Einsam und immer unterwegs

Mit voller Einsatzstärke hat der Winterdienst des Kreises auf die üppigen Schneefälle der jüngsten Tage reagiert. Die "Freie Presse" war gestern Morgen mit Fahrer Mirko Kallweit aus Oederan auf Tour durchs Erzgebirge.

Brand-Erbisdorf.

Endlich Schnee. Endlich fährt er nicht durch die dunkelgraue, düstere Ödnis der letzten Wochen. Sondern durch flockenweiße Nacht, ein Winterzaubertraum. Auch wenn er das so nicht sagen würde. Mirko Kallweit schaltet das Fernlicht ein. Die Strahler vom Dach des Lkw verwandeln den Erzgebirgswald in eine Theaterkulisse. Weiß leuchtende Bäume hinter einem Schleier aus Flockenwirbel, vor ihm die weiße Straße, die sich im Nichts verliert. Mirko Kallweit zieht an einem kleinen Hebel, die Hydraulik senkt das Schiebeschild vor ihm. Sein Job ist es, auf der Straße den Wintertraum zu beenden und den Asphalt zum Vorschein zu bringen.

Seit 3.15 Uhr steuert der Mann aus Oederan an diesem Mittwochmorgen den Lkw MAN, mehr als 300PS, durch die Nacht. Er hat Frühschicht. Seine Ladung: sechs Tonnen Salz und zwei Tonnen flüssige Sole, die nach und nach auf den Straßen landen.

Vor der Abfahrt eine kurze Besprechung. Die Lage ist klar. Schnee liegt auf den Straßen. Schnee fällt vom Himmel. Der Bildschirm mit dem Niederschlagsradar zeigt ein dunkelgrün markiertes Tiefdruckgebiet, das über Mitteldeutschland kreist. Uwe Günther, Schichtleiter der Straßenmeisterei Brand-Erbisdorf, schickt seine Leute in voller Mannschaftsstärke aus. Das heißt: Vier eigene Fahrzeuge, dazu fünf von beauftragten Fremdfirmen. Allein am Vortag wurden 42Tonnen Salz und Sole verstreut.

Die Brand-Erbisdorfer kümmern sich um die Kreis-, Staats- und Bundesstraßen im südöstlichen Teil des Landkreises, also grob im Erzgebirge. Sie verbrauchen mitunter genauso viel Streumittel wie die übrigen fünf Meistereien des Kreises zusammen. Auf einer Karte im Mannschaftsraum sind die Strecken verschiedenfarbig markiert. Jeder Fahrer kennt seine Route. Das macht die Aufgabe nicht einfacher. Denn die verlangt höchste Konzentration - über Stunden. Die Straßen sind teils schmal, bei Gegenverkehr noch enger. Und das Schiebeschild misst je nach Anstellwinkel mehr als drei Meter. "Von meinem Sitz aus kann ich das Ende auf der rechten Seite nur erahnen", sagt Mirko Kallweit.

Sein Abschnitt beginnt an der Ölmühle bei Nassau. Auf dem Weg bis dahin hat er, wo möglich, seine Kollegen unterstützt. Nun lenkt er den MAN in Richtung Rechenberg-Bienenmühle. 60 gut eingeschneite Kilometer liegen vor ihm: Erst geht es bis Bienenmühle, dann die B171 an Nassau und Frauenstein vorbei bis Reichenau, ein kurzer Abstecher nach Kleinbobritzsch, das Ganze retour bis Bienenmühle, weiter das Muldental hoch durch Rechenberg und Holzhau bis kurz vor Neuhermsdorf.

Außerorts fährt er um die 50, innerorts deutlich langsamer. Kein Schnee darf gegen Häuser spritzen, sonst laufen in der Meisterei die Telefone heiß. Salz würde dem Mauerwerk zusetzen. Per GPS lassen sich Position und Geschwindigkeit für jedes Fahrzeug genau nachzeichnen. Mirko Kallweit achtet sehr darauf, dass es keinen Grund für Beschwerden gibt. "Ich habe selbst ein Haus", sagt er.

Ziel: Räumung der gesamten Strecke bis 6 Uhr, bis der Berufsverkehr einsetzt. Das geht nicht bei jedem Wetter, räumt Kallweit ein. Manchmal sind die Pisten schon eine halbe Stunde, nachdem er sie passiert hat, wieder eingeschneit. Er streut dennoch nur auf der Fahrerseite, auf den frisch geräumten Asphalt. "Gegen die geschlossene Schneedecke auf der rechten Seite käme das Salz allein nicht an", erläutert er. "Es wäre verschwendet."

Lieber fährt er die Strecken doppelt ab. Immer mit halbem Ohr am Radio, wartend auf Wetterbericht, Verkehrshinweise. Irgendwann zwischen 4 und 5 Uhr morgens kündigt der Moderator "Musik zum Aufwachen" an. Dann erklingt eine wohlbekannte Stimme. "Als ich fortging, war die Straße leer", singt Dirk Michaelis. "Kehr wieder um." Auf dem Höhenrücken türmt der Wind die Flocken auf. Mirko Kallweit kehrt erst um, nachdem er auch die Kreuzung bei Neuhermsdorf beräumt hat. Dann nimmt er Kurs auf Brand-Erbisdorf.

Gegen 6.30 Uhr läuft der MAN in der Meisterei ein. Kaffee trinken. Salz nachladen. Kurzer Schwatz mit den Kollegen. Und wieder auf die Piste. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet Mirko Kallweit in der Meisterei. Seit 2001 beim Winterdienst. Ob er sich nicht einsam fühlt, so lange allein unterwegs? "Nein", sagt er. Warum nicht? Mirko Kallweit lacht. "Wir trinken doch zusammen Kaffee." Dann überlegt er. "Mir liegt der Job einfach. Ich glaube, so kann man das sagen."

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...