Die Angst geht um

Schluss mit lustig. In unserer Region mit den vielen schönen Schlössern ist immer etwas los. So auch im September. Ein Blick zurück - in Glossenform.

Flöha.

Waren Sie im vergangenen Monat mal verreist? Ins Ausland vielleicht? Oder in die Bundesländer, die es schon vor der Wende gab? Und haben Sie dann dort erzählt, wo Sie herkommen? Ja? Lief das Gespräch dann auch ungefähr so ab? "Ich komme aus Eppendorf." "Der Stadtteil von Hamburg?" "Nee, das in Sachsen. Bei Flöha." "Flöha?" "Ja, liegt bei Chemnitz." Und zack - Sie waren sofort Mittelpunkt der Gesprächsrunde. Sie mussten erklären, wie es war beim Stadtfest. Und wenn Sie erzählt haben, dass Sie - wie so viele andere auch - gar nicht dabei waren, als die Demos durch die Innenstadt von Chemnitz gezogen sind, hat man Sie trotzdem gefragt, wie es war, ob das alles stimmt, wie es jetzt ist in Chemnitz. Ob man dort noch auf die Straße gehen kann.

Nun, es gibt mehrere Möglichkeiten, auf diese Situation zu reagieren. Die erste: Man schweigt, schmeißt eine Runde Bier, alle sind froh und fragen nicht mehr nach. Die zweite: Man ändert den regionalen Bezug: "Ich komme aus Eppendorf. Das liegt bei Freiberg." Wobei - Freiberg? Das ist doch die Stadt mit dem Bürgermeister, der keine Flüchtlinge mehr aufnehmen wollte. Auch keine gute Idee. Das führt ja auch wieder nur zu Fragen, die zu Gesprächen führen, die im Streit enden. Und ganz so viel Geld will man ja auf Reisen auch wieder nicht für Getränkerunden ausgeben, die ausschließlich der Beruhigung der neuen Bekanntschaften dienen sollen. Also könnte man noch sagen, man kommt aus Eppendorf - das liegt in der Nähe von Dresden. Wobei - Dresden? Pegida!

Wie also kommt man aus der Nummer raus, dass wir Sachsen derzeit oft mit einer Mischung aus Unsicherheit, Unverständnis und Wut gesehen werden? Die Antwort: Mit Offensive! Sprechen Sie in feinstem Dialekt. Flöha ist Fleeejaaa. Und Chemnitz Koorl-Moorx-Stott. Und die Erwähnung von Oederan allein reicht schon, um beim hochdeutsch sprechenden Gesprächspartner die gewünschte Mischung aus Mitleid und Verständnis zu erlangen. Getreu dem Motto: "Na ihr habt ja nicht viel mehr als Wald." Und dann jammern Sie. Sagen Sie, dass es schlimm ist. Alles. Dass man ja nach Einbruch der Dunkelheit nicht mal mehr mit dem Tretroller über einen Feldweg fahren kann, ohne über einen Ast zu fallen. Dass der Verschlusshebel der Tür der dritten Umkleidekabine im vierten Gang links im Hallenbad schon wieder nicht richtig funktioniert. Dass an all dem nur eine einzige Kreatur Schuld hat. Sagen Sie ruhig Kreatur. Die Zeiten sind rau. Und da muss der Biber eben mal durch.

Ja, richtig gelesen. Der Biber ist schuld. Nicht der Justin. Der wäre ganz bestimmt auch sehr gern nach Chemnitz gekommen, um für den Frieden zu singen und allen endlich mal zu erklären, was ein Häschtägg ist. Er konnte aber nicht. Musste an seiner Verlobten knabbern. Und außerdem wird der Justin mit ie geschrieben. Bieber also. Der an allem Schuld habende Biber allerdings ist kleiner, hat mehr Haare und singt besser. Und er hat dafür gesorgt, dass die Umgehungsstraße von Flöha nach Falkenau auch in den nächsten 729 Jahren nicht gebaut wird. Denn nach jahrelangen Planungen und Prüfungen haben die Planer und Prüfer jetzt erst festgestellt, dass hier Biber wohnen. Erzählen Sie das mal im Urlaub. Glaubt Ihnen keiner.

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