwickauer Stadtrat am 4. Dezember 1947 der Oberbürgermeister einen Nachruf auf Dirnberger verlas, in dem es hieß: "Um 12 Uhr 40 mittags stieß sein Wagen infolge Nebel und Glatteis an der Einfahrt Plauen-Ost der Reichsautobahn in Richtung Zwickau mit einem Lastzug zusammen. Kurz nach der Einlieferung in das Plauener Krankenhaus erlag er seinen schweren Verletzungen." Mit Dirnberger, der 41 Jahre alt wurde, habe Zwickau einen "überzeugten und entschiedenen Antifaschisten und Demokraten" verloren, der "zu recht die Bezeichnung Aktivist der Ersten Stunde verdient."


Sepp Dirnberger spielt in der verwickelten Geschichte, die hier erzählt wird, eine tragende Rolle. Er soll den Zwickauer Baumeister Emil Rascher als Nazi denunziert und damit Ereignisse ausgelöst haben, die zur Einziehung des Vermögens von Rascher und seiner Ehefrau geführt haben. Womöglich ohne jeden vertretbaren Grund.

Raschers heutige Erben hätten die Grundstücke und Häuser gern zurück. Der Zwickauer Bevollmächtigte der Rascher-Erben ist Bernd Hallbauer, ein entfernter Verwandter der Nachkommen. Seit 1991 wühlte er sich durch Berge von Akten. Er weiß mehr als jeder andere über diesen Fall. Trotzdem ist fraglich, ob er sein Ziel je erreichen wird.

Emil Rascher war der Sohn des Baumeisters Ernst Rascher, bekannt als Schöpfer des Konzert- und Ballhauses "Neue Welt" in Zwickau. Der Junior, 1889 geboren, übernahm das Baugeschäft des Vaters mit 30 Jahren. Er begann mit 10.000 Reichsmark Betriebskapital und Pölbitzer Grundbesitz im Wert von 30.000 Reichsmark, wie aus späteren Ermittlungsunterlagen des Kriminalamts Zwickau hervorgeht. 1927 begann Emil Rascher, Grundstücke an der Franz-Mehring-Straße aus Privatbesitz zu kaufen und Häuser zu bauen. Zehn Häuser entstanden bis zur nationalsozialistischen Machtergreifung 1933. Ende 1939 waren 32 Häuser mit rund 360 Wohnungen in Raschers Besitz. Aus der Vermietung erzielte er zwischen 1933 und 1944 eine knappe halbe Million Reichsmark an Gewinn, teilte Raschers Anwalt in einem Schriftsatz 1949 mit. Zu Kriegszeiten beteiligte sich Raschers Firma in einer Arbeitsgemeinschaft am Barackenbau für die SS und den Reichsarbeitsdienst.

Ausweislich der Akten war Emil Rascher ab 1946 massiven Vorwürfen und Verfolgungen durch Zwickauer Behörden ausgesetzt. Seit 1933 hatte er der NSDAP angehört. Er war Mitglied einer Reihe gleichgeschalteter Vereine und Oberscharführer im NSKK, dem Nationalsozialistischen Kraftfahrerkorps, einer paramilitärischen Organisation mit SA-Hierarchie. Die Geschäftszahlen Raschers aus den Weimarer Jahren wurden nach dem Krieg mit jenen der Nazijahre verglichen, um zu diskutieren, ob er auch ein Kriegsgewinnler war.

Der sowjetische Geheimdienst inhaftierte Rascher 1946 in seinem Untersuchungsgefängnis Stollberg-Hoheneck. Rascher saß drei Tage, dann kam er wieder frei. Ein Jahr später strebte die Staatsanwaltschaft Zwickau die Verurteilung Raschers als Naziverbrecher an.

Raschers Firma wurde ihm nach dem Krieg weggenommen. Häuser und Grundstücke fielen ins Eigentum der Stadt. Man sperrte ihn aus seinem Betrieb aus und warf ihn aus der eigenen Wohnung. Emil Rascher starb 1968 in Zwickau.

Aber hatte er sich in den Nazijahren schuldig gemacht, war er mehr als ein Mitläufer, sogar ein Aktivist? Eine Zwickauer Kommission von SED, CDU, LDP und dem Gewerkschaftsbund FDGB warf Rascher im April 1946 seine Partei- und NSKK-Mitgliedschaft vor. Er habe dem Kraftfahrerkorps große Geschenke gemacht und Kriegsgefangene im Betrieb beschäftigt. Der Zwickauer Oberbürgermeister und das Amt für Betriebsneuordnung, die damals von Josef Dirnberger geleitete Behörde, bestätigten den Vorschlag, Rascher zu enteignen. Eine Anzeige Dirnbergers - Hallbauer sagt: eine Denunziation - soll auch zu Raschers Verhaftung durch den Sowjet-Geheimdienst geführt haben.

