Die Sache mit dem verlorenen Schuh

Bei der Matinee zur Märchenoper "Cendrillon" ging es auch um die Frage: Wie ist das Freiberger Aschenbrödel?

In eine bezaubernde Märchenwelt entführt das Mittelsächsische Theater mit seiner Oper "Cendrillon", die am Samstagabend Premiere in Freiberg hat. Rund 30 Zuschauer erhielten bei der Matinee am Sonntag einen ersten Vorgeschmack auf die Oper von Jules Massenet. Während die Aschenputtel-Version in Freiberg zum allerersten Mal aufgeführt wird, ist der französische Komponist dem hiesigen Publikum schon bekannt. Seine Opern "Werther" und "Don Quichotte" waren in Freiberg zu erleben.

Und Jules Massenet (1842 bis 1912) hat einen besonderen Bezug zu Freiberg. Sein Vater war Bergbauingenieur und Ingenieur. Als junger Mann erhielt er 1805 die Erlaubnis, in die Freiberger Bergwerke einzufahren und Vorlesungen zu besuchen. Weitere Belege für ein Studium gibt es nicht. "Aber aller Wahrscheinlichkeit nach hat er an der Freiberger Bergakademie studiert", berichtete Musikdramaturg Christoph Nieder. Später sei der Vater reich und erfolgreich geworden - habe seinem Sohn eine Komponisten-Karriere ermöglichen können.

Aschenputtel, Cinderella, Cendrillon - der Chinese Ye Xian erzählte schon im 9. Jahrhundert von einem schönen armen, aber fleißigen Mädchen erzählte, dessen Geschichte an Aschenbrödel erinnert. "Tolles Kleid, goldene Schuhe, Verlust des Schuhs und Schuhprobe waren schon enthalten", sagte Oberspielleiterin Judica Semler (Foto), die Regie führt. Attraktivität und Schönheit seien in unserer heutigen, schnelllebigen Zeit vielen Menschen sehr wichtig, so Semler und erinnerte an die zahllosen Selfies, die verschickt werden. "Unsere Sängerinnen sind auch alle wunderschön", so die Regisseurin. Und Dramaturg Nieder ergänzte: "Sonst wären sie ja auch nicht engagiert worden." Beifälliges Gelächter im Publikum. Letztlich fand das Freiberger Theater eine Möglichkeit, dem derzeitigen Schönheitsbegriff etwas entgegenzusetzen. Wie das geschieht, soll an dieser Stelle aber noch nicht verraten werden. Nur soviel: Die zweifelsohne attraktive Sopranistin Dimitra Kalaitzi-Tilikidou, die für ihre Arie als Aschenputtel zur Matinee viel Beifall bekam, hebt sich rein äußerlich deutlich von ihren beiden bösen schönen Schwestern ab. Denn Dorothèe (Alice Hofmann) und Noémie (die erste Rolle von Lindsay Funchal nach dem Babyurlaub, Foto) stehen ständig vor dem Spiegel, schminken und stylen sich. Und auch der "mittelbösen", herrschsüchtigen Stiefmutter ist ihr eigenes Äußeres sehr wichtig: Gast Katalin Kajan bot in der Rolle eine Arie dar, in der sie ihre Vorfahren "Miss Berlin, Miss Freiberg und Miss World" besingt.

Die aufwendigen Kostüme der Inszenierung stellte Nina Reichmann an einer Wand mit Fotos aus Zeitschriften und Grafiken vor. Der König (Elias Han) beispielsweise ist an Modedesigner Harald Glööckler angelehnt. Im Kontrast zu den opulenten Kostümen ist das Bühnenbild von Ulv Jakobsen eher spartanisch gehalten.

Erstmals bei einer Matinee in Freiberg dabei war Jörg Pitschmann, der neue Erste Kapellmeister. Er ist der Nachfolger von Juheon Han, der zum Musiktheater im österreichischen Linz gewechselt ist. Jules Massenet steht unter dem Einfluss von Richard Wagner, sagte Pitschmann. Massenet wiederum habe Claude Debussy und Giacoma Puccini beeinflusst. Am Klavier spielend, erläuterte der musikalische Leiter die drei musikalischen Elemente von "Cendrillon": Die Welt der Stiefmutter, der Schwestern und des Königs weise Stilmittel der Barockzeit auf, die teils ironisierend eingesetzt werden. Die Welt der Fee (Lisa Schnejdar) habe "schwebende, duftende Klänge" des Impressionismus. Und die Welt, zu der Aschenputtel und der einsame, unglückliche Prinz gehören, sei voller Pathos und Leidenschaft - also Grand Opera im besten Sinne. Als schmachtender, verzweifelter Prinz bot Tenor Johannes Pietzonka zur Matinee eine erste Kostprobe. Zur Premiere am 19. Oktober in Döbeln hatte das Publikum gejubelt. "Eine tolle Oper für junges Publikum", schrieb ein Rezensent.

Die Premiere in Freiberg findet am Samstag, 19.30 Uhr im Theater statt. Es gibt noch Karten.

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