B 173: Ausbaupläne bringen Landwirte auf die Barrikaden

In einer Kurve kurz vor Niederschöna hat es in der Vergangenheit mehrfach gekracht. Bei den Unfällen gab es auch Verletzte. Nun soll die Strecke begradigt werden. Doch es regt sich Widerstand.

Niederschöna.

Reiner Partzsch versteht die Welt nicht mehr. "Die Straße ist gut und überhaupt nicht marode wie so viele andere", sagt der Niederschönaer. Dann deutet er in Richtung Lindenkurve, eine leichte Anhöhe in wenigen hundert Metern Entfernung. Hier macht die Bundesstraße 173 zwischen Niederschöna und Naundorf einen leichten Knick. "Die Strecke ist doch größtenteils kerzengerade", fährt der 68-Jährige fort.

Was ihn auf die Palme bringt: Die Kurve soll entschärft und die Strecke begradigt werden. Doch dafür müsste er genauso wie die Agrargenossenschaft Niederschöna Land abtreten. Fruchtbares Ackerland für eine Straßenverlegung herzugeben, widerstrebt Partzsch, der Aufsichtsratschef des Betriebs ist und früher dessen Vorstand war. Er sagt: "Der Boden fehlt der Landwirtschaft."


Das zuständige Landesamt für Straßenbau und Verkehr (Lasuv) bestätigt die Pläne. Der Anlass: Auf der Lindenhöhe kracht es des Öfteren. Nach Angaben der Polizei waren 2014 allein 16 Unfälle zu verzeichnen, bei denen zwei Menschen schwer verletzt worden waren. 2015 ereigneten sich 5 und 2016 immerhin 8 Unfälle. In der Behördensprache ist von einer Unfallhäufungsstelle die Rede.

Um danach weitere Unfälle zu vermeiden, handelten die Verantwortlichen. Auf Forderung der örtlichen Unfallkommission des Landkreises wurde damals, wie eine Polizeisprecherin ergänzt, die Höchstgeschwindigkeit bei Nässe auf 50 Stundenkilometer begrenzt, sonst gilt Tempo 70. Außerdem wurde im Juni 2017 auf besagtem Abschnitt die Straße saniert - unter anderem ist in der Innenkurve das Bankett mit Bitumen befestigt worden, sodass Fahrzeuglenker mehr Platz haben. Zudem macht ein Schild mit dem Hinweis "Linksabbieger" auf die Gefahrenstelle am Abzweig nach Falkenberg aufmerksam. Für Reiner Partzsch gute und richtige Maßnahmen, die er für ausreichend hält.

Die Zahlen scheinen ihm Recht zu geben. Seither ging die Anzahl der Unfälle zurück. Die Polizei registrierte 2017 und 2018 jeweils nur noch drei Stück - und zwar ohne Verletzte. Die Folge: "Aktuell handelt es sich bei der B 173 zwischen Naundorf und Niederschöna nicht mehr um eine Unfallhäufungsstelle", so die Polizeisprecherin.

Trotzdem kam es jüngst auf der B173 zu einem Unfall. Ein Auto geriet etwa einen Kilometer vor Niederschöna in einer Linkskurve von der Fahrbahn ab und überschlug sich mehrfach. Der Beifahrer wurde schwer verletzt. Der Fahrer, der leicht verletzt wurde, hatte 2,46 Promille intus. Reiner Partzsch bemerkt: "Es ist nicht zu verstehen, warum die Allgemeinheit eine Baumaßnahme in Millionenhöhe finanzieren soll, wenn sich einige wenige nicht an die Regeln halten."

Wie Lasuv-Sprecher Franz Grossmann erläutert, ist die angedachte Verlegung trotzdem notwendig. Um weitere Unfälle zu verhindern, seien nach Einschätzung der Unfallkommission alle Maßnahmen ausgeschöpft. Die neue Trasse führt östlich an der bestehenden Bundesstraße vorbei und ist knapp 2,2 Kilometer lang. Ein Vorentwurf steht. Die Sicht wäre so verbessert. Ein Baugutachten soll erstellt werden. Noch in diesem Jahr folgen Erkundungsbohrungen. Die bisherige Straße wird laut Grossmann abgerissen und könnte als Wirtschaftsweg erhalten bleiben.

Bis die ersten Bagger anrücken, dürften noch Jahre vergehen. Reiner Partzsch will bis dahin nichts unversucht lassen und gegen das Projekt kämpfen. Denn auch wenn die alte Trasse danach Ackerland werden könnte, wäre der Ertrag auf dem Boden bei weitem nicht so gut wie auf dem jetzigen. Was ihn außerdem aufstößt: Bestehende Drainageleitungen, die Wasser in die Bobritzsch und den Rodelandbach ableiten und die einst "mit hohem Bau- und Finanzaufwand getätigt" wurden - würden zerstört.

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 2 Bewertungen
3Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.

  • 3
    0
    saxon1965
    11.09.2019

    Sicher muss man abwägen und niemand möchte betroffen sein, weder als enteigneter Landeigentümer von wertvollem Ackerland, noch als Unfallbeteiligter.
    Man kann jedoch nicht Millionen ausgeben, weil es einige wenige Unvernünftige gibt. Dummheit und Leichtsinn stirbt nicht aus und man kann doch nicht jede Straße begradigen. Da gibt es einige wesentlich gefährlichere Kurven und Einmündungen.

  • 14
    2
    Haga
    11.09.2019

    Stationäre Geschwindigkeitsmessgeräte mit GROSSEN Hinweisschildern.
    Wirkt sofort und ist garantiert billiger. Egal ob scharf gestellt oder nicht.

  • 2
    3
    Juri
    11.09.2019

    Eine schwierige Kiste. Ich verstehe Herrn Partzsch und ich verstehe die Behörden. Dennoch, die Frage bleibt: Was ist vernünftig?
    Einmal diese aufwändige Veränderung, die ja bei vernünftigem Umgang mit den Regeln des Straßenverkehrs nicht nötig wäre, anpacken oder darauf vertrauen, dass die bisher eingeleiteten Maßnahmen ja schon Besserung gebracht haben.
    Was aber, wenn Herrn Pratzsch oder einer seiner liebsten Menschen dort unverschuldet selber ein Unfall passiert? Das klingt sehr theoretisch, aber ich würde das nicht völlig ausschließen. Allein auf die Vernuft des Umfeldes zu vertrauen, ist allerdings ebenfalls naiv. Es gibt stets 1000 Ausreden, die leichtfertiges Verhalten entschuldigen möchten. Und der Satz, den ich vor Gericht schon so oft gehört habe: "Das hab ich doch nicht gewollt", kommt stets zu spät.



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...