Zu viel Zucker ist kein Privatproblem

Zur Steuer auf überzuckerte Getränke, die Verbraucherschützer fordern.

Coca-Cola hat alles richtig gemacht. Zumindest aus Sicht eines Konzerns, der umso mehr Gewinn einstreicht, je mehr Ware er unters Volk bringt: Er hat ein cooles Markenimage aufgebaut, den Weihnachtsmann gekapert, ein Glücksinstitut gegründet. Die Strategie wirkt. Zwar weiß jeder, dass Cola nicht gesund ist. Auch bestreitet kaum jemand, dass sogenannte Softdrinks weder Durst löschen, noch Hunger stillen, sondern dick machen. Dennoch werden sie massenhaft konsumiert.

Die Deutschen lassen sich ungern reinreden, wenn es um ihr leibliches Wohl geht. Das hat die kollektive Empörung über den von den Grünen vorgeschlagenen Veggie-Tag beispielhaft gezeigt. Insofern ist es gut, dass es Verbraucherorganisationen wie Foodwatch gibt, die das aussprechen, was sich Politiker heute oft nicht mehr trauen: Es wird Zeit, dem ungesunden Wachstumshunger der Lebensmittelindustrie entgegenzutreten. Denn süß verkauft sich nun mal am besten. Und Coca-Cola ist längst kein Einzelfall mehr. Zucker steckt heute nicht nur da, wo ihn jeder erwartet: in Getränken, Kuchen und Schokolade. Er findet sich auch in Müslis, Feinkostsalaten, Soßen und Gemüse in Konserven. Er kommt getarnt in Form von Fruktose- oder Maisstärkesirups daher. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung warnt seit Jahren vor einer süßen Überversorgung. Doch während Deutschland fast hysterisch über die Gesundheitsgefahren des Diesels diskutiert, scheint ungesundes Essen gesellschaftlich sanktioniert. Hauptsache, es schmeckt!

Verwunderlich ist das nicht, denn Zucker hat Suchtpotenzial. Und seine Ernährung kann man nicht einfach wie beim Auto vom Anbieter umrüsten lassen. Sich gesund zu ernähren, heißt den inzwischen allgegenwärtigen Versuchungen zu widerstehen.

Dabei auf Aufklärung zu setzen, wie es die Bundesregierung tut, mag gut gemeint sein, bringt aber nicht den nötigen Wandel. Angesichts von Milliarden, die Folgeerkrankungen eines übermäßigen Zuckerkonsums kosten, ist das Thema vom privaten Problem zur gesamtgesellschaftlichen Herausforderung geworden. Appelle an die Industrie, den Zuckergehalt freiwillig zu reduzieren, haben bislang kaum etwas gebracht. Insofern sind die Forderungen von Foodwatch richtig: eine Ampel auf jeder Verpackung, die Zucker- und auch Fettbomben entlarvt. Wenn Coca-Cola das selbst anbietet, ist das scheinheilig. Denn die Grenzwerte darf nicht die Industrie, sondern müssen unabhängige Wissenschaftler festlegen. Die Bundesregierung sollte dabei mehr Mut gegenüber Lobbyisten beweisen, wie sie es beim Rauchverbot in Gaststätten getan hat. Auch eine Steuer auf sehr süße Getränke kann ein schnell wirksamer Anreiz sein, wie das Beispiel Großbritannien zeigt. Zwar lässt sich Übergewicht nicht "wegbesteuern", wie ein Coca-Cola-Chef gestern richtig sagte. Doch weniger Zucker in Getränken wäre ein erster, vergleichsweise leicht zu verschmerzender Schritt - damit die Lebensfreude, die Coca-Cola verspricht, bis ins hohe Alter anhält.

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