Gedenken an NSU-Opfer: Mit einer weißen Rose

Zum achten Jahrestag der Enttarnung der rechten Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" erinnern Zwickaus Oberbürgermeisterin, Sachsens Ministerpräsident und die Bundeskanzlerin an die Leidtragenden und an die Warnzeichen unserer Zeit.

Zwickau.

Festen Schrittes stapft der Tross um Kanzlerin Angela Merkel, Sachsens Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (beide CDU) und Zwickaus Oberbürgermeisterin Pia Findeiß (SPD) durch den Schwanenteichpark am Rande des Zwickauer Stadtzentrums. Als die sonst aus Bundes- und Landtagsabgeordneten sowie Zwickauer Schülern bestehende Gruppe in den Weg einbiegt, der zum neuen Gedenkort für die zehn Todesopfer der rechtsextremen Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" führt, schwellen von fern Sprechchöre an.

"Merkel muss weg", schallt es von jenseits der weiträumigen Polizeisperren herüber. An der vielbefahrenen Kreuzung vor der Traditionsgaststätte "Mokkabar" haben sich zwei Dutzend Demonstranten versammelt - hinter einem Schild, das für die rechtsextreme Wählerbewegung "Pro Chemnitz" wirbt. Merkel dreht den Kopf in Richtung der Störer, richtet ihren Blick dann aber wieder nach vorn und stapft stoisch weiter. Die rechten Demonstranten wechseln ihren Slogan. Nun ist es "Findeiß", die "weg" soll.

Vor einer mit Blumen und Gebinden geschmückten Stelle auf der Wiese hält die Gruppe an. Merkel, Findeiß, Kretschmer und die anderen Teilnehmer legen weiße Rosen an jener Stelle ab, wo vor einem Monat von unbekannten Tätern eine nur Wochen zuvor gepflanzte Eiche abgesägt worden war. Gesetzt hatte man sie zum Gedenken ans erste bekannte NSU-Todesopfer, den türkischstämmigen, bis zu seinem Tod in Hessen lebenden Blumenhändler Enver Simsek. Am 9. September 2000 war er in Nürnberg auf seinem Verkaufswagen von den Rechtsterroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt überfallen und niedergeschossen worden. Er starb zwei Tage später im Krankenhaus. Sein Tod war Auftakt für eine Mordserie, der in sieben Jahren acht weitere Kleinunternehmer mit migrantischem Hintergrund sowie eine aus Thüringen stammende Polizistin zum Opfer fielen. In Zwickau, wo die Täter während der Morde unentdeckt gelebt hatten, ist die Eiche für Enver Simsek inzwischen ersetzt worden. Auch gibt es Bäume für die anderen Toten: Abdurrahim Özüdogru, Süleyman Tasköprü, Habil Kilic, Mehmet Turgut, Ismail Yasar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubasik, Halit Yozgat und Michèle Kiesewetter.

Sich der Ereignisse von damals "sehr bewusst", sei sie an diesem Tag an den Gedenkort gekommen, spricht die Bundeskanzlerin ins Mikrofon: "Weil heute vor acht Jahren ein Haus explodiert ist", erinnert sie an die Selbstenttarnung des NSU am 4. November 2011. Während Polizisten nach einem Bankraub in Eisenach in einem ausgebrannten Wohnmobil die Leichen zweier Männer fanden, die sich als die seit über 13 Jahren abgetauchten Jenaer Neonazis Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt entpuppten, sprengte deren Komplizin Beate Zschäpe das Zwickauer Domizil des Trios in die Luft und floh. Nach vier Tagen stellte sie sich auf einem Polizeirevier in Jena. In den folgenden Wochen und Monaten offenbarte sich jene bundesweite Mord-, Anschlags- und Überfallserie, die das Trio über Jahre unentdeckt hatte begehen können.

Es sei "unsere Aufgabe", dafür zu sorgen, dass so etwas nicht wieder passiere, mahnt Merkel und meint nicht allein Politik und Staat. "Wir brauchen auch mutige Menschen." Besonders froh sei sie deshalb, dass auch junge Leute beim Gedenken dabei seien, sagt sie mit Blick auf die Schülergruppe des örtlichen Peter-Breuer-Gymnasiums.

Michael Kretschmer geht in einer kurzen Ansprache zunächst auf die Störer ein. Deren Skandieren angesichts des Gedenkens für Tote mache vor allem eines deutlich: Für welchen "Zeitgeist" diese Leute stünden. In solcher Zeit brauche es "jedes und jeden", um dagegenzuhalten, wenn rechtsextreme Thesen vertreten werden, sagt er. "Das fängt im Freundes- und Bekanntenkreis an. Wir wollen für Anstand eintreten und denen die Grenze zeigen, die das anders sehen."

