Die Backstube ist ihr zweites Wohnzimmer

Es gibt immer weniger Bäcker in Mittelsachsen. 57 Betriebe haben seit der Wende 1990 geschlossen. Ähnlich ist die Situation bei den Fleischern. In der Clausnitzer Bäckerei Merkel sind Vater, Sohn, Frau und Schwiegertochter ein eingespieltes Team.

Clausnitz.

Es war für Jürgen Merkel schon immer ein Traum, Bäcker zu werden und ein eignes Geschäft zu besitzen. Nach seiner Armeezeit hat er noch zu DDR Zeiten den Meisterbrief abgelegt. Seit 1987 betreibt der gebürtige Müdisdorfer nun im erzgebirgischen Clausnitz ein Geschäft mit sieben Angestellten. 1992 hat er das Haus gekauft und wenig später seine Backstube renoviert.

"Wir sind eine eingeschworene Truppe, jeder kann sich auf den anderen verlassen, und wenn Not am Mann ist, springt einer für den anderen ein", erzählt Jürgen Merkel. Dass Ehefrau Beate und er am frühen Abend ins Bett gehen, um täglich, außer sonntags, 23.30 Uhr aufzustehen und wenige Minuten später in der Backstube zu stehen, daran hätten sie sich längst gewöhnt. Etwa 30 Minuten später kommen die vier Mitarbeiter dazu, die mit Jürgen Merkel in der Backstube arbeiten.

An einem ganz gewöhnlichen Tag werden über 1000 Brötchen und 120 Brote der verschiedenen Sorten gebacken. Dabei würden sich das dunkle Brot aus Sauerteig und die Dinkel-Brötchen immer mehr durchsetzen, ist vom Bäckermeister zu erfahren. In einer normalen Karnevalszeit kommen wöchentlich rund 2000 Pfannkuchen dazu. Sie sollen beim Merkel-Bäcker übrigens am besten schmecken, wird im Dorf und in der Region gemunkelt.

Jürgen Merkel versorgt nicht nur die Dorfbewohner, sondern auch vier Altenheime sowie acht Lieferstellen, die ihren Sitz zum Teil in Discountern haben. Mit den zwei Lieferwagen hat sich der rührige Geschäftsmann ein zweites Standbein geschaffen. Seit vielen Jahren sind die Autos von Montag bis Sonnabend auf Tour und beliefern die Dörfer von Nassau bis Freiberg sowie von Großwaltersdorf bis Olbernhau. Bis sie sich in den einzelnen Orten etabliert hätten, sei es oftmals ein langwieriger Prozess gewesen, ist von Jürgen Merkel zu erfahren.

Schwiegertochter Carolin ist eine der vier Fahrerinnen. "Ich übernehme gern diese Touren. Die Menschen wissen genau, wann wir kommen und schätzen unsere Ware", erzählt sie. Zudem reiche die Zeit ab und zu auch für ein kleines Schwätzchen über die Verkaufstheke hinweg.

Neben Beate Merkel, der "Allrounderin", wie Ehemann Jürgen seine Frau liebevoll nennt, ist Hannelore Meyer die gute Seele in der Bäckerei. Seit 23 Jahren gehört die jetzt 67-Jährige zum Team. "Ich kann mich nicht entsinnen, dass sie einmal länger krank war. Und wenn ich sie jetzt frage, - obwohl sie bereits ihre verdiente Rente erreicht hat - ob sie aushelfen würde, habe ich noch nie ein Nein bekommen", betont Beate Merkel.

Katrin Hofmann holt schon seit 30 Jahren bei Merkels ihre Backwaren. "Ich kaufe vor allem Franzsemmeln und Vollkornbrötchen, und bei den 30 Brotsorten kann ich eine große Abwechslung in unseren Haushalt bringen", erzählt die Kundin. Außerdem schätzt sie die Eierschecke, den Klecksel- oder Kirmeskuchen und in der Faschingszeit die viel gerühmten Pfannkuchen. "Die sind das absolute Highlight", schwärmt die Clausnitzerin.

Im Gespräch mit dem Bäcker-Ehepaar waren die Weihnachtsstollen fast ins Hintertreffen geraten. "Wir backen fünf Sorten der herkömmlichen Stollen. Sie sind sehr gefragt, wobei der Rosinenstollen immer noch eine dominierende Rolle einnimmt", erzählt Beate Merkel. Das Bäckerehepaar selbst isst natürlich auch gern Stollen. Und hält dabei an der Tradition fest, dass dieser erst am Heiligabend angeschnitten wird.

Die Nachfolge des Bäckerei-Geschäftes ist bei den Merkels schon lange geklärt. "Wir freuen uns, dass unser Sohn Oliver und seine Frau Carolin unser Geschäft einmal übernehmen werden. Wir müssen aber trotzdem noch einige Jahre wackeln", erzählt der 58-jährige Jürgen Merkel lachend. Dass sie sich einmal ganz aus der Bäckerei verabschieden werden, können sie sich derzeit aber noch nicht vorstellen, sagen die Eheleute übereinstimmend.

In loser Folge stellt "Freie Presse" in nächster Zeit Bäcker und Fleischer aus Mittelsachsen vor.


Der Nachwuchs fehlt

Die Anzahl der Bäcker in Mittelsachsen ist kontinuierlich gesunken. Gab es 1990 noch 131 Betriebe, waren es im Jahr 2000 nur noch 112, 2010 noch 107, und per 31. Dezember 2020 sind es 73. Fleischer gibt es im Landkreis derzeit 62. Die Handwerkskammer Chemnitz sieht Gründe für diesen Trend unter anderem im fehlenden Nachwuchs in den Betrieben - vor allem auf dem Land. Aufgrund des demografischen Wandels sei zudem die Nachfrage in ländlichen Regionen gesunken, Discounter würden vielfach die Versorgung mit Backwaren übernehmen, so Pressereferentin Romy Weisbach. (gel)

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