Russland und die Arroganz der Sieger

Zur Debatte um ein Ende der Sanktionen gegen Russland

Der sächsische Ministerpräsident hat mit freundlichen Gesten Richtung Russland maßgebliche Politiker und Medien verstört. Offiziell halten die Beziehungen zwischen dem Riesenland im Osten und der Europäischen Union im Westen einen stumpfen, unruhigen Schlaf. Der Raub der Krim durch Russland vor fünf Jahren, die Schützenhilfe Moskaus für Separatisten im ukrainischen Donbass, die Waffenhilfe Putins für den Diktator in Syrien und seine autoritäre Innenpolitik haben Russland dem Westen entfremdet.

Das hatte man sich in Washington, London, Paris oder Bonn nicht so vorgestellt, als 1991 der Eiserne Vorhang fiel. Russland, so glaubte man damals, werde die sowjetische Niederlage im Kalten Krieg wie ein Kreuz auf seine Schultern nehmen, die frühere Vormachtstellung in Osteuropa freiwillig räumen und sich als Demokratie nach westlich-liberalemVorbild neu erfinden. Das "Ende der Geschichte" - es war nur ein Hirngespinst.

Heute mangelt es nicht an Erklärungsversuchen für Russlands krummen Weg. Manche davon sind beunruhigend. Walter Laqueur, der 2018 verstorbene Historiker und ein Zeuge des 20. Jahrhunderts, beschrieb Putins "von einer Mehrheit gestützte Diktatur", die auf die Macht der Kirche und Ideen rechter Ideologen baue, in einem seiner letzten Bücher. Laqueur sieht das Land bald im Schlepptau Chinas segeln: wirtschaftlich zu schwach, um eine eigenständige Großmacht zu sein, zur gesellschaftlichen Modernisierung nicht fähig.

Stimmt das, oder liegen die Dinge anders? Zu jeder Anschuldigung des Westens gegen Russland jedenfalls zirkuliert - fast schon eine Selbstverständlichkeit - eine Gegenerzählung. Manche wird direkt in Russland fabriziert und via Internet oder "Russia Today" unter die Leute gebracht - oft genug an Deutsche, die glauben, es mit Russland gut zu meinen. Deren Haltung ist verständlich: Wer wünscht sich denn einen Kalten Krieg 2.0 - jenes waffenstarrende Gleichgewicht in Neuauflage, das den Globus Jahrzehnte im Klammergriff hielt?

Ärgerlich ist, dass manche dieser Interessierten der Putin-Propaganda geradezu ins Netz getrieben werden: durch Schwarz-Weiß-Szenarien und arrogante Rhetorik. Das ist dieser dumpfe Tonfall Helmut Schmidts, der Russland als "ein Obervolta mit Atomwaffen" niedermachte - bis heute in gewissen Kreisen gern zitiert. Sigmar Gabriel, selbst mal Außenminister, hat das vor kurzem in Chemnitz öffentlich wiederholt.

Das "spezielle ostdeutsche Verhältnis" zu Russland - sollte es zum Teil in der Abneigung gegen solche Sieger-Arroganz begründet liegen? Fühlen viele Ostdeutsche sich da nicht mitunter mitgemeint? In Bezug auf Russland hätte Deutschland manchen Grund, sich ehrlich zu machen: Allen Sanktionen zum Trotz ist die Europäische Union der größte Handelspartner Russlands und Russland der viertgrößte der EU.

Es geht also gar nicht nur um Gut oder Böse, Schwarz oder Weiß. Sondern um Macht und mangelnden Respekt. Kretschmers Vorschlag gehört daher ernsthaft erwogen. Ihn einfach nur als ostdeutsche Marotte abzutun - das wird weder Russland noch den Ostdeutschen gerecht.

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3Kommentare
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  • 3
    1
    Freigeist14
    12.06.2019

    Blacksheep@ wer hier oberflächlich und naiv seine überschaubares Verständnis zum Besten gibt , ist offensichtlich . Mehr muss man zu diesem Anbiedern nicht sagen .

  • 3
    4
    BlackSheep
    12.06.2019

    Oberflächlich und naiv, von Herrn Schilder und Herrn Freigeist. Freigeist14, schon vergessen wieviele Versuche im Ostblock in Freiheit zu leben von den Russen niedergewalzt wurden? Haben Sie sich gefragt warum Nationen wie die Balten oder die Polen, alle mit viel Erfahrung im Umgang mit den Russen, den Kopf schütteln angesichts der deutschen Naivität und Leichtgläubigkeit?
    Ich haben eher das Gefühl man schimpft in Deutschland gern über die Amerikaner, aber bei vielen Äußerungen denkt man die Deutschen wollen gern in die Abhängigkeit der Russen, der Russischunterricht im Osten hat anscheinend doch "geholfen"

  • 7
    3
    Freigeist14
    12.06.2019

    Herr Schilder , Russland hat die frühere Vormachtstellung in Osteuropa freiwillig geräumt . Russlands Westgruppe der Streitkräfte verließ 1994 Deutschland in Frieden und mit freundschaftlicher Hand. Wurde es dem Land gedankt ? Nein . Der Westen rückte in den Zeiten der einseitigen Gesten und der Schwäche Russlands mit seinem Kriegsbündnis bis an die russische Grenze vor .Die Rede Putins 2007 für eine neue Politik der Zusammenarbeit im Bundestag blieb unbeantwortet . Genau das haben Bürger Ostdeutschlands genau verfolgt und frage sich zurecht ,was machen 74 Jahre nach Kriegsende noch immer amerikanische Truppen in Deutschland ? Warum zogen die nicht ab ? Warum können von deutschem Boden aus Ramstein der Drohnen-Krieg und Einsätze in alle Welt gesteuert werden ? Bleibt das ein Tabu? Wenn Sie Herr Schilder,die Unterstützung der Regierung Assads erwähnen ,erfahren wir nie ,was nach dem Sturz des "Diktators" passieren sollte . Ein zweites Libyen oder Irak ? Wir sanktionieren Russland wegen der "Krim " und der "Ostukraine ". Haben wir je überlegt ,die USA wegen der Hunderttausenden zivilen Opfer im Irak zu boykottieren ? Nein. Natürlich nicht . Wie hilflos man gegenüber dem Bruch des Völkerrechts durch den "Verbündeten " ist ,sieht man am verzweifelten Auftretens Heiko Maas zum Atom-Abkommen mit dem Iran .



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