Bürgersteige bleiben den ganzen Tag oben

Einkaufsmeilen gibt es in den kleinen Erzgebirgsorten ohnehin nicht. Nun herrscht völlig tote Hose. Die Sorgen sind groß.

Sayda.

Ob Mulda, Lichtenberg, Sayda, Rechenberg-Bienenmühle oder Neuhausen - als Hotspots mit Shoppingmeilen sind diese Gemeinden nicht bekannt. Doch gibt es Geschäfte mit speziellen, nicht selten regionalen Angeboten. Schaut man sich derzeit auf den Straßen um, dann herrscht Stille und Leere. Vielerorts sind nur die Lebensmittelmärkte geöffnet.

In Mulda bietet eine Gaststätte Liefer- und Abholservice an, die Tankstelle hat geöffnet. In Neuhausen kann man sich noch einen Döner am Imbiss kaufen, daneben ist ein Laden mit allerlei Waren offen, der dies einem Zustellservice verdankt, für den Pakete angenommen werden. Am Kirchengeländer flattern Briefumschläge im Wind, auf denen "Bibelvers to go" zu lesen ist.

In Sayda steht Cornelia Wagner vor ihrem Second-Hand-Laden an der Dresdner Straße. "Eigentlich würde ich jetzt mit dem Sommergeschäft starten", sagt sie. "Die Ware ist da, es könnte losgehen." Doch ihr, wie fast allen anderen Händlern im Ort, machen die Einschränkungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie einen Strich durch die Rechnung. Wagner ist Mitglied im örtlichen Gewerbeverein, dem 40 Händler angehören. Gemeinsam haben sie einen Brief an die Kunden verfasst, der in den Schaufenstern hängt. Darin bitten sie, wo immer es möglich ist, die Lieferungen und Leistungen der ortsansässigen Unternehmen zu nutzen, Einkäufe vor Ort zu tätigen und somit die Existenz der Firmen zu sichern. Ihren Antrag auf Unterstützung vom Land hat Cornelia Wagner bereits Anfang vergangener Woche abgeschickt, schriftlich und per Post, denn über das Internet war es nahezu unmöglich. Für ein Vierteljahr könnte die Unterstützung reichen, meint sie. Laufende Kosten wie etwa die Krankenversicherung müsse sie weiterhin begleichen.

Jacqueline Müller arbeitet nur wenige Meter entfernt im Saydaer Ratskeller. Die Gaststätte hat am 15. März zugemacht. "Wir haben das Glück, dass wir seit Jahrzehnten einen gut funktionierenden Lieferservice haben", erzählt sie. Das gleiche die Gesamtverluste allerdings nicht aus, weshalb auch sie und ihr Mann einen Antrag beim Land gestellt haben. "Hochzeiten, Osterfeste, Geburtstage, Vereinsversammlungen, all das ist weggebrochen", so Müller. Um die Kosten zu reduzieren, telefonierte sie sehr viel in den letzten Tagen. Bei Gas- und Stromanbietern erlebte sie die Überraschung, dass alles unkompliziert und vor allem schnell in ihrem Sinne geregelt wurde.

Karsten Piefke ist Vorsitzender des Saydaer Gewerbevereins. Er führt ein Geschäft für Handys und Computer nebst Zubehör sowie Beratung. Dank der zusätzlichen DHL-Annahmestelle hat er noch geöffnet. "Aber das bringt auch nicht viel im Moment", meint er. Immerhin komme er nun dazu, manch Liegengebliebenes aufzuräumen oder fertigzustellen. Für Ende April war eine große Gewerbeschau geplant. Das Programm stand, 30 Aussteller hatten sich angekündigt, Gäste waren eingeladen. "Dann überrollten uns die Maßnahmen", so Cornelia Wagner. Von der Stadtverwaltung, so sagen alle drei, hätte man sich etwas mehr Kontakt erwartet.

In der Vergangenheit, so Karsten Piefke, war die regionale Wirtschaft ein Motor für das öffentliche Leben. Durch Sponsoring half man Veranstaltungen oder Vereinen gleichermaßen. Er hoffe darauf, dass es nun auch in der anderen Richtung funktionieren könne.


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