Die Bäume ächzen, die Pilze schießen

Marone, Steinpilz, Goldröhrling: Alle Welt geht derzeit in die Pilze und holt sie körbeweise aus dem Wald. Warum sie derzeit so gut wachsen, erklärt Marko Feldmann. Vor Pilz-Apps warnt er aber.

Freiberg.

Pilze sammeln erzeugt Glücksgefühle. Man kommt nicht umhin, sich diebisch zu freuen, wenn man sucht - und findet. Die sozialen Netzwerke sind derzeit voll mit geposteten Pilzfunden, auch in Mittelsachsen.

"Es sind seit drei, vier Wochen extrem große Mengen", sagt Marko Feldmann, 41, aus Dittersbach bei Frauenstein. Er ist Pilzexperte, berät Sammler und schaut sich die Funde in den Pilzkörben auf Nachfrage ganz genau an. "Zurzeit tauchen Pilze in Massen auf, die sonst nur vereinzelt zu finden sind", sagt er. Zum Beispiel Maronen mit ihren halbkugeligen, dunkelbraunen Hüten.

Doch wie kommt es zu diesem Pilzboom, wenn doch die Wälder durch Hitze, Trockenheit und Käferbefall gestresst sind? "Die Bedingungen stimmen gerade einfach: Nach langer Trockenheit hat es vor zwei, drei Wochen länger geregnet. In den Wurzeln ist das Wasser nicht angekommen, für die Pilze reicht es aber", erklärt Feldmann. Vor allem Schauer und ein Temperatursturz regen das Wachstum an. Etwa 10 bis 12 Tage danach wachsen die Pilze.

Sein Telefon klingelt im Moment sehr oft. "Viele wollen nachfragen zur allerletzten Sicherheit", erzählt er. Ferndiagnosen mache er ausdrücklich nicht. "Anhand eines Fotos kann ich zwar vielleicht einen Pilz bestimmen. Aber ich muss jeden einzelnen Pilz in die Hand nehmen. Schließlich weiß ich nicht, was ein Sammler noch so im Korb hat. Da kann auch ein giftiger dabei sein." Bei Beratungen führt er immer Protokoll. Kommt ihm ein Giftpilz unter, behält er ihn ein.

Tückisch ist etwa der Braune Fliegenpilz. Er wächst typischerweise im Gebirge und ist dem Perlpilz zum Verwechseln ähnlich. Feldmann kann sich an einen Fall von Pilzvergiftung vor Jahren erinnern. Da habe jemand mit rauschähnlichen Zuständen zu kämpfen gehabt, nachdem er einen Braunen Fliegenpilz gegessen hatte. Zu den giftigsten Pilzen in der Region zählen der Grüne und der Weiße Knollenblätterpilz. Aktuell wurden aber weder in der Freiberger noch in der Mittweidaer Notaufnahme Pilzvergiftungen registriert, heißt es auf Nachfrage in den Krankenhäusern.

Nachfragen bekommt Feldmann zum Beispiel zu Pilzen, die im Garten wachsen. "Am besten schaue ich mir das vor Ort an", sagt er. Bodenbeschaffenheit, Bäume und Zeigerpflanzen ringsherum geben Hinweise darauf, um welchen Pilz es sich handeln könnte. Einige Pilze leben in Symbiose mit bestimmten Bäumen, wie etwa der Birkenpilz mit der Birke oder die Marone mit der Fichte. Das Problem: Wenn reihenweise Fichten sterben, weil sich der Borkenkäfer durch das Holz frisst, verschwinden auch die Pilze. Noch vor drei Wochen sagte Sieglinde Köhler, Kreispilzberaterin für Mittelsachsen: "Wenn es dem Wald schlecht geht, geht es auch den Pilzen schlecht." Jetzt, da es geregnet habe, sei die Situation natürlich eine andere, sagt sie.

Von Apps zur Pilzbestimmung hält Feldmann nichts. "Wir haben das in einer Weiterbildung getestet, aber bei vielen Pilzen kommt es auf Details an. Man sollte da nicht leichtsinnig sein", warnt er. Die Pilzberatung mache er ehrenamtlich und kostenfrei. Hauptberuflich arbeitet er in der Brauerei. Wer Beratungsbedarf hat, kann sich telefonisch unter 0171 574 8667 oder per Mail an mx1dit@freenet.de melden.


No Go's beim Sammeln

Was Pilzberater strikt ablehnen, sind Pilze, die in einer Plastiktüte gesammelt werden. "Die Pilze werden innerhalb kürzester Zeit schlecht und man riskiert eine Lebensmittelvergiftung", warnt Marko Feldmann. Er empfiehlt offene Körbe.

Scharf kritisiert er, dass Spaziergänger immer wieder Müll im Wald hinterlassen. Zudem sollten man unbekannte Pilze stehen lassen und nicht zertreten. "Jeder Pilz hat seine Funktion im Wald", sagt er.

Schimmel ist Schimmel: Auch wenn ein Pilz nur eine kleine schimmelige Stelle hat, er ist verschimmelt und nicht mehr genießbar. (cor)


Tipps zur Verarbeitung

Abschneiden oder herausdrehen: "Dem Pilzgeflecht ist das egal", sagt Feldmann. Bekannte Pilze kann man abschneiden. Bei Blätterpilzen sollte man die Knolle mit herausdrehen, weil sie ein wichtiges Indiz zur Pilzbestimmung ist.

Blanchieren: Wenn man Pilze einfrieren möchte, bietet es sich an, sie mit heißem Wasser abzubrühen (blanchieren). Dadurch schrumpfen sie etwas und können platzsparender eingefrostet werden. "Bei Pfifferlingen ist das ein Muss. Frisch eingefroren, werden sie bitter", sagt Feldmann. Steinpilze hingegen friert er lieber frisch ein. "Die müssen dann aber ohne Auftauen vom Frost direkt in die Pfanne", rät er. (cor)


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