Der schöne Schein trügt

Über den digitalen Parteitag der CDU im Januar

Ihrem eigenen Selbstverständnis nach steht die CDU im Augenblick dort, wo sie hingehört. Ein großer Teil der Bürger verlässt sich auf die Partei mit dem natürlichen Regierungsanspruch, das Land, so gut es eben geht, durch diese historische Krise zu steuern. Ihre Kanzlerin erzielt mit ihrer vorsichtigen Coronapolitik Bestwerte und hat nebenbei gerade Europa und den Klimaschutz vorangebracht. Die Union führt mit großem Vorsprung alle Umfragen an. Nun gefallen sich die Christdemokraten noch in der Rolle des Fortschrittstreibers, da sie - wie am Montag beschlossen - Mitte Januar den ersten digitalen Wahlparteitag der bundesdeutschen Geschichte abhalten wollen.

Wer die rosarote Parteibrille absetzt, stellt jedoch schnell fest, dass sich die größte Regierungspartei in einer äußert heiklen Lage befindet - inhaltlich, personell, strategisch. Intern werden schon lange Warnungen ausgegeben, sich nicht von Umfrageergebnissen blenden zu lassen; wirklich ernst genommen werden sie dem Anschein nach aber nicht.

Das fängt mit dem Dreikampf um den Vorsitz an, der mit dem ersten offiziellen Aufeinandertreffen von Armin Laschet, Friedrich Merz und Norbert Röttgen am Montagabend in die heiße Phase gegangen ist. Warm ums Herz aber wird der Partei nicht dabei. Einig ist sie sich nur im Bedauern, keine wirklich überzeugende Auswahl präsentiert zu bekommen. Viele trauern noch der Entscheidung von Gesundheitsminister Jens Spahn hinterher, sich in Laschets Dienst zu stellen - ihm, der für viele am überzeugendsten den Generationswechsel nach Angela Merkel verkörpern würde, sind dadurch die Hände gebunden.

Nur in den Hintergrund gerückt sind die Grabenkämpfe, vor denen Noch-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer kapituliert hat. Die sogenannte Werte-Union sieht die Partei weiter auf einem links-grünen Irrweg. In ostdeutschen Landesverbänden - siehe Thüringen und Sachsen-Anhalt - fällt die Abgrenzung zur AfD keineswegs so einheitlich aus, wie die Bundespartei das gern sähe. Die Sorge ist so groß wie berechtigt, dass die Integrationskraft von Laschet, Merz oder Röttgen nicht ausreicht, um die Partei hinter sich zu vereinen.

Im bevorstehenden Bundestagswahljahr könnte sich das als doppelt schädlich erweisen. Die Union funktioniert nur als Einheit - sobald sie erodiert, bröckelt die Zustimmung. Da keiner der drei Bewerber in der Gesamtbevölkerung bisher restlos zu überzeugen vermag, steht die CDU vor keinem kleinen Dilemma: Sie kann ihren Führungsanspruch aufgeben und kampflos dem derzeit in Umfragen führenden CSU-Chef Markus Söder die Kanzlerkandidatur antragen - oder den eigenen, wohl mit höherem Risiko behafteten Bewerber ins Rennen schicken.

Niemand kann genau ermessen, wie viele CDU-Prozente an Merkel hingen. Ihr Pragmatismus hat auch dafür gesorgt, dass jenseits eines Grundvertrauens kaum noch inhaltliche Alleinstellungsmerkmale bekannt sind: Der gefühlt letzte Markenkern - die schwarze Null - fiel Corona zum Opfer. Füllen konnten die Bewerber die Leerstelle bisher nicht.

Eigentlich wäre dies der Zeitpunkt für Parteigranden vom Schlage eines Wolfgang Schäuble, um einen Befreiungsschlag herbeizuführen. Ob es zu Manövern dieser Art kommt, ist offen. Zu verführerisch ist der schöne Schein der Umfragen, um jetzt die Schattenseiten zu beleuchten.

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