Nur drei Monate später, im Juli 1946, wurde Emil Rascher vom Sonderausschuss des Antifaschistisch-Demokratischen Blocks Sachsen eine "antifaschistische Haltung" bescheinigt. Der in Dresden ausgestellte Nachweis, den Bernd Hallbauer im Staatsarchiv fand, war eine faktische Rehabilitation. Rascher sei in Gesinnung und Handlungsweise "nie ein wirklicher Anhänger des Hitlerismus" gewesen, heißt es darin. Vielmehr habe er sich für politisch Verfolgte eingesetzt. "Sie vermieteten Ihre Wohnungen an Juden, stellten entlassene Häftlinge in Ihrem Betrieb ein und waren vier KZ-Leuten Ihrer Belegschaft eng verbunden. Einen halbjüdischen Lehrling, der infolge der Nürnberger Gesetze nirgends eine Lehrstelle fand, nahmen Sie von 1939 bis 1941 in die Lehre, schützten den von nationalistischer Seite Angefeindeten vor Beleidigungen und Belästigungen, betreuten ihn, wie der Vater des Betroffenen schreibt, mit aller Liebe und standen auch seinen Eltern in der Notzeit mit Rat und Tat unterstützend zur Seite", lobte der Ausschuss. Rascher sei als wertvolles Element des Wiederaufbaus zu betrachten.

Im November 1947 befasst sich ein Vorläufer der späteren Staatssicherheit, das Kommissariat 5 des Kriminalamtes Zwickau, mit Rascher. Der Baumeister, der inzwischen als Zimmermann tätig ist, sei als "Haupt-Verbrecher registriert", wie es nun wieder in der Akte heißt. Im Mai 1948 wird ein Strafverfahren eingeleitet, ausgelöst durch eine Anzeige des Blockausschusses der antifaschistischen Parteien Zwickau und des Rates der Stadt sowie polizeiliche Ermittlungen. Rascher wird vorgeworfen, Mitglied in 33 faschistischen und halbfaschistischen Organisationen gewesen zu sein und sich während der Nazizeit wirtschaftlich bereichert zu haben.

Von einer "antifaschistischen Haltung" Raschers ist keine Rede mehr. Vielmehr bittet das Kriminalamt den Blockausschuss gezielt nur um belastendes Material. Der Betriebsrat und die neue Leitung der Baufirma sollten doch bitte Einzelheiten liefern, wie Rascher "seine Arbeiter terrorisierte, gegen sie faschistische Gewaltmaßnahmen anwandte, sie bedrohte oder bei der Polizei oder der Gestapo denunzierte." Der Strafantrag der Staatsanwaltschaft lautet auf ein Jahr und sechs Monate Gefängnis. Das Vermögen Emil Raschers sei einzuziehen.

Die antifaschistische Betriebsleitung und der Betriebsrat teilen zwei Wochen später bedauernd mit, dass sie konkrete Angaben über Vergehen Raschers leider schuldig bleiben müssten. Das Gericht stellt das Verfahren später ein. Der "Verbrechernachweis" sei "nicht zu erbringen".

Nach der deutschen Wiedervereinigung haben sich Raschers Erben um die Rehabilitation des Vaters bemüht. Mit Erfolg. Das Landgericht Chemnitz stellte 1994 fest: In dem Verfahren, das gegen Rascher 1948 wegen angeblicher Verbrechen geführt wurde, kamen keine Tatsachen zur Sprache, "die ein strafrechtliches relevantes Verhalten des Betroffenen in der Zeit bis 1945 erkennen ließen." In einem zweiten Urteil vermutete das Landgericht 2013, "dass die damaligen Ermittlungsbehörden mit dem Strafverfahren (auch) den Zweck verfolgten, den Betroffenen zum Kriegsverbrecher zu stempeln, um sein Vermögen entschädigungslos einziehen zu können. Dies ist im Justizverfahren letztlich nicht gelungen."

Seinen Baubetrieb war Emil Rascher trotzdem los. Aber wie, auf welcher Grundlage erfolgte die Enteignung? Rechercheur Bernd Hallbauer schließt aus, dass es dabei mit rechten Dingen zugegangen ist. Seit 1990 widmet er sich akribisch der Rekonstruktion der historischen Ereignisse, gestützt auf Akten, aber auch auf Zeitzeugen wie jenen russischen Bürger, der vor Jahrzehnten in der sowjetischen Kommandantur gedient hat. Hallbauer konsultiert die Staatsarchive in Dresden, Leipzig, Chemnitz, das Stadt- und Kreisarchiv Zwickau, das Bundesarchiv und Moskauer Archive der Russischen Föderation. Seine Aktenordner füllen Meter an Regalen.

Er fand die damals gültigen Befehle, auch Geheimbefehle und Direktiven der Alliierten Kontrollbehörde und der Sowjetischen Militäradministration. Er fand auch die Strafakte der Staatsanwaltschaft Zwickau mit dem Strafantrag gegen Rascher, die nach Einstellung des Strafverfahrens im Zentralarchiv der Stasi "versteckt" worden war.

