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Eine Mitarbeiterin der Neuen Apotheke Friedrichstadt in Dresden zeigt eine Packung mit dem Medikament Prednisolon. Der gleichnamige Wirkstoff wird als Entzündungshemmer genutzt, etwa bei Allergien, Asthma und Rheuma. Für eine Reihe von Arzneimitteln mit diesem Wirkstoff müssen Patienten jetzt mehr zahlen - bei diesem Produkt von Jenapharm ist allerdings nur die gesetzliche Zuzahlung von fünf Euro fällig.

Foto: Robert Michael

Mehr Zuzahlung für Medikamente

Seit April gelten für über 4400 Artikel neue Festbeträge - Doch es gibt Härtefallregeln

Von Steffen Klameth
erschienen am 16.04.2018

Manche Patienten glaubten an einen verspäteten Aprilscherz: Für das gleiche Medikament, das sie in der Apotheke bisher ohne Mehrkosten erhalten haben, sollen sie seit Monatsbeginn einen Aufschlag entrichten. Tatsächlich war es aber weder ein Scherz noch ein Irrtum. Denn seit 1. April gelten für viele rezeptpflichtige Arzneimittel veränderte oder überhaupt erstmals Festbeträge. Und das kann zu höheren Zuzahlungen für Patienten führen.

Was sind Festbeträge, und warum wurden sie geändert?

Der Festbetrag ist der Höchstpreis, den die gesetzlichen Krankenkassen den Apotheken für ein Medikament bezahlen. Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen überprüft und beschließt die Festbeträge regelmäßig, in den meisten Fällen werden sie immer weiter gesenkt. Die Kassen erhoffen sich dadurch Einsparungen von rund 100 Millionen Euro pro Jahr. Grundlage für die Berechnung sind die Preise der angebotenen Präparate eines Wirkstoffs oder einer Wirkstoffgruppe. Dabei gilt die Vorgabe, dass mindestens 20 Prozent der Anbieter bzw. Packungen ohne Zuzahlung für den Patienten erhältlich sind.

Gelten für alle Medikamente Festbeträge?

Nein, aber für einen erheblichen Teil. Nach Angaben des Sächsischen Apothekerverbandes gelten seit Monatsbeginn für über 4400 Artikel niedrigere Festbeträge. Für Rheumamittel mit dem Wirkstoff Infliximab wurde erstmals ein Festbetrag festgesetzt. Die Spanne, in der die Beträge gesenkt wurden, reicht von zwei Cent bis 1327,85 Euro. Zu den betroffenen Arzneimitteln zählen u. a. starke Schmerzmittel, Blutverdünner und Entzündungshemmer.

Warum steigt die Zuzahlung, wenn der Festbetrag sinkt?

Ist der für alle Apotheken einheitliche Abgabepreis höher als der von den Kassen erstattete Festbetrag, muss der Patient für diese Differenz aufkommen. Unabhängig davon müssen gesetzlich Versicherte für alle rezeptpflichtigen Medikamente zehn Prozent des Apothekenpreises als sogenannte Rezeptgebühr aus eigener Tasche zahlen, mindestens aber fünf Euro und maximal zehn Euro. Die Zuzahlung beträgt nie mehr als die tatsächlichen Kosten des Arzneimittels und wird direkt an die Krankenkasse weitergereicht.

Warum gibt es Medizin, für die man nichts zuzahlen muss?

Die Hersteller können jederzeit die Verkaufspreise ändern. So kann es passieren, dass der Apothekenverkaufspreis unter dem Festbetrag liegt. Wenn die Differenz zwischen Abgabepreis und Festbetrag mindestens 30 Prozent beträgt, können Arzneimittel zudem von der gesetzlichen Zuzahlung befreit werden. Als dieses Gesetz im Jahr 2006 in Kraft trat, senkten viele Hersteller die Preise. Dahinter steckte die Idee, dass Patienten eher zu einem Medikament greifen, für das sie nichts zuzahlen müssen, erläutert Hannelore Strobel, Sprecherin der AOK Plus: "Sie erhofften sich dadurch einen Zugewinn an Marktanteilen." Unabhängig davon existiert die gesetzliche Härtefallregelung. Sie begrenzt die Zuzahlungen für alle Leistungen (z. B. fürs Krankenhaus) auf zwei Prozent des Bruttoeinkommens pro Jahr. Bei chronisch Kranken liegt die Grenze bei einem Prozent.

Warum werden Patienten dann trotzdem immer häufiger zur Kasse gebeten?

Wollen die Hersteller ihren Wettbewerbsvorteil erhalten, müssen sie die Preise weiter senken. Das hat irgendwann zur Folge, dass sich die Produktion nicht mehr lohnt. Deshalb würden die Arzneimittel oftmals aufzahlungspflichtig oder müssten vom Markt genommen werden, heißt es vonseiten des Bundesverbands der Arzneimittelhersteller. Nach Berechnungen des Deutschen Apothekerverbandes mussten Versicherte im vorigen Jahr über 2,1 Milliarden Euro für Arzneimittel zuzahlen. Ein Trend, der schon seit einigen Jahren anhalte - und der ohne die Rabattverträge noch viel mehr zu spüren wäre.

Wie wirken sich die Rabattverträge auf die Versicherten aus?

Seit 2007 können Hersteller und Krankenkassen direkt über die Preise von Arzneimitteln - überwiegend Generika (Nachahmerpräparate mit den gleichen Wirkstoffen wie das Original) - verhandeln. Die Hersteller gewähren Rabatte, im Gegenzug dürfen sie exklusiv die Versicherten dieser Kasse mit ihren Medikamenten versorgen. Patienten müssen sich zwar hin und wieder auf ein neues Präparat einstellen. Dafür können sie aber auch auf diese Weise von Zuzahlungen befreit werden. Noch mehr profitieren allerdings die Krankenkassen - und das in größerem Umfang als mit gesenkten Festbeträgen. Allein die AOKs sparten vergangenes Jahr durch Rabattverträge deutschlandweit über 1,6 Milliarden Euro, teilte der AOK-Bundesverband mit. Ähnliche Verträge haben auch die meisten anderen Kassen abgeschlossen.

Betroffene Arzneimittel

Die Anzahl der zuzahlungsfreien Medikamente kann sich alle zwei Wochen ändern. Zu den häufig verordneten Arzneimitteln, die von höheren Zuzahlungen betroffen sind, gehören nach Angabe der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände unter anderem. Medikamente mit folgenden Wirkstoffen:

- Schmerzmittel: Fentanyl, Morphin und Oxycodon

- Entzündungshemmer: Prednisolon

- Blutverdünner: Clopidogrel

Alle Festbeträge auf einen Blick:

www.freiepresse.de/Festbetraege

Alle Medikamente ohne Zuzahlung:

www.freiepresse.de/zuzahlungsfrei

 
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