Prozess: Gab es eine weitere verheimlichte Schwangerschaft?

In der Verhandlung gegen eine Mutter, die für den Tod ihres Neugeborenen verantwortlich sein soll, wird jetzt ein erschreckender Verdacht geprüft.

Es ist nur eine Annahme, aber seit gestern steht sie im Raum. Hat die heute 33-Jährige, die sich derzeit für den Tod ihres Babys im August 2016 vor dem Landgericht Zwickau verantworten muss, noch eine weitere Schwangerschaft verheimlicht? Und was ist dann daraus geworden? "Eine Arbeitshypothese wird sein, dass es 2015 noch ein Kind gegeben hat", sagte der Vorsitzende Richter Klaus Hartmann.

Die Frau hatte mit ihrem Lebensgefährten bereits drei gemeinsame Kinder erzogen, ehe sie ein viertes Mal schwanger wurde. Das Kind kam im April 2014 anonym zur Welt und wurde sofort zur Adoption freigegeben. Im August 2016 gebar sie einen Jungen, der wenige Stunden später tot war und von der Frau auf einer Wiese in Culitzsch abgelegt wurde. Was genau damals passierte, darum geht es in dem Prozess. Doch warum fragt der Richter, ob sie noch ein weiteres Mal schwanger war? Das ergibt sich aus den Daten ihrer beiden Smartphones, die sie zwischen 2015 und 2017 genutzt hat. Daraus ging zunächst nur hervor, dass die heute 33-Jährige bereits im Frühjahr 2015 Dateien zu Babyklappen heruntergeladen hatte. Zu diesem Zeitpunkt sei sie nicht schwanger gewesen - das betonte die in Teilen geständige Frau bereits in einer früheren Verhandlung.

Da nach dem Auslesen der Mobiltelefone zunächst keine weiteren Daten zur Verfügung standen, musste sich das Gericht damit zufrieden geben. Nach der vorangegangenen Verhandlung aber hatte sich der IT-Experte der Polizei erneut auf die Suche gemacht. Über einen bislang nicht beachteten Speicherpfad sind nun weitere Dateien bekannt, die die Angeklagte aus dem Internet abgerufen hat. Konkret war gestern die Rede von 563 Dateien, deren Inhalt ergründet werden soll. Unter anderem soll sie Anfang 2015 einen Geburtsrechner aufgerufen und mit Daten gefüttert haben. Die Erkenntnisse daraus lassen den Schluss zu, dass sie möglicherweise seit Sommer 2014 ein weiteres Mal schwanger war. Zwar machte der Verteidiger darauf aufmerksam, dass zu diesem Zeitpunkt die letzte Geburt nur wenige Monate zurücklag -  dennoch erscheinen die Daten dem Gericht wichtig genug, um mindestens noch einen weiteren Verhandlungstag anzusetzen.

Mit Spannung erwartet wurde gestern auch die Einschätzung des psychiatrischen Gutachters. Stephan Sutarski attestierte der Frau zwar, dass sie leicht beeinflussbar und unter Druck zu setzen sei. Eine Persönlichkeitsstörung liege jedoch nicht vor. Dazu seien die Symptome nicht ausgeprägt genug. Was die Tat selbst angeht, sieht er bei der Frau keine Hinweise auf ein destruktives, planloses oder chaotisches Verhalten. "Eine Erkrankung aus dem psychiatrischen Bereich liegt nicht vor", stellte er klar. Problematisch sei jedoch eine ausgesprochen ungünstige Konstellation in ihrer Familie gewesen: ihr Lebensgefährte, der keine Kinder wollte - und vor allem die Schwiegereltern, die wohl entsprechenden Druck auf das Paar ausübten. So habe sich der Lebensgefährte erst vier Monate nach der Geburt getraut, seinen Eltern von seiner Vaterschaft zu erzählen, sagte Sutarski, der von einem "sehr merkwürdigen Verhalten" in der Familie sprach. Der Prozess wird fortgesetzt.

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