Ein Dreh- und Angelpunkt in Hallbauers Argumentation ist die sogenannte deutsche Liste "A". Sie war in den Archiven dem Volksentscheid in Sachsen beigefügt, mit dem am 30. Juni 1946 Betriebe mutmaßlicher Nazi- und Kriegsverbrecher enteignet wurden, die bereits unter sowjetischer Zwangsverwaltung gestanden hatten.

Mit der landesweiten Abstimmung, die es so nur in Sachsen gegeben hat, beabsichtigten der antifaschistische Parteienblock aus SED, CDU und LDP sowie die Gewerkschaft FDGB, den "Nazi- und Kriegsverbrechern" die "materiellen Machtmittel" zu entziehen, wie es im Aufruf zum Volksentscheid heißt. "Kleine Mitläufer" sollten ausdrücklich nicht bestraft werden. Die in der beigefügten Liste "A" genannten Betriebe waren von den Sowjets beschlagnahmt und unter Zwangsverwaltung gestellt worden.

Wer auf "A" stand, hatte sein Eigentum verwirkt. In den Archiven liegt die Liste heute in mehreren Varianten vor - aber augenscheinlich in keiner einzigen, die mit Stempel und Unterschrift von der sowjetischen Besatzung bestätigt und legalisiert wurde. Die Listen, die es gibt, sind zum Teil widersprüchlich und von unklarer Funktion.

Vom 26. Juni 1946 stammt eine erste Liste "A" aus dem Zwickauer Amt für Betriebsneuordnung, der Dirnberger-Behörde. Sie wurde von Vertretern der drei Parteien der Einheitsfront und der Gewerkschaft unterschrieben und führt jene Firmen in Zwickau auf, die nach dem Volksentscheid an den Rat der Stadt zu übergeben seien. An Position 4 genannt: das Baugeschäft Emil Rascher. Aus dem Zwickauer Stadtarchiv hat Hallbauer eine weitere Liste "A", die dem Druckbild nach aus einem Amtsblatt oder ähnlichem stammen könnte. Diese Liste "A" führt - offenbar nach dem Volksentscheid - die nun endgültig zu enteignenden Unternehmen im Stadtkreis Zwickau auf. An Position 24 genannt: Raschers Baugeschäft.

Die mutmaßliche Mitteilung an Rascher, mit der ihn die Landesverwaltung über seine Enteignung durch den Volksentscheid informierte, stiftet neue Verwirrung.

Es liegt die Abschrift eines Schreibens vom 2. August 1946 vor, auf das Emil Rascher notiert hat: "6. 3. 1947 zugestellt" - also sieben Monate später. Die Abschrift existiert in zwei Versionen: eine gezeichnet von Fritz Selbmann, Vizepräsident der Landesverwaltung, und eine "gez. Ullmann, Vizepräsident", keine Unterschriften. Dass es letzteren Vizepräsidenten offenbar gar nicht gegeben hat, ist für Hallbauer einer der vielen ungelösten Widersprüche des Falles. Frisierte Dokumente, gefälschte Abläufe - alles mit dem Ziel, Raschers Vermögen ohne Entschädigung einziehen zu können, wie es das Chemnitzer Landgericht schon hinsichtlich des Strafbefehls von 1948 vermutete?

Der Restitutionsantrag der Rascher-Erben von 1990 wurde 2003 vom Landesamt zur Regelung offener Vermögensfragen abgelehnt, weil Raschers Name auf einer deutschen Liste "A" der Nazi- und Kriegsverbrecher stand. Hallbauer begann erneut zu recherchieren und vertritt heute die Auffassung, dass die vom Amt für offene Vermögensfragen benutzte Liste "A" die falsche ist. Die russische Generalstaatsanwaltschaft teilte ihm mit, dass von Seiten der sowjetischen Besatzungsbehörden nichts gegen Rascher vorlag und deshalb auch keine Sequestration befohlen wurde, ausweislich der Akten. Die Familie beantragte die Wiederaufnahme des Verfahrens. Vergebens: Das Amt lehnte ab. Vor vier Jahren hat Hallbauer, inzwischen 73 Jahre, beim Chemnitzer Verwaltungsgericht gegen die Ablehnung des Wiederaufnahmeantrags Klage eingereicht. Bis heute wurde kein Termin zur Verhandlung angesetzt.

Was ist Wahrheit in diesem Fall, was Recht, was Gesetz? Geschichte steht nicht schwarz auf weiß geschrieben, unverrückbar, abgehakt wie in einem Buch. Wenn die Akten eine andere Sprache sprechen, muss man sie umschreiben, findet Bernd Hallbauer. Und ehe er das für das Erbe Raschers nicht geschafft hat, lässt ihn dieser Fall nicht los.

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