Der Rat, der Bass, der Lüfter und das Amt

Immer wieder kommt es in Oberbobritzsch zwischen dem Jugendclub und einer Familie im Nachbarhaus zu Ärger wegen tatsächlicher oder vermeintlicher Ruhestörung. Nun bezog der Gemeinderat Stellung - und zwar eindeutig.

Oberbobritzsch.

So viele Gäste wie am Donnerstagabend begrüßt Volker Haupt (CDU) sonst selten bei einer Sitzung des Gemeinderats. "Wir sollten das öfter hier machen", scherzte der Bürgermeister von Bobritzsch-Hilbersdorf. Gemeinderat Holger Gustmann (Freie Wähler) stellte gleich einen entsprechenden Antrag. Es hatte aber einen ernsten Hintergrund, dass sich das Gremium im Jugendclub traf. Vor Ort wollten die Räte einen Eindruck gewinnen in einem Streit, der seit Jahren schwelt und der nun auch das Landratsamt beschäftigt.

Es geht um die Frage, inwieweit der Club die Nachtruhe einer Familie im Haus gegenüber stört. Nach langer Diskussion und einem Rundgang durchs Gelände fiel das Urteil einhellig aus. "Der Gemeinderat steht voll hinter dem Jugendclub", versicherte Haupt den Clubmitgliedern. Das sei zwar kein Freibrief, ein fairer Umgang miteinander sei nötig. Falls nötig aber, sagte Haupt entschieden, "schrecken wir auch vor einem Rechtsstreit nicht zurück."

Seit zehn Jahren hat der Jugendclub seinen Sitz im ehemaligen Erbgericht. Der gehörte einst der Familie im Haus gegenüber, bis sie das Anwesen in den 1990er-Jahren an die Gemeinde verkaufte. Der aktuelle Vorstand hat den Club mit viel ehrenamtlicher Arbeit zu einem echten Anlaufpunkt für die jungen Leute des Dorfs entwickelt. Am Wochenende und auch mal unter der Woche treffen sich die Vereinsmitglieder. "Vor drei Jahren waren wir acht Mitglieder", berichtete Sandro Fleischer, einer der drei Vorstände. "Heute sind wir 40." Tausende Stunden ehrenamtlicher Arbeit, so der 21-Jährige, steckten in dem Domizil.

Er versicherte, dass die Jugendlichen und die Gemeinde aus seiner Sicht alles tun, um Belästigungen für die Nachbarsfamilie auszuschließen. Große Partys oder Diskotheken gar für die Öffentlichkeit sind im Club tabu. Die Räume im Erdgeschoss haben Schallschutzfenster erhalten. Beim Anbau für ein Raucherzimmer, damit niemand mehr vor der Tür rauchen muss, packten die Jugendlichen selbst mit an. Die Bässe der Musikanlage seien zuletzt deutlich reduziert worden. Davon überzeugten sich auch die Räte bei einem Rundgang. Direkt vor den Fenstern sei es nicht lauter, als wenn man an einem Wohnhaus vorbeigehe, in dem jemand Fernsehen schaue, so das einhellige Urteil.

Dennoch, so Sandro Fleischer, werde immer wieder die Polizei wegen tatsächlicher oder vermeintlicher Ruhestörung alarmiert. In drei Jahren habe er zigtausende Gespräche geführt, auf unzählige Anzeigen geantwortet, Protokolle ausgefüllt. Eine der jüngsten Beschwerden betreffe den Lüfter, der Luft vom Raucherzimmer nach draußen befördert und der an der vom Nachbarhaus abgewandten Seite des Jugendclubs angebracht ist. "Ich weiß bald nicht mehr, was ich noch machen kann", sagte das Vorstandsmitglied in einem emotionalen Statement.

Auch das Landratsamt ist in den Fall inzwischen eingeschaltet. "Die anhängigen Beschwerden richten sich gegen eine Lärmbelästigung, auch, aber nicht nur, durch die Nutzung des Erbgerichtes als Jugendclub", bestätigte ein Sprecher. So nahm Claudia Uhlig vom Referat für Immissionsschutz an der Besprechung in Oberbobritzsch teil, auch um zu schauen, wie der Geräuschpegel weiter reduziert werden könnte. Bürgermeister Haupt sagte zu, dass sich die Gemeinde um das Problem des Lüfters kümmern wolle, dessen Schall wohl von einer Garage und einer Felswand reflektiert werde. Wichtig sei, dass auf jeden Fall weiter deeskalierend gewirkt werde, appellierte Holger Gustmann.

Noch prüft das Landratsamt, eine Anordnung wurde bislang nicht erlassen, erklärte der Sprecher auf Anfrage. Der Name der Familie ist der "Freien Presse" bekannt. Öffentlich wolle aber niemand Stellung beziehen, hieß es telefonisch.

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