Zwickaus Oberbürgermeisterin betont vor allem ihre Freude darüber, dass sie an diesem Tag die Kanzlerin und den Ministerpräsidenten neben sich weiß. Denn das zeige, "dass wir als Stadt Zwickau nicht allein stehen". Sie äußert auch die Hoffnung, dass es nicht beim Pflanzen der Bäume bleiben möge. Immerhin hatte Findeiß selbst bereits im Mai 2012, damals noch unter dem Eindruck der medialen Wellen, die seit der NSU-Enttarnung über die Stadt hereingebrochen waren, vorgeschlagen, in Zwickau ein Denkmal für alle Opfer rechter Gewalt in Deutschland zu errichten. Idealerweise wäre dieses mit einem Dokumentations- und Informationszentrum zu verbinden, hatte die Oberbürgermeisterin argumentiert. Schon damals hatte Findeiß die Bundeskanzlerin schriftlich um Unterstützung gebeten, die seinerzeit aber ausblieb. Auch bei Zwickauer Stadtpolitikern war das Vorhaben einer Gedenkstätte damals umstritten. Das Zwickauer Bündnis für Demokratie und Toleranz hatte somit noch 2012 vorgeschlagen, in den Parkanlagen am örtlichen Schwanenteich - also am jetzigen Gedenkort - das bereits bestehende Mahnmal für Opfer des Faschismus derart zu erweitern, dass dort auch der Opfer rechtsextremer Gewalt der jüngsten Vergangenheit gedacht werden könne.

Zum Gedenken am Montag melden sich auch die von Merkel lobend erwähnten jungen Leute selbst zu Wort. "In der Schule hatte ich vom Terror des NSU noch nicht viel gehört", räumt der 17-jährige Jakob Springfeld ein. Richtig reingearbeitet habe er sich ins Thema erst nach seiner Empörung übers Absägen des ersten Gedenkbaumes. "Wir hoffen, dass es jetzt nicht beim Bäumepflanzen bleibt", findet der Zwölftklässler. Es brauche eine dauerhafte Dokumentation zu den Geschehnissen, die die Erinnerung wachhalte. "Es wäre schön, vom Bund dafür Unterstützung zu bekommen", sagt der Gymnasiast.

Letzteres denkt auch Danilo Starosta, der zwar am Gedenktag nicht dabei ist, aber seit Jahren Aufklärungsarbeit für Schüler und mit Schülern leistet - sowohl in Zwickau als auch in Chemnitz, wo der NSU nach Recherchen der "Freien Presse" über das engste Helfernetz deutschlandweit verfügte. Im Auftrag des Vereins Kulturbüro Sachsen koordiniert Starosta in beiden Städten Geschichtswerkstätten. Die Schüler folgen Spuren des NSU an dessen früheren Unterschlupforten.

"Wie kommt man darauf, Menschen so grausam umzubringen?", lautete eine der Fragen, die sich mehrere Schülerinnen stellten, als die Zwickauer Gruppe im Vorjahr in einer Ausstellung Rechercheergebnisse präsentierte. Manchmal nähert man sich Antworten leichter, wenn man Fragen gemeinsam erörtert. Da sei zum einen der Hass auf Ausländer, den die Täter teilten. Doch gebe es noch eine Gemeinsamkeit, die zumindest die ersten neun Opfer vor der Polizistin zu teilen schienen. "Sie alle hatten sich etwas aufgebaut in Deutschland", glaubte Schülerin Milena. Blumenhandel, Schneiderei, Döner-Läden, Gemüsegeschäft, Schlüsseldienst, Kiosk oder Internetcafé - Menschen also, die zwar im Ausland Wurzeln, aber in Deutschland etwas erreicht hatten. Etwas, das den in der Illegalität gestrandeten Terroristen unerreichbar blieb. Sozialneid als Teil des Motivs? Eine Hypothese zwar, aber nicht abwegig. Auch solche Erkenntnisse zählen zu "Mosaiksteinen", die staatliche Aufklärung nicht touchierte, wie Projektbetreuer Starosta findet.

Die Art der Auswahl der über Deutschland verteilten Opfer und die damit verbundene Frage nach ortskundigen Helfern an Tatorten in Nürnberg, München, Hamburg, Rostock, Dortmund, Kassel und Heilbronn bleibe eines der ungeklärten Rätsel, findet Barbara John. Als Ombudsfrau wahrt sie seit der NSU-Enttarnung Interessen von Hinterbliebenen der NSU-Opfer. Zur Gedenkveranstaltung am Montag mahnt sie: "Mit dem Schaffen eines Gedenkortes hat Zwickau eine wichtige Aufgabe übernommen. Das bedeutet aber auch Verantwortung. Jede Zerstörung ist für die Familien erneut ein Schock. Es braucht Gedenkorte - aber es braucht gute."

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