Die Person gewinnt an Bedeutung

Zum Wahlausgang in Mecklenburg-Vorpommern

Die etablierten Parteien leckten am Tag nach der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern ihre Wunden. Allesamt haben sie in Scharen Wähler an die AfD verloren. Die steht erstmals in der Wählergunst vor der CDU, ein historisches Ergebnis, für das die CDU-Parteichefin Angela Merkel die Verantwortung übernommen hat. Aber auch die SPD weiß, wie es sich anfühlt, von der AfD überholt zu werden. Im März ist ihr das in Sachsen-Anhalt und Baden-Württemberg passiert.

Dennoch zeigte sich SPD-Parteichef Sigmar Gabriel in verhaltener Feierlaune. SPD-Spitzenkandidat Erwin Sellering hatte - trotz Verlusten - die Wahl im Norden gewonnen. Dass sich die Sozialdemokraten aus dem Umfragekeller auf mehr als 30 Prozent steigern konnten, verdanken sie vor allem ihrem bei den Bürgern beliebten Ministerpräsidenten. Das verleitete Gabriel gleich zu Optimismus für die nächsten Wahlen. In zwei Wochen wird in Berlin gewählt. Der SPD-Frontmann dort heißt Michael Müller.

Gabriel verweist auf die Wahlerfolge, nicht nur von Sellering, sondern auch auf die von Malu Dreyer in Rheinland-Pfalz und Olaf Scholz in Hamburg. Diese Persönlichkeiten hätten für Erfolge gesorgt. Die Hoffnung hegt er auch für Berlin, wenngleich Müller bei weitem nicht die Zustimmungswerte hat wie die anderen Spitzengenossen.

Es fällt auf, dass die AfD bei den vergangenen Wahlen zwar Erfolge erzielen konnte, aber die alten Amtsinhaber auch die neuen waren: Neben Dreyer und Scholz Grünen-Ministerpräsident Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg oder - mit Abstrichen - Reiner Haseloff von der CDU in Sachsen-Anhalt. Spielen eine maximale Personalisierung im Wahlkampf und die Persönlichkeit von Amtsinhabern eine zunehmend wichtige Rolle? Eine komplexe Frage.

Viele Meinungsforscher sprechen von einem Trend zur Persönlichkeitswahl - vor allem bei Landtagswahlen. Amtsinhaber sind deutlich im Vorteil, wenn sie ein grundsätzlich positives Image haben, da fast nur der Ministerpräsident medial wahrgenommen wird. Hinzu kommt, dass in Zeiten weiter abnehmender Parteibindung und einer erhöhten Wechselneigung der Wähler der Faktor Persönlichkeit eine größere Bedeutung bekommt. Dabei müssen die Politiker, die davon profitieren, nicht unbedingt charismatische Typen sein. Angela Merkel konnte selbst mit einem technokratischen Habitus lange Zeit attraktiv wirken. Und auch für Erwin Sellering gilt: Sein sachlicher Stil als ehrlicher Verwalter seines Landes dürfte ihm und der SPD einige Stimmen gesichert haben. Auch Olaf Scholz oder Malu Dreyer gelten eher als ruhige und bedächtige Politiker denn als charismatische Führer. Sie punkten mit Sympathie, Authentizität und Glaubwürdigkeit.

Wohlgemerkt: Schon früher haben in der Bundesrepublik Persönlichkeiten zum Beispiel Kanzlerwahlen entschieden: Willy Brandt, Helmut Schmidt, Helmut Kohl oder zuletzt eben Angela Merkel. Der Trend ist also nicht neu, scheint aber derzeit stärker auf Landesebene ausgeprägt zu sein. Früher zählte dort doch mehr die Programmatik und die Identifizierung mit einer Partei. Heute ist das Wahlvolk gespalten: Es gibt nach wie vor die Nichtwähler, die Anti-Wähler, die mit der AfD eine Plattform für ihren Protest gefunden haben, und die Wähler der etablierten Parteien.

Bei letzteren scheint in unruhigen Zeiten die Tendenz zu überwiegen, das Altbewährte und Zuverlässige zu wählen. Im besten Falle den Amtsinhaber. Dem in Partei und Wahlvolk chronisch unbeliebten Parteichef Gabriel wird das nicht viel nützen, falls er SPD-Kanzlerkandidat werden sollte. Die Sozialdemokraten insgesamt sollten sich nicht allzu sehr und nicht allzu lange über den lauen Aufwind im Norden freuen. Sonst landet die SPD sehr schnell wieder auf dem Boden der harten Tatsachen.

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1Kommentare
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  • 3
    0
    DerWundePunkt
    06.09.2016

    Persönlichkeitswahl, ja, das wäre gut. Dann muss jeder Gewählte für seinen Mist den er baut auch persönlich einstehen und kann sich nicht hinter irgendwelchen Zusammenrottungen Gleichgeschalteter (manche sagen zu sowas auch Partei) verstecken. Im Bundestag würden nur noch Persönlichkeiten sitzen, die ihre Meinung auch vertreten dürfen und sich nicht in der letzten Bankreihe die Müdigkeit aus den Augen reiben müssen. Und dem Steuerzahler würde das jährlich Millionen ersparen, die sonst in die Parteikassen fließen.

    Also auf zur Persönlichkeitswahl...
    ... und Gründung einer Persönlichkeitspartei!



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